Tschernobyl "Oh Gott, es regnet"

Angst, Unwissenheit, Desinformation: Nach dem Reaktorunfall von Tschernobyl war die Panik im Westen so groß wie die Verschwiegenheit jenseits des Eisernen Vorhangs. Doch auch heute herrscht keineswegs Klarheit über das wahre Ausmaß der Katastrophe.

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Hamburg - Wer die düsteren Tage im April 1986 erlebt hat, kann es noch nachvollziehen: Der Horror, das Entsetzen, die lähmende Hilflosigkeit angesichts der größten zivilen Atomkatastrophe aller Zeiten. Im Lenin-Kraftwerk im ukrainischen Tschernobyl war ein Reaktor explodiert. "Feuer außer Kontrolle", warnte die "Financial Times", "Angst, Angst, Angst" titelte der SPIEGEL. "Oh Gott, es regnet", flüsterten sich die Menschen zu.

Während sich die einen fassungslos die Augen rieben ob des Versagens allmächtiger Technik, feierten Atomkraftgegner und notorische Warner mit dem Untergang des Reaktorblocks 4 einen bitteren Triumph. Alle anderen sahen zu, wie die europäischen Regierungen zwischen Desinformation und Inkompetenz um die Wahrheit herumlavierten.

"Das Entsetzliche wird verharmlost", kritisierte die "taz" die "katastrophale Informationspolitik" der Moskauer Regierung. "Dichthalten, so lange es geht" subsumierte die "Süddeutsche Zeitung" die klassische Schweige-Strategie der Sowjets. Erst drei Tage nach dem Unfall, am 29. April, bestätigten die Behörden offiziell den Vorfall. Über das Ausmaß der Katastrophe und erste Opfer kein Wort.

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Deutschland im April 1986: "Angst, Angst, Angst"
Der damalige Staats- und Parteichef Michail Gorbatschow beteuerte unlängst im Interview mit der "Nowaja Gaseta", dass in den ersten 24 Stunden nach dem Gau niemand das Ausmaß der Katastrophe erkannt habe. Er selbst sei von der absoluten Sicherheit des Kernkraftwerks überzeugt gewesen: "Die Wissenschaftler hatten uns versichert, dass man den Reaktor auch auf den Roten Platz stellen könne, weil von ihm keine größere Gefahr ausgehe, als von einem Samowar." Selbst die Mitglieder der von ihm entsandten Regierungskommission hätten noch am 27. April "ohne Schutzkleidung und Atemmasken" in einem Hotel bei Tschernobyl übernachtet und zu Abend gegessen, erzählt Gorbatschow.

"Bitte gründlich durchlüften"

Im tausend Kilometer entfernten Skandinavien wurde man zum selben Zeitpunkt langsam nervös: Die alarmierend hohen Strahlenwerte, die dort gemessen wurden, versetzten Experten und Regierungen in Alarm. Verwirrung über Grenz- und Messwerte sowie adäquate Maßnahmen bestimmten in Deutschland die Reaktion. Bundesinnenminister Friedrich Zimmermann (CSU) beeilte sich, seine Landsleute zu beruhigen: Weil eine Gefährdung "nur im Umkreis von 30 bis 50 Kilometer um den Reaktor herum" bestehe, solle sich niemand Sorgen machen. Kritische Wissenschaftler bezeichneten die voreiligen Unbedenklichkeitserklärungen der Bundesregierung als kriminell.

Die besorgten Bürger mogelten sich durch die Krisenzeit: Man ließ die Finger von radioaktiv verseuchter Frischmilch, sperrte die Kinder im Haus ein und stellte sich bei Regen unter. Manch einer vergiftete sich mit einer Überdosis Jod-Tabletten. Exemplarisch für die eklatante Unwissenheit in Sachen atomarer Ernstfall ist eine vom dänischen Umweltministerium nach dem Unfall in Umlauf gebrachte Informationsbroschüre. Darin heißt es: "Wenn die radioaktive Wolke kommt, geh in dein Haus und dreh das Radio an. Bleib ruhig. Lass deine Kinder, wo sie sind. Hat sich die Wolke verzogen, dann lüfte gründlich durch."

Doch auch heute, 20 Jahre nach dem GAU, ist eine objektive Bewertung der Katastrophe schwierig. Zu wenig repräsentativ sind die wissenschaftlichen Erhebungen, zu übermächtig die unterschiedlichen wirtschaftlichen und politischen Interessen der Lobbyisten. Weil die sowjetischen Behörden zudem massiv Statistiken manipulierten oder Daten zurückhielten, scheint es unmöglich, die Zahl der Opfer auch nur halbwegs korrekt zu ermessen. Die Angaben schwanken zwischen einigen Dutzend und 250.000.

Diffizile Zahlenspiele

Auch die internationale Atomenergiebehörde IAEA wiegelt ab: Sie zeigt auf ihrer Website ein Video, das in zwei Minuten und 30 Sekunden das "wahre Ausmaß" des Tschernobyl-Desasters beschreiben soll. Darauf zu sehen: Glückliche Kühe, weidende Wildpferde, spielende Kinder und ukrainische Bauern, die bei strahlendem Sonnenschein Weizen ernten. Brav referiert der Sprecher die Ergebnisse einer unter anderem von der Weltgesundheitsorganisation WHO, dem Uno-Entwicklungsprogramm UNDP und der IAEA erstellten Studie, die im September vergangenen Jahres veröffentlicht wurde.

Die Ergebnisse des 600-Seiten-Berichts: Nein, es gebe keinen Beweis auf eine Zunahme von Leukämie, Krebserkrankungen oder strahlungsbedingten Missbildungen in der Region. Zwar seien 4000 Kinder und Jugendliche an Schilddrüsenkrebs erkrankt. Mit Ausnahme von neun Todesfällen seien jedoch alle wieder gesund geworden, so die Autoren. Auch die Zahl der Opfer sei mit 50 registrierten und etwa 4000 zu erwartenden Toten unerwartet niedrig.

"Die IAEA manipuliert Zahlen - und zwar ihre eigenen", wettert dagegen Angelika Claußen, Vorstandvorsitzende des Vereins Internationale Ärzte für die Verhütung des Atomkrieges (IPPNW). Eine Organisation, die laut Satzung die friedliche Nutzung der Atomenergie fördere, könne man nur als parteilich bezeichnen. "Die IAEA-Studie, die viele Fakten unterschlägt, ist zu einem Zeitpunkt erschienen, in dem es international um eine Renaissance der Atomenergie geht. Dies als Lobby-Arbeit zu bezeichnen, halte ich noch für untertrieben", so die Trauma-Therapeutin, die sich seit Jahren mit den Folgen von Tschernobyl beschäftigt.

"Das, was wir jetzt sehen, ist doch erst die Spitze des Eisberges", sagt Claußen. Schließlich lägen die Latenzzeiten für die Entwicklung von Krebs bei Erwachsenen bei bis zu 35 Jahren. Allein in der stark verstrahlten Region Gomel in Weißrussland seien aber bereits 50.000 Menschen an Schilddrüsenkrebs erkrankt, man rechne mit insgesamt 100.000 Fällen der Krankheit. Von den etwa 800.000 Liquidatoren seien mindestens 50.000 verstorben und 90 Prozent schwer erkrankt.

Todesursache: Lähmender Fatalismus

Die Gemeinschaftsstudie vom September wittert Gefahr vor allem im Umgang mit der Strahlung: Unwissenheit und Armut hätten die Bewohner der Katastrophenregion dazu verleitet, weiterhin mit radioaktivem Cäsium belastete Lebensmittel wie Wildfleisch, Pilze, Beeren und Gemüse aus dem eigenen Garten zu verzehren. Außerdem hätten "Mythen und Fehlauffassungen" in Bezug auf die Strahlungsgefahr zu einem "lähmenden Fatalismus" bei den Einwohnern geführt, heißt es in der Presseerklärung zu dem Bericht.

Das muntere Fazit des Leiters des WHO-Strahlenprogramms, Michael Repacholi: "Alles in allem ist das Ergebnis eine beruhigende Nachricht." Psychotherapeutin Claußen dagegen behauptet, eine solche Schlussfolgerung sei nur möglich, weil die IAEA noch immer Forschungsergebnisse unter Verschluss halte und unabhängigen Beobachtern selbst den Zugang zu Konferenzen erschwere. Zudem seien bereits neun von zehn unabhängigen Lehrstühlen für Strahlenbiologie in Deutschland abgebaut und durch sogenannte Stiftungsprofessuren ersetzt worden - und die würden nicht selten von Energiekonzernen finanziert, warnt die Ärztin.

Heute wird - im Westen wie im Osten - die Atomenergie wieder als sauber und sicher gepriesen. Die hässliche Fratze der Strahlung, wie sie sich dem US-Mediziner Richard Champlin bei seinem Aufenthalt in Tschernobyl im Mai 1986 zeigte, wird dabei allzuoft vergessen. Champlin berichtete damals der "Los Angeles Times":

"Ein Patient, den ich nicht vergessen kann, war ein etwa 30-jähriger sowjetischer Arzt. In seiner Mundhöhle und auf seinem Gesicht bildeten sich große schwarze Herpes-Blasen, häufig die ersten Anzeichen einer Strahlenvergiftung. Seine Haut löste sich buchstäblich vor unseren Augen auf. Als erstes rötete sich die empfindliche Haut in der Leistenbeuge und unter den Achselhöhlen, dann bildeten sich dort Geschwüre, die sich bald über seinen ganzen Körper ausbreiteten. Nach wenigen Tagen war er mit roten, nässenden Hautverbrennungen übersät. Die Schleimhäute in den Därmen waren zerfallen, und er litt unter schwerem, blutigem Durchfall. Er starb zwölf Tage nach der Explosion, eine Woche nach einer Knochenmarkstransplantation."



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