Untergang der Pamir Gefangene des Geisterschiffs

Der Untergang des Frachtseglers Pamir ist ein deutsches Trauma: Achtzig Seeleute ertranken 1957 im Atlantik, noch heute streiten Experten über die Ursache: Materialschäden, Inkompetenz, der Hurrikan "Carrie"? Die sechs Überlebenden verfolgt die Katastrophe bis heute.

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Zum 50. Jahrestag des Untergangs, am 21. September, werden sie sich wieder gegenüberstehen: Karl-Otto Dummer, Kochsmaat der Pamir, und der Amerikaner Joe Lindner. Der war 1957 Schiffsarzt auf der "Saxon", dem Dampfschiff, das die Pamir-Überlebenden aus dem Atlantik fischte.

"Ich werde an diesem Tag 50 Jahre alt", sagt der heute 74-jährige Dummer SPIEGEL ONLINE. Seine Stimme ist vom fortgeschrittenen Kehlkopfkrebs zerrissen. "Gefeiert wird nicht, zu viele Kameraden mussten damals sterben. Aber es ist mir wichtig, zu diesem Anlass meinen Freund aus Amerika zu sehen."

Den Anblick des geschundenen 24-Jährigen, der mit vier anderen Kameraden aus dem Ozean gerettet wurde, hat Lindner nie vergessen. Es war eine Begegnung nach Tagen der Todesangst. Und der Grundstein für eine jahrzehntelange Freundschaft. Alle zwei Jahre kommt der US-Schiffsarzt seinen deutschen Freund im schleswig-holsteinischen Lütjenburg besuchen, zu Weihnachten schickt er ihm ein paar Dollar.

Am 11. August 1957 kurz nach 15 Uhr begann die Pamir, mit Gerste voll beladen, die Rückreise aus Buenos Aires nach Hamburg - unter der Leitung von Johannes Diebitsch, einem Kapitän, der keinerlei Erfahrung mit großen Rahseglern hatte. Die Schiffsroute folgte dem üblichen S-förmigen Kurs über den Atlantik. Am 21. September, 600 Seemeilen südwestlich der Azoren, kommt es zur tödlichen Katastrophe. Das Segelfrachtschiff hält Kurs auf den Hurrikan "Carrie".

"Ich habe alles noch vor Augen. Das Erlebte lässt sich nicht auslöschen", sagt Dummer. Bereits wenige Jahre nach dem Unglück versuchte er, das Trauma zu verarbeiten, und begann, das Erlebte aufzuschreiben. Zwei Bücher hat er seitdem verfasst - "Viermastbark Pamir" und das gerade erschienene Buch "Pamir – Die Geschichte des Untergangs". Detailliert beschreibt er den Untergang, seinen scheinbar aussichtslosen Kampf ums Überleben, die Angst, die Verzweiflung - und behält doch einige Geheimnisse für sich. "Manches kann man einfach nicht in Worte fassen."

Umso wütender wird der 74-Jährige, wenn er auf die neuesten Erkenntnisse des Bremer Schriftstellers Johannes K. Soyener zu sprechen kommt. Soyener, selbst Hochseesegler und Experte für Schifffahrts- und Seekriegsgeschichte des 15. bis 19. Jahrhunderts, hat die Akten der Pamir-Stiftung im Bremer Staatsarchiv aufgestöbert. Sie belegen, dass die Pamir niemals hätte auslaufen dürfen.

Stattdessen hätten die Pamir und die fast baugleiche "Passat" schon 1950 verschrottet werden sollen. Der Lübecker Reeder Heinz Schliewen bewahrte die Schiffe vor dem Abwracken - und ging dann bankrott. 1955 wurde die Stiftung "Pamir und Passat" gegründet, die beiden Segler wurden weiter als frachtfahrende Schulschiffe mit eingesetzt. Die Ausbildung der Kadetten sollte vorbildlich sein - betont wurde vor allem Disziplin.

Soyener bezieht sich auf Zeitzeugen, Finanzunterlagen, Korrespondenz und Protokolle der Reederei und Stiftung, Kapitänsberichte und Kapitänsordner sowie auf Briefe von Besatzungsmitgliedern an ihre Familien. Sie dokumentieren den Mangel an geeigneten Ausbildungsoffizieren, den Verzicht auf notwendige Reparaturen aus Geldmangel und Spannungen unter Offizieren und Besatzungsmitgliedern.

So heißt es in einem Brief vom 13. August 1957, den der für die Segelschiffe zuständige Inspektor Fritz Dominik an den Vorstand der Stiftung schrieb: "Wir haben also ein wirklich gutes, bildungsfähiges und wertvolles Menschenmaterial auf den Schiffen. Diese Jungen sind ein unschätzbares Kapital für die Reeder, wenn sie richtig erzogen und ausgebildet werden! (…) Es fehlen die wirklich geeigneten Erzieher und Ausbilder! (…) Die meisten unserer Herren bedürfen selbst noch der Erziehung!" Ein paar Zeilen später schreibt er: "Wir haben versuchen müssen, über Zeitungsannoncen einen 'Offizier' zu finden, was gleichbedeutend damit ist, dass wir uns die Offiziere 'von der Straße' aufsuchen müssen."

"Stiftung und Reederei haben ein marodes, im Kern seeuntüchtiges Schiff unter dem Kommando eines unerfahrenen Kapitäns losgeschickt", sagt Soyener SPIEGEL ONLINE. "Der Untergang der Pamir ist das Resultat eines Dominoeffekts, der auf diesen verheerenden Ausgangspunkten basiert." Auf Grundlage der Akten hat Soyener das Buch "Sturmlegende. Die letzte Fahrt der Pamir" verfasst, nach eigenen Angaben ein "Tatsachen-Roman", in dem "die dokumentierten Fakten" eingearbeitet seien.

Die Besatzung wusste laut Soyeners Recherche nicht, dass der Hurrikan heraufzog. Telegramme der Offiziere vom 20. September beweisen: Die Segel wurden nicht reduziert, das Schiff wurde nicht rechtzeitig verschlossen. Am Morgen des Untergangs kam die Wache ohne Schwerwetterausrüstung oder Schwimmwesten an Deck. Eine der Stahltüren war ausgehängt, weil sie gestrichen wurde.

Ein Offizierstelegramm, dokumentiert im Bericht des Lübecker Seeamts von 1958, zeigt die gefährliche Sorglosigkeit: "24 Stunden vor seinem Tod hat der Zweite Offizier, Günther Buschmann, noch euphorisch via Telegramm verlauten lassen: 'Große Freude. Noch lächerliche 14 Tage. Ebenfalls o.k. Laufen gute Fahrt. Grüße Jungens und Familie. Alles Liebe, dein Gunther'", zitiert Soyener.

Tatsächlich steuert die Viermastbark zu diesem Zeitpunkt mit voller Kraft auf einen Hurrikan zu. Am 21. September, um 0.35 Uhr, kommt die erste Warnung des beginnenden Tages über Funk. Drei Stunden später wird Dummer geweckt, der Kochsmaat und Proviantmeister. Da schwankt das Schiff schon so, dass sich der damals 24-Jährige nicht freistehend ankleiden kann.

Gegen 8.30 Uhr sind die Mannschaftsräume voll Wasser gelaufen - niemand hat die Bullaugen geschlossen. Um 10.36 Uhr wütet der Sturm mit Stärke 13, das Schiff hat alle Segel verloren. Erst um 11 Uhr funkt Funkoffizier Wilhelm Siemers SOS. Die Pamir hat zu diesem Zeitpunkt 35 Grad Schlagseite. Um 11.54 Uhr lautet Siemers' zweiter Hilferuf: "… SOS – SOS – SOS – rush rush to us – german fourmastbark broken – pamir danger of sinking – master …". Drei Minuten später: "now speed – ship is making water – danger of sinking …"

Die Mannschaft greift sich Schwimmwesten und löst die Rettungsboote aus den Verankerungen. Gegen 13 Uhr legt sich die Pamir vollständig auf die Seite, treibt eine Weile kieloben, bis sie mit dem Bug voran im Ozean versinkt. Die Wellen peitschen bis zu 14 Meter hoch. Die meisten der 86 Männer haben sich in die teilweise beschädigten Rettungsboote gehangelt. Fast drei Tage treiben sie auf dem offenen Ozean, bevor sie am 24. September von der "Saxon" entdeckt werden. Die meisten sind da längst gestorben.

Sie kämpfen gegen Halluzinationen und tödliche Lethargie

Es sind die schwersten 54 Stunden im Leben des Karl-Otto Dummer. "Wir hatten ihn als unseren Führer gewählt", schrieb der überlebende Folkert Anders 1967 im "Stern". "Er war genauso müde, genauso zerschunden und hatte die gleichen schmerzenden Wunden, die das Salzwasser gefressen hatte, wie wir. Aber solange er seine Augen aufhalten konnte, wachte er über uns."

Der Durst quält die Männer, die schließlich ihren eigenen Urin trinken. Dummer behält im Kampf gegen die heimtückischen Halluzinationen als einziger die Nerven. Er muss miterleben, wie die anderen von Schnellbooten und Flugzeugen phantasieren, einige glauben sich noch auf der Pamir, sehen Stewards und Ärzte. Der Kochsmaat hat die Idee für den Bau eines Notsegels und sorgt dafür, dass keine Panik ausbricht - obwohl ihnen das Wasser in dem ramponierten Rettungsboot bis zu den Schultern steht und Haifische um sie kreisen.

Von einer Heldenrolle will Dummer nichts wissen. "Ich bin kein Held", sagt er 74-Jährige. "Ich war mit 24 Jahren fast zehn Jahre älter als die anderen!" Es seien auch egoistische Gründe gewesen, warum er seine Kadettenkameraden immer wieder aus einer tödlichen Lethargie riss. "Mit jedem, der starb, sank die Möglichkeit, dass auch ich überlebe."

Dummer und die anderen vier Seekadetten müssen mit ansehen, wie Kameraden in den Tod gehen. Der letzte, Klaus Driebold, springt am 24. September gegen 3 Uhr ins Meer - zweieinhalb Stunden vor der Ankunft der "Saxon". "Solche Szenen kann man nicht vergessen, so viel Mühe man sich auch gibt", sagt Dummer.

Seit 50 Jahren pflegt der Rentner ein Pamir-Archiv

Vom maroden Zustand des Schiffes, den Querelen ums Personal, über die Soyener schreibt, habe er nichts gewusst, sagt Dummer. Ebenso nicht, dass die Pamir verschrottet werden sollte. "Aber ich weiß, wie es an Bord war – vor und während des Unglücks und habe darüber zwei Bücher geschrieben. Ich war doch am nächsten an der Wahrheit dran, warum glaubt man dann anderen? Die Zustände, die Soyener schildert, hat es so nie gegeben."

Dummer sagt: Der Wahrheit am nächsten komme Horst Willner, ein Bremer Anwalt für Seerecht. Der hatte nach dem Unglück die Pamir-Reederei Zerssen und die Stiftung vertreten. 1991 veröffentlichte Willner das Buch "Pamir - Ihr Untergang und die Irrtümer des Seeamtes", in dem er allein dem Hurrikan die Schuld für das Unglück gibt.

Soyener widerspricht deutlich - und die Dokumente aus dem Bremer Staatsarchiv stützen seine Thesen.

Dummer will davon nichts wissen. "Ich ärgere mich fürchterlich darüber. Im Gegensatz zu allen, die darüber schreiben, war ich an Bord." Seit 50 Jahren pflegt der Rentner ein Pamir-Archiv. Nach dem Untergang fuhr er noch zweieinhalb Jahre zur See, danach arbeitete er im Einzelhandel. Sein Herz blieb auf See. In seinem Haus in Lütjenburg lebt er umrahmt von Erinnerungen an das Leben als Seemann: umgeben von Karten mit Häfen auf aller Welt und einem Ölgemälde der Pamir, einem Auftragsbild.

Mit Dummer und Folkert Anders werden 1957 Klaus Fredrichs, Karl-Heinz Kraaz und Hans-Georg Wirth gerettet. Einen Tag später sichtet das US-Küstenwachschiff "Absecon" den sechsten Überlebenden, den Leichtmatrosen Günther Haselbach, in einem voll geschlagenen Rettungsboot. Vier der sechs Geretteten leben noch heute. "Wirth lebt in Nordportugal", sagt Dummer. "Ich habe ihn schon oft angeschrieben, aber er antwortet mir nicht." Haselbach lebt bei Kiel. "Wir haben regelmäßig Kontakt. Er selbst will nicht mehr über die Pamir reden", sagt Dummer. Und Fredrich, der in Hamburg wohnt, sei abgetaucht. "Wir haben seit Jahrzehnten keinen Kontakt mehr, obwohl ich sein Trauzeuge bin. Jeder verarbeitet das eben auf seine Art."


Johannes K. Soyener: "Sturmlegende - Die letzte Fahrt der Pamir" , 427 Seiten, Gustav Lübbe Verlag, 2007, 22,95 Euro

Karl-Otto Dummer: "Pamir - Die Geschichte des Untergangs" , 297 Seiten, Edition Maritim, 2007, 24,90 Euro



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