Tschernobyl-Rücksiedler "Radioaktivität? Unsinn!"
Illintsi - Radioaktivität? Das ist doch Unsinn! Ich lebe hier seit zwanzig Jahren und alles ist sauber", wettert Hanna Semenenko und schiebt neues Holz in ihren Bullerofen. Die 80-Jährige lebt im Dorf Illintsi, mitten in der offiziell evakuierten ukrainischen 30-Kilometer-Zone rund um das einstige Kernkraftwerk Tschernobyl.
Sie habe einzig Altersbeschwerden, ansonsten sei sie kerngesund, erzählt die Rentnerin. Anfang Mai 1986, ein paar Tage, nachdem der etwa 15 Kilometer östlich gelegene Block 4 explodiert war, wurde sie zusammen mit den übrigen Dorfbewohnern zwangsweise in die Nähe von Kiew ausgesiedelt. Ein Jahr später war Hanna Semenenko zurück in Illintsi.
Es habe ihr nicht gefallen in der Stadt, erklärt die Alte mit matten, grün-grauen Augen. "Und wo sollte ich denn sonst hin?" Begleitet wurde sie damals von ihrem Sohn, der Schwiegertochter und der Enkelin. Die junge Familie half Hanna beim Umbau des kleinen Häuschens, zog aber bald wieder nach Kiew zurück, denn dort lockte eine eigene Wohnung.
Seitdem ist Semenenko auf sich gestellt. Einmal im Monat bringt ein Bote die umgerechnet 60 Euro Rente vorbei, zusätzlich baut sie Kartoffeln und Gemüse an. Ihren Garten hat Hanna mit einem massiven Holzzaun gegen Wildschweine geschützt. Seit dem Reaktorunfall sind die - der Kontamination zum Trotz - zur Plage geworden. Der Nachbar ein paar verfallene Häuser weiter hat zur Abwehr gar Bettgestelle aus den verlassenen Gehöften zusammengetragen und in die Erde gesteckt.
Einst hatte Illintsi fast tausend Einwohner; heute sind es noch 36. Doch die bewohnten Gehöfte sind ans Stromnetz angeschlossen, eines hat sogar ein Telefon. Zweimal in der Woche komme ein fliegender Händler vorbei, erzählt Semenenko und zupft das grün-rote Kopftuch zurecht. Im Garten gackern ein paar Hühner. Das Schwein musste sie vor ein paar Jahren schlachten, um den Arzt zu bezahlen. "Als die Sowjetunion noch existierte, bekam ich 70 Rubel Rente, und das reichte immer; heute aber kann ich mit dem Geld nichts mehr kaufen", sagt die Alte. Ein im postsowjetischen Raum bekanntes Klagelied älterer Menschen.
Fast 200.000 Einwohner wurden im Mai 1986 auf der ukrainischen Seite aus dem radioaktiv verseuchten Gebiet zwangsevakuiert - darunter die Städte Pripjat, Tschernobyl und Poliske. "Für drei Tage", hieß es offiziell. Doch aus Tagen wurden Wochen, Monate, Jahre. Etwa 2000 Einwohner seien im Laufe des Jahres 1987 auf Schleichwegen wieder in ihre Heimat zurückgekehrt, erzählt Sergej Tschernow, ein ehemaliger Lokaljournalist aus Tschernobyl. Vor sechs Jahren waren 12 der einst 80 Ortschaften wieder bewohnt. Heute sind es noch 7.
In Stari Schepelitsi, knapp zehn Kilometer vom Unglücksreaktor entfernt an der weißrussischen Grenze, hausen noch zwei Alte. Im ehemaligen Verwaltungszentrum Tschernobyl sind es 60 bis 70. Eigentlich muss jeder der hier stationierten Wissenschaftler und Kraftwerksmitarbeiter die verseuchte Stadt nach maximal 15 Tagen für eine ebenso lange Zeit verlassen; überprüft wird dies jedoch nicht.
Auch an die widerspenstigen Alten, die sich nicht kümmern um Warnungen, Verbote und Strahlung, scheint sich der Staat gewöhnt zu haben. Mittlerweile wird ihnen die Rente regelmäßig bar in die Zone gebracht. In Tschernobyl gibt es Ärzte, Geschäfte, Kantinen und sogar eine Kirche. "An wichtigen Feiertagen werden die Rentner in den Dörfern mit Bussen zusammengesammelt und zum Gottesdienst nach Tschernobyl gefahren", erklärt Tschernow, der schätzt, dass heute noch rund 350 der einst 2000 Rücksiedler in der Zone leben.
"Weshalb es noch einmal wagen?"
Vor Jahresfrist war der ukrainische Präsident Juschtschenko in der 30-Kilometer-Zone und hat ihren Bewohnern Wohnungen in der etwas östlich von Kiew gelegenen Stadt Browary angeboten. Die Hälfte lehnte das Angebot sofort ab.
"Die anderen überlegen noch", sagt Tschernow, der nicht damit rechnet, dass viele wegziehen. "Die haben es schon einmal versucht in der Stadt, und waren damit psychisch überfordert, weshalb sollten sie es noch einmal wagen?", fragt er mit einem Unterton der Bewunderung für die Zonenbewohner.
Bleiben will auch Hanna Semenenko. "Einen alten Baum verpflanzt man nicht", sagt die 80-Jährige. Der Hof ruft; die Hühner warten auf Futter. Fühlt sie sich nie allein gelassen? "Klar bin ich einsam", sagt sie. 1987 seien sie noch 260 im Dorf gewesen. "Die meisten sind unterdessen gestorben." Und bald sei sie vielleicht die Jüngste. Beim Hinausgehen kramt Hanna Fotos hervor. Ihr längst verstorbener Mann, ein Hochzeitsfoto ihres Sohnes, ein Kinderfoto der Enkelin, die inzwischen fast erwachsen ist. "Ich habe sie kaum gesehen; sie darf nicht zu mir", klagt die Rentnerin. Jugendlichen sei der Besuch der Sperrzone verboten. "Die spinnen doch", sagt Semenenko und schaut den Fremden plötzlich traurig an.