Terror-Anatomie Die Generation Pop-Dschihad

Im Internet hat al-Qaida in den vergangenen Jahren zahlreiche neue Anhänger gefunden. Ausgerechnet hier zeigt sich aber auch, wie verschiedenartig die Schar der Sympathisanten ist. Für die einen ist es Ideologie, für andere kaum mehr als eine Mode.

Von Yassin Musharbash


Berlin - Was geht in den Köpfen von Bin-Laden-Verehrern vor sich? Auf der Suche nach einer Antwort sind dschihadistische Internet-Diskussionsforen eine der besten Quellen. Hier wird Ideologie verbreitet, Nachwuchs rekrutiert, Propaganda betrieben und debattiert: über Ziele, Taktiken, Strategie. Im Internet können sich angehende Dschihadisten auf den virtuellen schwarzen Brettern erkundigen, wo sie Waffen bekommen, wie man in den Irak gelangt oder ob jemand eine Moschee kennt, die einem bei der Ausbildung zum Dschihad-Kämpfer den Weg weisen kann.

Doch es gibt auch andere Diskutanten. Sie unterscheiden sich von den kampfeswilligen Verbal-Terroristen vor allem dadurch, dass sie Osama Bin Laden und seine Gefährten nicht so sehr als Kriegsherren oder religiöse Führer bewundern - sondern als Popstars. Sie geben Anlass zu der Vermutung, dass al-Qaida nicht nur Hardcore-, sondern auch Softcore-Anhänger hat. Sind sie die neue "Generation Pop-Dschihad"? Ihren Protagonisten kann man sich nur über die Spuren annähern, die sie hinterlassen. Und das sind vor allem Bilder.

Die gewaltige Bergkette mit scharfen Graten und tiefen Schluchten ist in rotes Licht getaucht. Links im Bild sind Teile einer Landkarte Afghanistans zu sehen. Über der Szenerie zieht bedrohlich ein US-amerikanischer Bomber seine Kreise. Ein halbes Dutzend bewaffnete Mudschahidin heben sich teils nur in Umrissen, teils scharf erkennbar vom Hintergrund ab, was dem Bild Tiefe gibt und den Eindruck erweckt, hier werde nicht eine einzelne Szene, sondern eine ganze Geschichte vermittelt. "Indiana Jones und die Höhlen des Hindukusch": Gäbe es diesen Film, "Abu Huzeifa" hätte das perfekte Plakat dafür entworfen. Doch hier geht es um einen anderen Film. Denn einer der abgebildeten Mudschahidin ist Osama Bin Laden, und das Bild heißt "Der Löwe von Tora Bora".

"Kinder der Moderne - in jeder Hinsicht"

Montagen solcher Art sind längst Dutzendware auf islamistischen Internetseiten. Oft werden sie von Diskussionsteilnehmern wie Visitenkarten an ihren Meinungsbeitrag angehängt. Zum Teil sind es handwerklich anspruchsvolle Arbeiten, die die Qaida-Fans vorstellen. Sie müssen Stunden am Rechner gesessen haben, vielleicht Tage, um ein Dschihad-Plakat zu entwerfen. Sie beherrschen Techniken und Computerprogramme, die darauf schließen lassen, dass sie einen gewissen Ausbildungsgrad haben oder hingebungsvolle Autodidakten sind. Am interessantesten aber ist, dass die Formensprache, die sie häufig wählen, keine nahöstliche, arabische oder islamische ist: Die gesamte Ästhetik dieser Werke ist an westlichen Filmplakaten geschult.

"Viele dieser Jungs", sagt Herbert Landolin Müller, Leiter der Kompetenzgruppe Islamismus beim Landesamt für Verfassungsschutz in Baden-Württemberg, über die im Internet aktiven Qaida-Anhänger, "sind bessere Okzidentalisten, als wir Orientalisten sind." Er sieht sie als "Kinder der Moderne - in jeder Hinsicht". Damit meint er, dass sie mit der westlichen Ästhetik, Bildsprache und Programmiertechnik vertraut sind, weil das auch in der islamisch-arabischen Welt erhältlich, konsumierbar und erlernbar ist. Und falls die Webaktivisten im Westen leben, sind sie sogar permanent davon umgeben.

Wenn jemand Bin-Laden-Plakate nach westlichem Vorbild produziert, dann spricht er letztlich eine Fremdsprache. Die Montagen stellen also eine Kontaktaufnahme mit dem Feind dar. Die Aktivisten wissen, dass ihre Websites längst auch im Westen wahrgenommen werden. Die erste Botschaft lautet: "Unser Indiana Jones ist Osama Bin Laden. Er ist genauso cool, genauso lässig, und das Beste ist - er ist echt." Das zweite Signal ist etwas subtiler. Es bedeutet: "Glaubt bloß nicht, dass wir primitiv und zurückgeblieben sind. Wir können mit eurer Technik umgehen, wir können euch sogar kopieren und in euren eigenen Disziplinen übertreffen".

In den meisten islamischen und in fast allen arabischen Ländern haben die Regierungen komplett darin versagt, Arbeitsplätze für die nachwachsenden, geburtenstarken Jahrgänge zur Verfügung zu stellen. Gehemmt durch bizarr hohe Rüstungsausgaben, Korruption und schlampige Regierungsarbeit ist über Jahrzehnte hinweg viel zu wenig Geld für intelligente Wirtschaftsförderung aufgewendet worden. Deswegen haben in vielen dieser Länder eine Menge sehr gut ausgebildeter junger Menschen keine Aufstiegschancen, ja nicht einmal Einstiegschancen. Der Human Development Report für die arabische Welt, den die Uno angefertigt hat, beschreibt diese Missstände schonungslos.

Einige dieser Benachteiligten dürften sich auch unter den Terror-Künstlern finden, denn so können sie erlernte, aber auf dem Arbeitsmarkt nutzlose Fähigkeiten ausleben. Ihre Treibfeder: eine Mischung aus Frust über das eigene Leben und Begeisterung dafür, dass einer endlich einmal etwas unternimmt - und sich auch gegen die Regierungen wendet, die ihrer Meinung nach mitschuldig sind an der katastrophalen Lage der arabischen Jugend. Sie projizieren ihre Wünsche auf Bin Laden, Aiman al-Sawahiri und andere Terrorführer, und machen sie so zu Popstars, wie es sie auf der ganzen Welt gibt. "Die jungen Araber sehnen sich nach Siegertypen", meint der jordanische Qaida-Experte Fuad Hussein. Nach Arabern, die Erfolg haben, Angst verbreiten und Respekt erfahren.

Bin Laden, der "leuchtende Stern"

Terror und Populärkultur: Auch andere Beispiele zeigen, dass es zwischen diesen beiden Sphären, die so entgegengesetzt scheinen, zumindest für eine kleine Gruppe von Personen Schnittmengen gibt. Anfang 2004 etwa machte in London ein Rapvideo Furore, das die Attentäter des 11. September 2001 verherrlichte. In dem Song wird zum Dschihad aufgerufen, Bin Laden als "leuchtender Stern" gepriesen. Und die panarabische Tageszeitung "al-Scharq al-Awsat" befasste sich im Juli 2005 in einem Debattentext mit der Frage, wie man junge Saudiaraber davon abhalten könne, in die "Terrorfalle" zu tappen. Der Autor beklagte, dass Dschihad-Propagandisten ungehinderten Zugang zu Schulkindern hätten und ihnen Flausen in den Kopf setzten. "Schnelle Autos, Fußball oder al-Qaida? Entscheidungen über Entscheidungen!", lautete die Überschrift. Die Gründe, sich al-Qaida zuzuwenden, sind möglicherweise äußerst banal, so die Befürchtung.

Dazu passt, was der Islamwissenschaftler Reinhard Schulze in einem Interview mit der "Neuen Zürcher Zeitung" ausgedrückt hat: dass der Dschihad für ein bestimmtes Segment der Qaida-Anhängerszene nämlich nicht die einzige prägende Kraft ist. "Der Dschihad ist wie eine Jugendbewegung", meint Schulze. "Das Einzige, was optimistisch stimmt, ist, dass es in diesen Kreisen neben der Idee vom Dschihad weitere Deutungsangebote gibt. Das beginnt mit Heavy Metal, das kann Hiphop sein, das kann irgendetwas sein. Man soll ja nicht glauben, dass die muslimischen Jugendlichen allein einer Dschihad-Idee anhängen. Viele sind auf irgendeine aktuelle Szene-Kultur eingeschworen."

Pop-Dschihad als Modeerscheinung?

Niemand kann sagen, wie groß die "Generation Dschihad-Pop" unter den Qaida-Sympathisanten ist. Diese Anhänger Bin Ladens sind aber wohl ein geringeres Sicherheitsrisiko als solche, die ideologisch stärker an die Bewegung gebunden sind. Einige der Pop-Dschihadisten würden vermutlich einer Green Card für die USA den Vorzug vor einem Ticket in den Dschihad geben.

Dennoch spielt diese Generation innerhalb der neuen Qaida eine wichtige Rolle. Schließlich basiert die Struktur des Netzwerks darauf, dass sie von Tausenden anonymen Sympathisanten gestützt wird.

Für die Zukunft von al-Qaida bedeutet dieses Phänomen zweierlei: Einerseits führt die Vermischung von Terror, Pop und Jugendrebellion dazu, dass die Unterstützerkreise immer größer werden. Im Gegenzug rückt das Ikonographische der Dschihad-Idee zunehmend in den Vordergrund. Die Folge: Die Ideologie der Organisation wird immer weiter verwässert.



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