NS-Verbrechen Gericht zeigt Milde gegen mutmaßlichen KZ-Wächter

In letzter Minute hat ein US-Einwanderungsgericht die Auslieferung des mutmaßlichen KZ-Wächters John Demjanjuk nach Deutschland gestoppt. Möglicherweise muss nun das gesamte Abschiebeverfahren gegen den 89-Jährigen neu aufgerollt werden.

Aus Cleveland berichtet


Cleveland - Eigentlich hätte am morgigen Montag ein Wagen der US-Einwanderungsbehörde ICE vor dem gelben Farmhaus in Seven Hills, einem Vorort von Cleveland, vorfahren sollen. Die Beamten hätten John Demjanjuk zum Flughafen gebracht, ein Polizist und ein Arzt wären mitgeflogen - so hatten es Justiz- und Innenbehörden der USA und Deutschlands vereinbart. In München hätte ein Staatsanwalt den mutmaßlichen KZ-Wachmann in einem abgeschirmten Bereich des Airports in Empfang genommen und ins Gefängnis gebracht.

Mutmaßlicher Kriegsverbrecher Demjanjuk: Ein Prozess "käme Folter gleich"
AFP

Mutmaßlicher Kriegsverbrecher Demjanjuk: Ein Prozess "käme Folter gleich"

Aber all das ist erst einmal gestoppt. Am Freitagabend gab ein Einwanderungsrichter in Arlington, in der Nähe der US-Hauptstadt Washington, einem Eilantrag Demjanjuks statt. Das Deportationsverfahren ist damit ausgesetzt. Der Richter hat sich offenbar von den Argumenten beeindrucken lassen, wonach der 89-Jährige zu krank sei, um abgeschoben zu werden. Wenn ihm Deutschland in diesem Zustand den Prozess machte, "käme das Folter gleich", schrieb der mutmaßliche Kriegsverbrecher in seiner Eingabe.

Die Nazi-Jäger-Einheit OSI der amerikanischen Justizbehörde hatte dagegen auf schnelle Auslieferung gedrängt - für sie ist die Entscheidung eine ärgerliche Niederlage. Mit seinem Spruch hat der Richter nun Zeit gewonnen für die Frage, ob er Demjanjuk auch in einem zweiten Punkt recht geben will und das Abschiebeverfahren gegen ihn neu eröffnet werden muss.

Seit 32 Jahren beschäftigt sich die US-Justiz mit Demjanjuk

Die US-Justiz beschäftigt sich bereits seit 32 Jahren mit dem Fall Demjanjuk. 1977 begannen US-Behörden gegen den Ford-Arbeiter zu ermitteln - wegen des Verdachts, er sei ein Scherge der Nazis gewesen. Sie lieferten ihn 1986 nach Israel aus, wo er zum Tod durch den Strick verurteilt wurde. Er sei "Iwan der Schreckliche" gewesen, der berüchtigte Operateur der Gaskammern im Vernichtungslager Treblinka.

Nach jahrelanger Revision nahm das Gericht 1993 sein Urteil zurück und stellte fest, dass "Iwan der Schreckliche" höchstwahrscheinlich jemand anderes war. Demjanjuk kehrte nach Ohio zurück. Aber 2002 entzog ihm ein Gericht in Cleveland erneut die Staatsbürgerschaft. Der Vorwurf: Demjanjuk sei KZ-Wachmann gewesen, nicht in Treblinka, aber in der Todesfabrik Sobibor, ebenfalls im besetzten Polen.

Demjanjuk ging gegen diese Entscheidung erneut in Berufung, bis in die oberste Instanz. Doch im Mai 2008 schmetterte der Supreme Court seinen letzten Antrag ab. Seitdem war er staatenlos und konnte theoretisch in jedes Land abgeschoben werden, das sich bereit erklärte, ihn aufzunehmen. Es erklärte sich nur keines bereit.

Bis die Münchner Staatsanwalt vor drei Wochen einen Haftbefehl ausstellte und damit den Weg für einen Prozess in Deutschland freimachte. Sie wirft Demjanjuk Beihilfe zum Mord in 29.000 Fällen vor: So viele Menschen wurden in Sobibor vergast, erschossen oder auf andere Weise grausam getötet, während Demjanjuk dort Wachmann gewesen sein soll. Von April 1942 bis November 1943 ermordeten die Nazis mithilfe von 120 ehemaligen sowjetischen Kriegsgefangenen mehr als 250.000 Menschen in Sobibor.

"Jede Menge Hinweise"

"Es gibt jede Menge Beweise, dass Demjanjuk am Völkermord beteiligt war", sagt der frühere Staatsanwalt Jonathan Drimmer. Demjanjuk selbst hat das stets bestritten. Aber um diese Fragen geht es im Moment nicht. Der Rentner beruft sich allein auf seine schlechte Gesundheit, die einen Prozess in Deutschland zur "Folter" machte, wie er sagt. Demjanjuk leidet an einer Vorform von Blutkrebs, an Nierensteinen, Rheuma und Rückenbeschwerden.

Als ihn ein US-Amtsarzt am vergangenen Donnerstag zu Hause untersuchte, saß Demjanjuk apathisch auf dem Bett und klagte stöhnend über Schmerzen. "Was passiert mit mir in Deutschland? Das ist Ihnen egal", wimmerte er.

Sohn John Junior filmte den Arztbesuch, um den schlechten Gesundheitszustand seines Vaters öffentlich zu dokumentieren. Er ist überzeugt: "Wenn die Deutschen wüssten, wie es um meinen Vater wirklich bestellt ist, würden sie ihn nicht vor Gericht stellen." Auch dessen mentalen Zustand führt er an: Acht Jahren Einzelhaft in Israel, "davon sechs mit einem Todesurteil, sind eine Erfahrung, die permanente Narben, Ängste und Verletzlichkeiten hinterlässt".

Dem Einwanderungsrichter genügte das, um den Aufschub der Abschiebung anzuordnen. OSI-Chef Eli Rosenbum argumentierte hingegen, die medizinischen Berichte belegten nicht Demjanjuks Gebrechlichkeit, sondern im Gegenteil "demonstrieren sie über jede Frage hinaus, dass er Reise und Gefangenschaft überstehen würde".

Nicht gänzlich weiße Weste

Das OSI hat im Fall Demjanjuk eine nicht gänzlich weiße Weste. Er sollte einer ihrer Vorzeigefälle werden, ein ganz großer Fisch und deshalb ignorierten die OSI-Chefs die Einwände eines ihrer peniblen Ermittler. Der hatte schon 1980 festgestellt, Demjanjuk könne nicht Iwan gewesen sein, wohl aber Wachmann in Sobibor. Das OSI unterschlug diese Hinweise.

1993 stellte deshalb ein Richter fest, das OSI habe die US-Justiz "betrogen". Seither ist sich sein Sohn John Junior sicher, das OSI betreibe einen "Rachefeldzug" gegen seinen Vater. Die Motivlage der deutschen Behörden sei jedoch anders: Sie wollten davon ablenken, dass sie früher Kriegsverbrecher "nicht besonders aggressiv verfolgt" hätten.

Der Sohn hat es sich zur Lebensaufgabe gemacht, seinen Vater zu verteidigen. Er sagt, dass er fest an dessen Unschuld glaube. "Mein Papa hat niemanden umgebracht." Aber eine stimmige Erklärung, wo denn sein Vater während des Krieges tatsächlich gewesen ist, hat er nicht. Er kann die vielen Indizien und Beweise nicht entkräften, die dafür sprechen, dass Demjanjuk in Sobibor war. Er kann Zweifel an Details wecken, mehr nicht.

John Junior findet es merkwürdig, dass ausgerechnet die Deutschen seinen Vater jetzt verfolgen wollen. Die Deutschen, gegen die sein Vater in der Roten Armee kämpfen musste. Die Deutschen, die ihn unter grausamen Bedingungen in Kriegsgefangenschaft vegetieren ließen. Die Deutschen, die seine Mutter mit 16 Jahren aus ihrer Heimat entführten und als Zwangsarbeiterin nach Berlin brachten. "Und die Deutschen wollen jetzt meinem Vater wieder die Heimat rauben?"

Der Westen tat sich bislang schwer, sowjetische Kriegsgefangene zu verfolgen, die als KZ-Wächter in den Diensten der Nazis standen. Nur wenige mussten sich verantworten. In der Sowjetunion war das anders. "Wer in den Lagern getötet hatte, wurde exekutiert", sagt Peter Black, Chefhistoriker des Holocaust-Museums in Washington. "Die anderen bekamen lebenslänglich."



© SPIEGEL ONLINE 2009
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.