Terror-Aufarbeitung New Yorks trotzige Seelen

Von , New York

2. Teil


Doch die Zeit verging. Babys wurden geboren, Bäume blühten, neue Wolkenkratzer wuchsen langsam in den Himmel. "Man konnte richtig spüren, wie dann auf einmal alles wieder besser wurde", sagt Bonanno und wippt auf seinem Bürostuhl. "Eines Tages kamen die Flugzeuge zurück, die so lange nicht über Manhattan fliegen durften. Über dem Yankee-Stadion kreisten wieder die Zeppeline. Freude erfüllte die ganze Stadt."

Und hier wird das Ganze auch schon brenzlig. Denn alles, was mit der Psyche zu tun hat, mit Gefühlen, Gedanken und Emotionen, ist naturgemäß kaum quantifizierbar. Seit jeher bemüht sich die Psychobranche, als Wissenschaft ernst genommen zu werden - und das nicht immer erfolgreich. Der 11. September und dessen Folgen stellten nun eine völlig neue Herausforderung dar.

Bonanno glaubt jedoch unbeirrbar, Gefühle empirisch erfassen zu können. Bereits ein halbes Jahr nach dem Attentat begann er, die New Yorker sowie die Einwohner der Anliegergemeinden in New Jersey und Connecticut unter die Lupe zu nehmen. 2800 Freiwillige ließen sich von ihm dazu geduldig auf ihre persönlichen 9/11-Erlebnisse sowie auf 17 einzelne PTSD-Symptome hin befragen.

Kritik aus der eigenen Fakultät

Das frappierende Ergebnis: Fast zwei Drittel der Befragten schienen das Ereignis schon zu jenem Zeitpunkt weitgehend verarbeitet zu haben und hatten wieder in ihre Alltagsroutine hineingefunden.

"Sie waren wieder normal funktionsfähig", sagt Bonanno. Sie waren, was die Traumaforschung "abgehärtet" nennt. Selbst die, die den Anschlägen am nahsten waren - direkt im World Trade Center oder auf den Straßen ringsum - und die Angehörige oder Freunde verloren hatten, entpuppten sich als erstaunlich widerstandsfähig.

Es war ein Phänomen, das die Wissenschaftler schon im zweiten Weltkrieg beobachtet hatten, in Hiroshima und Nagasaki, nach dem Feuersturm in Dresden oder beim Blitzkrieg auf London. "Nach sechs Monaten war alles vorbei", sagt Bonanno. "Ich schätze, das ist unsere New Yorker Art." Mit anderen Worten: Irgendwann haben die New Yorker offenbar kollektiv beschlossen, so zu tun, als sei eigentlich gar nichts Außergewöhnliches passiert.

Das Unaussprechliche wurde ganz einfach zur Normalität umgetauft. Das Vokabular wurde zu Schablonen. Die Melancholie der Wochen nach 9/11, die sentimentalen Erinnerungen und die Trauerrituale wurden radikal reduziert - auf zeremonielle Jahrestage, auf Beerdigungen von Polizisten und Feuerwehrleute, auf die seltenen Tage, an denen die Lokalzeitungen noch mal in Archiven stöbern.

Bonannos Thesen sind nicht unumstritten. Mit seinem Fazit hat er jedenfalls viele Kollegen aufgescheucht und sich scharfe Fachkritik eingehandelt, selbst an der eigenen Fakultät.

"Vielleicht sind wir blasiert"

"9/11 steckt bis heute jedem unter der Haut", widerspricht Stephen Adler, ein renommierter Psychotherapeut im Greenwich Village. "Man muss nur kratzen, und schon wird es sichtbar." Selbstbewusstsein, Vertrauen und Würde der New Yorker seien am 11. September 2001 ein für alle Mal zerrüttet worden - egal, was die Leute sagten.

Doch Bonanno lässt die Kollegenskepsis kalt. Furchtlos hat er es mit einer Berufssparte aufgenommen, die die Psychotherapie zum Nationalsport erklärt hat, und das schon lange vor 2001. Die dank der Seelenpein von Abermillionen Amerikanern längst zur Multimilliarden-Dollar-Industrie gewuchert ist. Die vom gemeinschaftlichen Trauma einer Nation lebt - und von dem ewigen, lukrativen Teufelskreis aus Behandlung, Besserung und Rückfall.

Inzwischen nehmen ihn die meisten Kollegen zumindest ernst, und seine Essays schlagen Wellen in der Fachliteratur. Die Anschläge waren für George Bonanno vor allem auch ein professioneller Wendepunkt.

Auch unabhängige Meinungsumfragen geben ihm mittlerweile Recht. So erklärte eine breite Mehrheit der New Yorker im Sommer 2005, in einer Umfrage unmittelbar nach den Terroranschlägen von London, sie schlössen zwar neue Attentate auch vor ihrer Haustür nicht aus, würden aber trotzdem längst wieder einem ganz normalen Leben nachgehen. Nur 17 Prozent, so ergab die Studie der Quinnipiac University, führen seltener U-Bahn als früher.

"Vielleicht sind wir blasiert", sagt Quinnipiac-Chefdemoskop Maurice Carroll. "Vielleicht sind wir trotzig. Vielleicht denken wir, dass uns so was nicht passieren kann. Von einem sind wir New Yorker aber auf jeden Fall überzeugt: The show must go on."



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