Nachkriegsgeheimnisse Die Jagd nach dem deutschen Duft

Eingeschüchtert, entführt, verhört: Nach dem Zweiten Weltkrieg holte die britische Eliteeinheit T-Force Hunderte deutsche Wissenschaftler nach Großbritannien. Doch sie hatten es nicht nur auf Militärtechnologie abgesehen, wie neue Dokumente belegen. Es ging auch um Firmengeheimnisse.


Hamburg - Die Männer der T-Force kamen unangemeldet, oft mitten in der Nacht. Sich auszuweisen kam für die Elitetruppe nicht in Frage. Ihre Mission: deutsche Wissenschaftler und Techniker nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs nach Großbritannien zu bringen. Einige gingen freiwillig mit, andere wurden kurzerhand entführt. Der Auftraggeber: die britische Regierung. Die National Archives in Kew haben laut "Guardian" nun neue, bislang streng geheime Dokumente freigegeben, die die Arbeitsweise der T-Force offenlegen.

Rund 1500 Deutsche waren demnach in der unmittelbaren Nachkriegszeit von diesem "Programm" betroffen. Das geht aus Schätzungen hervor, die Mitarbeiter der Militärregierung im Juli 1946 dem britischen Außenministerium zur Verfügung stellten. "Langfristig schlagen wir vor, sie (die Wissenschaftler, Anm. d. Red.) so schnell wie möglich aus Deutschland herauszubringen, ob sie nun wollen oder nicht", zitiert der "Guardian" aus den Akten.

Wie die T-Force arbeitete, beschrieb ein ziviler Mitarbeiter der Militärregierung in Norddeutschland dem Blatt zufolge in einer Notiz im August 1946: "Normalerweise erscheint ein Unteroffizier ohne Anmeldung am Haus oder Büro des Deutschen und warnt ihn vor, dass er gebraucht werde. Er teilt ihm keine Details zu den Gründen mit, und er weist sich auch nicht aus. Kurz darauf wird der Deutsche gefasst (oft mitten in der Nacht) und unter Bewachung mitgenommen." Das Vorgehen der Soldaten erinnere an die Gestapo und verbreite Angst und Unsicherheit, kritisiert der Schreiber. Die Wissenschaftler würden einfach entführt. Einige wurden den Akten zufolge in einem Lager in Frankfurt befragt, teils für mehrere Monate, andere zum Arbeiten nach Großbritannien gebracht.

Die Forscher wurden mitgenommen - aber die Familien blieben zurück. Diejenigen, die in Großbritannien arbeiten mussten, wurden dafür zwar bezahlt, ihre Angehörigen wurden jedoch zunächst offenbar nicht versorgt. Im Juni 1945 wurden den Unterlagen zufolge 50 Forscher auf einmal aus ihren Häusern in Magdeburg getrieben und mitgenommen - aus der sowjetisch besetzten Zone. Die Deutschen hätten darüber geklagt, dass sie ihr Zuhause, ihre Arbeitsstelle und ihre Rentenansprüche verlören.

"Eine Methode, die vorübergehende Blindheit auslöst"

Verantwortlich für das Vorgehen waren zwei Geheimdienst-Organisationen, die wiederum die T-Force beauftragten: das British Intelligence Objectives Sub-Committee (Bios) und die Field Information Agency Technical (Fiat). Die britische Militärregierung setzte sich im Mai 1946 den Dokumenten zufolge gegenüber den Bios-Verantwortlichen dafür ein, dass die Familien der Wissenschaftler mit dem Nötigsten versorgt würden. Einige Familien seien völlig mittellos. Im Oktober 1946 - nachdem die US-Armee den Briten verweigert hatte, weitere Forscher aus der amerikanischen Zone ohne Bezahlung mitzunehmen - willigten die Briten schließlich ein: Die Angehörigen der wissenschaftlichen Überflieger sollten mit Lebensmitteln und Kohle zum Heizen versorgt werden.

Unter den gefragten Wissenschaftlern waren laut "Guardian" Experten für Unterwasserakustik, Infrarot-Technologie, Elektronenmikroskope, Munition, Optik und Flugzeugturbinen. In den Archiven sind demnach außerdem Listen zu finden, die nahelegen, dass die Briten nach Spezialisten suchten, die sich mit "einer Methode auskennen, die mit UV-Licht vorübergehende Blindheit auslöst", die das hochgiftige Sarin-Gas herstellen konnten oder mehr über "chemische Kriegsführung" wussten.

Die Briten waren nicht die Einzigen, die schlaue Köpfe und Wissen aus Deutschland suchten. Auch die anderen Siegermächte - die Sowjetunion, Frankreich und die USA - versuchten ihr Glück, mal mehr, mal weniger nachdrücklich. Die USA etwa boten Spitzenkräften die amerikanische Staatsbürgerschaft an - einer davon war Wernher von Braun, einstiger Raketentechniker der Nazis und Vater der "Vergeltungswaffe 2", der V2-Rakete. Er stellte sein Wissen später in den Dienst der Nasa und entwickelte die Saturn-V-Rakete, die 1969 die Astronauten der US-Mission Apollo 11 als erste Menschen auf den Mond brachte.

Bergbau, Kämme - und Kölnisch Wasser

Das britische Interesse richtete sich allerdings nicht nur auf Rüstungstechnologie, sondern auch auf deutsche Erfolgsprodukte. Industrielle wollten Informationen aus Deutschland über Kohlebergbau, Kammherstellung und Drucktechnik. Und sie wollten die Geheimnisse der führenden deutschen Parfümhersteller. Nach Angaben von Julia Draper, einer ehemaligen zivilen T-Force-Mitarbeiterin, war die Ausbeutung von Industriegeheimnissen den Briten ein ebenso großes Anliegen wie die von Rüstungstechnologie.

Per Telefon versuchten im November 1946 drei Mitglieder eines Bios-Teams laut einem Bericht des "New Statesman", dem Erfolgsrezept des Kölnisch Wassers "4711" auf die Spur zu kommen. Das Interesse an der damals weithin bekannten Marke war groß: In dem Team waren unter anderem Vertreter der Kosmetikhersteller Pears Soap, Max Factor und Yardley. Die drei Briten riefen bei der Erbin des Familienunternehmens an, einer den Angaben zufolge kränkelnden älteren Frau. Als es ihr schlechter ging, drohten sie, ein Gefängnisfahrzeug zu rufen und sie in ein Knastkrankenhaus bringen zu lassen. Am nächsten Tag, schreibt der "Guardian", hätten sie es erneut versucht - offenbar ohne Erfolg.

Laut Insiderin Draper kamen viele Anfragen an die T-Force vom damaligen britischen Verteidigungsministerium - etliche aber auch von britischen Unternehmen wie dem Chemieriesen ICI, der heute einer der weltweit führenden Hersteller von Chemieprodukten ist. "Einige dieser Wissenschaftler waren bemerkenswert wichtige Leute auf ihrem Gebiet", sagte sie dem "Guardian". "Man konnte viel von ihnen lernen." Die rigorosen Methoden der T-Force bestätigt sie. "Die T-Force war eine eigenartige Organisation", sagte sie, "sehr, sehr eigenartig."

ffr



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