Verstrahltes Gomel Wir waren Geiseln von Tschernobyl

Erst versuchten sie es mit Jod, dann mit Verdrängung - gegen den unsichtbaren Feind half beides nicht. Noch heute sterben in Gomel Menschen an den Folgen der Katastrophe. Nadeschda Lazko war elf Jahre, als 120 Kilometer weiter der Atomreaktor in die Luft flog. Bericht eines Tschernobyl-Kindes.


Iwan, der Sohn des Zaren, kam und rettete sie. Die böse Hexe Baba-Jaga, hatte er durch seine Kühnheit, durch seinen Erfindungsgeist zu seiner Verbündeten gemacht. Sie hatte ihm geholfen, den scheinbar unsterblichen Herrscher der Unterwelt Koschtschej Bessmertnyj zu besiegen. Als Kind las ich am liebsten russische Volksmärchen. Sie gaben mir mit ihrem Optimismus ein besonderes Gefühl der Geborgenheit und der Sicherheit - mit ihrer steten Fähigkeit, das Böse ins Gute umzukehren.

Bis am 26. April 1986 die Katastrophe passierte.

Ich lebte mit meinen Eltern und meiner Schwester in Gomel, der zweitgrößten Stadt Weißrusslands, etwa 120 Kilometer Luftlinie von Tschernobyl entfernt. Wie die meisten ahnte ich nicht, dass etwa 70 Prozent der radioaktiven Niederschläge Weißrussland zuteil wurden. Mehr noch: Die meiste Strahlung aus dem vierten Reaktor des Atomkraftwerkes kam, von den Regenwolken getragen, zu uns ins Gomeler Gebiet. Tschernobyl "passierte", und kein Retter war zur Stelle. So verstand ich mit gerade einmal elf Jahren, was Katastrophe bedeutete.

Mit dem Reaktor explodierte die Geborgenheit, die Kindheit. Plötzlich füllten fremde Wörter die Luft: Radioaktivität, Cäsium, Becquerel... Sie waren wie Zauberformeln, die diese Verwünschung hervorbrachten, furchteinflößend und bedrohlich. Radioaktivität, Cäsium, Becquerel... Ich lernte selbst, die Wörter zu übersetzen. "Viel Becquerel" hieß hungern, "viel Cäsium 137" hieß unter Umständen Tod. Der Tod wurde ein häufiger Gast bei uns, im Gomeler Gebiet.

Hungern mussten wir anfänglich viel. Rund um Gomel hat man damals bis zu 2000 Becquerel pro Liter Milch gemessen (der maximal zugelassene Wert in Deutschland ist 370). Die Kontamination der Pilze lag bei bis zu 200.000 Becquerel pro Kilo.

Mutter kämpfte sich täglich durch die Schlangen am Einkaufszentrum, blieb stundenlang fern und kehrte mit leeren Taschen zurück. Die Jodtabletten waren längst vergriffen, auch sonst gab es nichts Jodhaltiges. Also ließ sich das radioaktive Jod in unseren Schilddrüsen nieder. Sie wurden dicker, und wir wurden langsamer, müder, aufgedunsener. Später nannte man diese Symptome "Tschernobyl-Aids".

Keiner sprach ein Wort von Tschernobyl

Die Strahlen waren nicht greifbar, kein fassbares Böses, gegen das man sich zur Wehr setzen konnte. Immer wieder gab uns eine ernste Radiostimme im Auftrag des Gesundheitsministeriums Richtlinien vor.

In den ersten Wochen befolgten wir die Empfehlungen, gingen mit weißen Mullmasken zur Schule und zur Arbeit, schüttelten unsere Kleider ab, wischten die Schuhe, kochten das Wasser mehrmals ab, doch vergeblich. Eines Tages kamen zwei Männer mit Messgeräten zu uns in die Wohnung. Die Strahlung war immer noch hoch. Sie hatte uns bis in die Wohnung, in unsere Festung verfolgt. Das Ausschütteln der Kleider war wohl sinnlos.

Nach einigen Wochen gaben wir auf. Denn draußen kündigte sich ein lebensbejahender Sommer an. Die Strahlung war unsichtbar, die Erdbeeren aus Großmutters Garten schmeckten, und so spielten bald wieder Kinder im Sandkasten.

Wir hatten auch keine andere Wahl. Während 415 Dörfer um Gomel evakuiert wurden, mussten die Einwohner der Stadt bleiben. Wie siedelt man eine halbe Million Menschen um? Wir wurden zu Tschernobyl-Geiseln. Um unter diesen Bedingungen zu überleben, begannen wir gemeinsam ein Verdrängungsspiel. Keiner sprach mehr ein Wort von Tschernobyl. Nach Möglichkeit taten wir so, als ob nichts gewesen wäre. Nach Möglichkeit. Denn die unsichtbare Plage machte uns das Verdrängen schwer.

Befürchtete Mutter früher, dass meine Schwester und ich keinen Ehemann finden würden, weil unsere Mitgift zu klein war, sorgte sie sich von nun an ernsthaft darum, dass keiner uns heiraten würde, weil wir Tschernobyl-Kinder waren: "Tschernobylzy".

Wann trifft es mich?

Von jetzt an mussten wir uns jährlich in einem Krankenhaus untersuchen lassen. Wir Kinder marschierten dorthin klassenweise, und schweigsame Ärzte tasteten uns die immer dicker, immer störender werdenden Schilddrüsen ab. Die Anrufe und Einladungen von vielen Verwandten wurden seltener. Man sagte, wir würden "strahlen". Wir drängten uns nicht auf.

Wir, die Menschen im Gomeler Gebiet, erhielten monatlich einen Zuschuss dafür, dass wir in der verstrahlten Region lebten. Das Volk flüchtete sich in Galgenhumor und nannte es Grabgeld.

Und trotzdem: Wie mächtig unser Gegenspieler war, begriff ich erst im Laufe der Jahre, nachdem in unserem Hochhaus in Gomel immer mehr Nachbarn an Krebs gestorben waren. Ein Gerücht ging rum, die einheimischen Geburtshäuser seien voll mit Frauen, die mutierte Föten im Unterleib trügen. Wir hofften anfänglich, es sei ein Gerücht. Doch irgendwann wurde meine Schwester eine dieser Frauen. Das Leben wurde erneut zum Alptraum: Wann trifft es mich?

20 Jahre sind seit der Katastrophe vergangen, ganze Kulturlandschaften sind verschwunden, Tausende von Menschen wurden ihrer Heimat beraubt, immer noch sterben viele an den Folgen der Katastrophe, immer mehr missgebildete Kinder werden geboren. Der Retter, der Sohn des Zaren, ist nicht gekommen - zu übermächtig war diesmal der Feind.

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