Zeitsprung - 9. November 1989 "Das ist ja unfassbar"

Zu dieser Stunde vor genau 15 Jahren herrscht in den Nachrichtenredaktionen Großalarm: Politbüro-Mitglied Günter Schabowski hat gerade verkündet, dass DDR-Bürger künftig in den Westen reisen dürfen. Helmut Kohl erreicht beim Staatsbesuch in Polen ein Anruf: "Halten Sie sich fest, die DDR-Leute machen die Mauer auf."

Um 19.03 Uhr laufen die ersten Eilmeldungen über die neuen Reisemöglichkeiten der DDR-Bürger über die Ticker der Nachrichtenagenturen. Um 19.05 Uhr meldet Associated Press die "Grenzöffnung". Im ZDF hat die "Heute"-Sendung gerade begonnen. Um 19.17 Uhr berichtet der Nachrichtensprecher von Schabowskis Auftritt. In der Redaktion der DDR-Nachrichtensendung "Aktuelle Kamera" kommen die Journalisten um 19.15 Uhr auf die Idee, Schabowskis Äußerungen in die Sendung aufzunehmen. Aber ihnen liegt keine Pressemitteilung vor. Ein Anruf bei der DDR-Nachrichtenagentur ADN ergibt, dass dort zwar eine Pressemitteilung vorliegt, diese aber erst nach 4 Uhr morgens veröffentlicht werden darf. Daher schreiben sich die Journalisten der "Aktuellen Kamera" ihre Meldung selber und reichen Nachrichtensprecherin Angelika Unterlauf einen Zettel ins Studio. Um 19.33 Uhr sagt sie: "Alle DDR-Bürger dürfen kurzfristig ohne besondere Angabe von Gründen private Reisen ins Ausland unternehmen." Später wird Unterlauf sagen, sie habe die Meldung nicht begriffen. "Irgendwie war mir klar, dass es etwas Besonderes war, aber ich hab' sie nur auf die Aussiedler bezogen."

Von dem Jahrhundertereignis überrascht wird auch Bundeskanzler Helmut Kohl, der im polnischen Warschau auf Staatsbesuch weilt. Schon kurz vor 19 Uhr, zeitgleich mit Schabowskis Pressekonferenz, prophezeit Solidarnosc-Chef Lech Walesa, wie ein Kanzler-Mitarbeiter festhält, dass "die Mauer in ein bis zwei Wochen nicht mehr stehen" werde. Wenig später, während des Festbanketts im Palast des Ministerrats, ruft der Kohl-Vertraute Eduard Ackermann aus Bonn den Kanzler an: "Herr Doktor Kohl, halten Sie sich fest, die DDR-Leute machen die Mauer auf." Darauf Kohl: "Sind Sie sicher?" Durch den Telefonhörer schallt die Antwort: "Das Fernsehen überträgt live aus Berlin, ich kann es mit eigenen Augen sehen." Darauf Kohl: "Das ist ja unfassbar!"

Unter den Hunderttausenden, die Schabowskis Auftritt im Fernsehen verfolgen, ist auch Dieter Teichmann. Der Generalmajor hat an diesem Abend die oberste Befehlsgewalt im brandenburgischen Pätz, dem Sitz des Kommandos der Grenztruppen. Nach der Sendung macht sich Teichmann beim Abendessen Gedanken, "was auf die Grenztruppen in den kommenden Wochen zukommen" wird. Als Teichmann nach dem Abendbrot an seinen Schreibtisch zurückkehrt, wird ein Anruf von Generalmajor Erich Wöllner, dem Kommandeur des Grenzkommandos Mitte in Berlin, durchgestellt. Wöllner will sich kundig machen, weil er von überall her Anfragen erhält, was die Ankündigung Schabowskis bedeutet. Aber auch sein Vorgesetzter Teichmann, so merkt er, weiß von nichts. Trotzig denkt sich Wöllner: "Wenn die dir vorher nichts sagen, dann sollen sie auch sehen, wie sie zurechtkommen." Er beschließt: "Du machst jetzt gar nichts", und geht nach Hause.

Von den historischen Ereignissen der folgenden Stunden werden die politischen Führer der DDR ebenso überrumpelt wie Bruno Nevyhosteny, 41, Hauptmann einer Passkontrolleinheit des Ministeriums für Staatssicherheit. Nevyhosteny ist nachmittags um drei von der Frühschicht an der Grenzübergangsstelle Bornholmer Straße nach Hause gekommen. Ferngesehen hat er nicht; daher ist ihm die von Schabowski in die Welt gesetzte Information entgangen, die sich in den Medien binnen kurzem zu der Formel verkürzt hat: "Die Grenzen sind offen."