Terror Deutschland im Fadenkreuz

Die Bundesrepublik scheint ins Visier des islamistischen Terrors zu geraten. Seit dem 11. September 2001 wurden bereits drei Angriffe vereitelt, zuletzt schlug ein Attentat auf zwei Regionalzüge fehl. Wie bedroht ist Deutschland?

Von Yassin Musharbash


Berlin - "Ansteckungsgefährliche Stoffe" steht auf dem 17-Zoll-Monitor - ein Gag mit ernstem Hintergrund. Denn hier ist der Arbeitsplatz von Markus Kaiser, Mitarbeiter der "Kompetenzgruppe Islamismus" beim Landesamt für Verfassungsschutz Baden-Württemberg, und obwohl Islamismus nicht im medizinischen Sinne ansteckend ist, im ideologischen Sinne ist er es allemal.

Festnahme im Kölner Terrorplot: Der Verdächtige Youssef Mohamad E. auf dem Weg zum Bundesgerichtshof
DPA

Festnahme im Kölner Terrorplot: Der Verdächtige Youssef Mohamad E. auf dem Weg zum Bundesgerichtshof

Früher hat Kaiser sich mit Rechtsextremisten beschäftigt, heute behält er gemeinsam mit dem Islamwissenschaftler Benno Köpfer islamistische Websites im Auge und prüft Querverbindungen nach Baden-Württemberg. Die gibt es durchaus: Immer wieder orten die Verfassungsschützer im Ländle beheimatete Hass-Websites. "Das größte Gift", sagt Köpfer, "ist die Verbreitung der Qaida-Ideologie."

Auch Herbert Landolin Müller, Chef der Kompetenzgruppe, verhehlt die Gefahr nicht. "Ich glaube, es wird kommen. Aber wir wissen noch nicht, wo oder wann", lautet seine Antwort auf die Frage, ob man in Deutschland mit einem islamistischen Terroranschlag in den nächsten Jahren rechnen muss.

Bis heute ist es islamistischen Terroristen noch nicht gelungen, in Deutschland zuzuschlagen. Aber das muss nach einhelliger Expertenmeinung nichts besagen. Vor allem nicht, da es bereits drei Versuche gegeben hat:

  • 2002 wollte eine an Abu Mussab al-Sarkawi angegliederte Terrorzelle Anschläge gegen jüdische und vermeintlich jüdische Einrichtungen in Berlin und im Ruhrgebiet verüben.
  • 2003 soll der Tunesier Ihsan Garnaoui geplant haben, inmitten einer Demonstration in Berlin einen Anschlag auszuführen.
  • Ende 2004 hoben die Sicherheitsbehörden eine Gruppe kurdischer Iraker aus, die zu "Ansar-e Islam" gehörten und offenbar vorhatten, den damaligen irakischen Interimspremier Ijad Alawi während eines Staatsbesuches in Berlin zu ermorden.

Seit Ende letzter Woche ist diese Liste noch länger. Denn in zwei Regionalzügen auf dem Weg nach Koblenz und nach Dortmund sollten Sprengsätze ein Blutbad anrichten. Einer der Bombenleger, ein Libanese, wurde am Wochenende festgenommen. Seitdem muss man auch hier von einem islamistischen Terrorkomplott ausgehen.

Anschläge auf deutschem Boden sind also ein realistisches Szenario. Doch wer organisiert sie? Wer heckt die Pläne aus? Etwa 200 "Top-Gefährder", die hier leben, haben die Behörden im Laufe der letzten fünf Jahre identifiziert. Unter diese Rubrik fassen sie alle Islamisten, denen sie die Planung oder Durchführung von Terroranschlägen aufgrund ihrer Vorgeschichte zutrauen.

Nicht sehr weit oben auf der Qaida-Liste

"Abstrakt hoch" - das ist deshalb die Phrase, mit der seit dem 11. September 2001 die Behörden zunächst unter SPD-Innenminister Otto Schily und nun unter Wolfgang Schäuble (CDU) die Gefahrenlage in Deutschland charakterisieren. Seit sich in London im Juli 2005 drei pakistanischstämmige Briten und ein zum Islam konvertierter Jamaikaner in die Luft sprengten, ist darüber hinaus klar, dass neben den "Gefährdern" nun auch eine neue Attentäter-Generation vor der Tür steht. Die im August verhinderte Flugzeugattacke von London und der aktuell fehlgeschlagene Anschlag verstärken diesen Eindruck noch.

Aber wieso befindet sich Deutschland überhaupt im Fadenkreuz des internationalen Dschihadismus? Die beiden bisherigen Großanschläge al-Qaidas in Europa waren doch der Tatsache geschuldet, dass die Regierungen Spaniens und Großbritanniens am Irak-Krieg teilgenommen haben - im Gegensatz zu Deutschland. Und auch die verhinderten Anschläge hier hatten ja zunächst nicht die Bundesrepublik zum Ziel, sondern im ersten Fall einen irakischen Politiker, im zweiten Fall deutsche Juden, die von Islamisten wegen ihrer Religionszugehörigkeit, nicht wegen ihrer Staatsangehörigkeit angegriffen werden.

Tatsächlich steht die Bundesrepublik nicht besonders weit oben auf der Zielliste von al-Qaida & Co. Über Deutschland hat sich Osama Bin Laden zum Beisiel bisher zweimal geäußert; damit nimmt Deutschland einen Platz im unteren Mittelfeld ein. Um Vergleichswerte zu liefern: Marokko, Großbritannien, Jordanien, Pakistan, Australien und die Philippinen wurden je zwischen vier- und siebenmal von Bin Laden genannt, Schweden und Nigeria je einmal.

Aber eine Gefährdung kann man auf dieser Grundlage auf keinen Fall ausschließen. "Was spielt denn dieser Krieg für Deutschland für eine Rolle, wenn nicht als Krieg des Unglaubens und als Kreuzzug", fragte der Qaida-Gründer im Oktober 2001 - und reihte Deutschland damit in die "Achse der Ungläubigen" ein. Fast genau ein Jahr später fügte er hinzu: "Was treibt denn diese Regierungen, sich am Krieg gegen uns zu beteiligen? Am wichtigsten ist es, Großbritannien, Frankreich und Italien zu nennen - aber auch Deutschland und Australien."

Der Krieg, den Bin Laden ansprach, war der US-geführte Feldzug gegen Afghanistan, der nach den Terroranschlägen vom 11. September 2001 eingeleitet worden war. Anders als im Fall des 2003 gestarteten Einmarsches in den Irak war die Bundesrepublik beteiligt. Deshalb sind Deutschland und seine Bürger seither bereits potentielle Terrorziele.

  • 1. Teil: Deutschland im Fadenkreuz
  • 2. Teil


© SPIEGEL ONLINE 2006
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.