Terror-Aufarbeitung New Yorks trotzige Seelen

Millionen New Yorker litten nach den Anschlägen des 11. September unter posttraumatischem Stress-Syndrom. Doch heute, so behaupten Wissenschaftler, hätten sich die meisten längst wieder gefangen. Die gut geölte Psychoindustrie hat ihren Teil dazu beigetragen.

Von , New York


New York - George Bonannos Arbeitszimmer auf der Upper West Side ist ein Sammelsurium aus Kunst, Kitsch und Kram. An der Wand hängen ein Panama-Hut, ein Sternenbanner, dessen Sterne durch Friedenszeichen ersetzt sind, und selbstgemalte Ölbilder: Stillleben, Gärten, Abstraktes. In einem Regal verstauben ein paar japanische Saki-Flaschen sowie mehrere antike Tonskulpturen - chinesische Grabfiguren, teils 2000 Jahre alt, wie er fröhlich erklärt, mit denen man im ganz Fernen Osten einst Abschied von Verstorbenen nahm.

Wie passend. Schließlich ist das Leben mit dem Tod Bonannos Handwerk. Der 49-Jährige - ein jünger aussehender Witzbold mit dunklem Lockenschopf, der sich gerne ganz in Schwarz kleidet - ist Psychologieprofessor, Star-Dozent am Columbia University Teachers College und Seelenklempner mit vielen Jahren Praxiserfahrung. Und in dieser Dreieinigkeit interessiert ihn nichts so sehr wie das Leben mit dem Tod: Sein Spezialgebiet ist die Traumaforschung. Wofür es seit fünf Jahren wohl kaum einen besseren Ort gibt als New York City.

Bonanno ist dafür selbst ein gutes Beispiel. Am Morgen des 11. September 2001 etwa, da war er hier in seinem Büro. Als er die ersten Bilder auf CNN sah, stieg er mit einigen Kollegen aufs Dach der Universität. Der Columbia-Campus liegt auf einem Hügel am Broadway hoch im Norden Manhattans, von dort aus war das World Trade Center gut sichtbar.

Hauptstadt der Psychoanalyse

In die Sonne blinzelnd, starrte Bonanno auf die Türme in der Ferne, die zu Fackeln wurden und schließlich zu einer tödlichen Staubwalze zusammensanken, die ganz Downtown verschluckte. Dann stieg er wieder vom Dach herunter und besorgte sich in der Videothek einen Film. "Eine Komödie", erinnert er sich, "was zum Lachen, ohne Blut." Er grinst. "Ein bisschen innere Verdrängung schadet keinem."

Er stellte bald fest, dass er nicht der Einzige war, der so dachte. "Wir New Yorker sind hartgesottener als andere", sagt er. "Wir haben unsere eigenen Methoden, mit Stress fertig zu werden."

Das überrascht alle, die die Millionenmetropole nach den Anschlägen zunächst im Dauertrauma versinken zu sehen glaubten: Schon ein halbes Jahr später und erst recht heute, behauptet Bonanno, hätten sich die meisten New Yorker vom Schock wieder erholt. "Shit happens. Warum also groß drauf rumreiten?"

Psychologisch gesehen war in der Tat kaum eine Stadt so gut auf die Schockwellen eines Terroranschlags vorbereitet. Seit jeher ist New York eine Hochburg der Psychiater und Psychoanalytiker. Die Stadt ist Heimat zahlloser Nervenärzte, Seelenmasseure, Therapeuten, Lebensberater, Life Coaches, Stressassistenten, Karrierehelfer und Pay-by-the-hour-Mentoren, die den New Yorkern nur allzu gerne durch ihren gemütsvergiftenden Alltag helfen - zur Stundengebühr von durchschnittlich 250 Dollar.

"Entsetzlicher, kollektiver Aufschrei"

Die Seele als Massengeschäft. Über eine Million New Yorker leiden, Terrorängste mal beiseite gelassen, nach Schätzung des städtischen Gesundheitsamts auch ohne Terror schon an ganz konkreten "psychiatrischen Störungen". Etwa 575.000 haben ein Drogen- oder Alkoholproblem, 500.000 klagen über "ernste emotionale Not", 350.000 fallen mindestens einmal jährlich in eine tiefe Depression. Die psychiatrische Notfallnummer der City verzeichnet im Schnitt 50.000 Anrufe pro Jahr.

Der Umgang mit Schwermut und Beklemmung gehört hier zum Alltag. Schon Stunden nach den Anschlägen schaltete also eine gut geölte Maschinerie in den fünften Gang - die Maschinerie der New Yorker Psychoindustrie.

"Mein erster Patient kam um acht Uhr früh", erinnert sich Allison Edwards. "Dann hörten wir das Flugzeug. Als es einschlug, wackelte das ganze Haus." Die Psychoanalytikerin Edwards, eine zierliche Frau mit brünettem Kurzhaarschnitt, hatte damals eine florierende Privatpraxis im Greenwich Village. Die Praxis war in ihrer Wohnung, einem zweistöckigen Penthouse direkt am Hudson River.

"Eine der bizarrsten Auffälligkeiten jenes Tages war für mich, dass kein einziger meiner Patienten seinen Termin verpasste", sagt Edwards. Zwischen den Terminen rannte sie immer wieder auf ihre Dachterrasse hinaus, die einen freien Blick auf das World Trade Center bot. Sie sah das zweite Flugzeug einschlagen und die Türme in Flammen aufgehen und "Tausende Männer in Anzügen" auf der West Street an ihrem Haus vorbei Richtung Norden fliehen. Dann hörte sie "diesen entsetzlichen, kollektiven Aufschrei" - der Beginn einer neuen Zeitrechnung.

Flucht ins ferne Virginia

Trotzdem - oder gerade deswegen? - erschien ein Patient nach dem anderen, und sie redeten und redeten, die Patienten wie die Therapeutin, als wollten sie sich mit Worten vor dem Greuel verbarrikadieren, das sich draußen abspielte. "Totale Verleugnung", sagt Edwards, als wolle sie Bonannos These vorwegnehmen. "Auch bei mir. Ich machte den ganzen Tag lang so weiter, als sei nichts passiert, nur damit ich selbst nicht auseinander fiel."

Psychologe Bonanno: "Nach sechs Monaten war alles vorbei"

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Im privaten Rahmen übten sie schon einmal, wie ganz New York die Katastrophe später verarbeiten würde. "Erst abends um neun ging der letzte Patient", sagt Edwards. Dann legte sich eine buchstäblich totenstille Nacht über Manhattan, nur unterbrochen von den Sirenen der Feuerwehrwagen, "und ich begriff, was passiert war". Die Therapeutin brach zusammen.

Tagelang hatte Edwards Angstzustände. "Ich war fest davon überzeugt", sagt sie, "dass die Terroristen zurückkommen würden und wir alle sterben würden." Für sie würde nichts mehr sein wie früher. Schrittweise reduzierte sie ihre Praxis. Im Sommer 2004 gab sie sie ganz auf und zog mit ihrer Lebensgefährtin Dot, einer Lehrerin, auf eine Farm ins ländliche Virginia, wo sie seither Hunde züchtet - weit, weit weg vom Terror.

So dachten anfangs viele New Yorker. "Rund ein Drittel aller Einwohner sah sich von den Ereignissen des 11. September direkt betroffen", berichtete David Vlahov, der Direktor des Centers for Urban Epidemiological Studies an der New York Academy of Medicine, am ersten Jahrestag der Anschläge auf einer Konferenz in Manhattan. Mehr als eine Million Menschen litten an Symptomen des posttraumatischen Stress-Syndroms (PTSD), dem Fachbegriff für das, was Laien als Trauma bezeichnen: Depressionen, Schlafstörungen, Albträume, Konzentrationsstörungen, Flashbacks, Gedächtnisverlust, Suchtprobleme, Aggressivität, Angstzustände, Panikattacken.

  • 1. Teil: New Yorks trotzige Seelen
  • 2. Teil


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