Nixons Nachlass Tricky Dicks Schrei nach Liebe

Es ist ein historischer Schatz, der düstere Geheimnisse birgt - jetzt wurde er der Öffentlichkeit zugänglich gemacht: 78.000 Seiten Notizen und Akten aus dem Besitz Richard Nixons. Die Unterlagen zeigen: Der frühere Präsident, genannt Tricky Dick, war besessen. Von seinem Image und der Macht.

Von Axel Frohn, Washington


Washington - "Lyndon Johnson galt als Mann mit vielen Fehlern", so schrieb der US-Präsident Richard Nixon in einem weitschweifigen elfseitigen Memorandum an seinen Stabschef im Weißen Haus, doch auch als "der am härtesten arbeitende Präsident" seit vielen Jahren. Harry Truman würde in die Geschichte eingehen wegen "seines Muts, seiner Substanz und seiner freimütigen und unbekümmerten Art". John F. Kennedys Außenpolitik "war ein völliges Desaster, wie Henry Kissinger immer wieder betont, doch wurde er durch seinen Charme gerettet". Dwight D. Eisenhower erschien schon überlebensgroß, bevor er das Präsidentenamt antrat, und galt dann als "warmer, freundlicher, gerechter Mann", während es sich tatsächlich um eine "distanzierte, nüchterne, eben militärische" Person gehandelt habe.

Nixons öffentliches Ansehen nahm sich dagegen - nach seiner Selbsteinschätzung - bescheiden aus. "Er gibt sein Bestes in einem harten Job, zumindest versucht er, uns aus dem Vietnamkrieg herauszuholen - und er ist ein vorsichtiger, besonnener Mann." Keine dieser Qualitäten, sinnierte der Präsident, war von besonderer Bedeutung, wenn seine Wiederwahl anstand. "Es geht nicht darum, was der Präsident tut", philosophierte Nixon weiter, "sondern um die Aura des Amts, den geheimnisvollen Nimbus, der um ihn herum geschaffen wird. Daraus entwickelt sich der sechste Sinn der Wähler, der dazu führt, dass sie ihn auch in schwierigen Zeiten unterstützen."

Das merkwürdige Schriftstück gehört zu einer Sammlung von 78.000 Seiten politisch besonders empfindlicher Akten und Wahlkampfunterlagen aus Nixons Privatpapieren, die in der vergangenen Woche freigegeben worden sind. Anlass dazu war die offizielle Übernahme der bisher privat geführten Nixon-Bibliothek in Yorba Linda, Kalifornien, durch das US-Nationalarchiv. Damit finden jahrelange gerichtliche Auseinandersetzungen zwischen der Nixon-Familie und der US-Regierung über den Nixon-Nachlass ihren Abschluss. 46 Millionen Seiten Akten, 3700 Stunden Tonbandaufnahmen und Abertausende Filme und Fotos sollen jetzt aus dem Nationalarchiv in Washington nach Yorba Linda verlagert werden. Nixons Präsidentschaft wird damit die am besten dokumentierte Regierung in der US-Geschichte sein.

"Die Herausforderung besteht darin", sagt der neue Bibliotheksdirektor Timothy Naftali, "eine kontroverse, traumatische und wichtige Geschichte ausgewogen und historisch zutreffend zu präsentieren." Einen Anfang hat er bereits gemacht. Eine Ausstellung, die Nixons Machtmissbrauch und den Watergate-Skandal aus der beschönigenden und verharmlosenden Sicht der Nixon-Anhänger zeigte, wurde bereits demontiert. Eine wissenschaftlich fundierte Version soll sie ersetzen.

Vom Wahlvolk geliebt werden

Offenbar wollte Nixon, von einer politischen Gegnerin mit dem Beinamen Tricky Dick versehen, vom Wahlvolk geliebt werden wie der ermordete John F. Kennedy. Doch im Vergleich zu dem ehemaligen Rivalen, der ihn im Präsidentschaftswahlkampf 1960 geschlagen hatte, wirkte Nixon unelegant, uneloquent und ungelenk. Seine Regierung vermittelte den Eindruck einer "effizienten, kalten Maschine". Dem wollte er das Bild des warmen, sorgenden Staatsoberhaupts entgegenstellen.

"Es gibt zahllose Beispiele für solche Wärme-Angelegenheiten", schrieb Nixon. "Wir haben jeden andern Präsidenten in diesem Jahrhundert darin übertroffen, uns zu verrenken, um zum Kabinett, den Mitarbeitern, dem Kongress usw. überfreundlich zu sein, etwa um Weihnachten herum, und zwar auf eine Art und Weise, die persönliche Fürsorge zeigt, nicht nur für sie, sondern auch für ihre Familien. (...) Kein Präsident könnte in dieser Hinsicht mehr getan haben als ich, insbesondere indem ich sie als würdevolle menschliche Wesen behandelt habe und nicht wie Dreck unter meinen Füßen."

Nixon betrachtete es als einen "ganz schwerwiegenden Fehlschlag der Öffentlichkeitsarbeit", dass die warme, fürsorgliche Seite seiner Persönlichkeit in den ersten beiden Jahren seiner Präsidentschaft nicht an die Wähler hatte vermittelt werden können. "Was dieses ganze Wärme-Geschäft angeht", bestand Nixon allerdings darauf, die Medien "nicht mit der Nase darauf zu stoßen. Wir erlauben ihnen, solche Dinge zu entdecken." Außerdem gehörte zu dem Eindruck, den er erwecken wollte, dass der Präsident über der Parteipolitik stünde und auch zu seinen politischen Gegnern eine "völlig aufrichtige Haltung" einnähme.



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