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»Zerstörung des Urvertrauens«

Die Psychologin Edita Ostojic, 46, die im bosnischen Zenica vergewaltigte Frauen betreut, über die Folgen der Traumatisierung
aus DER SPIEGEL 39/1999

SPIEGEL: In den Balkan-Kriegen haben Serben, Kroaten, Bosnier und Kosovo-Albaner die Frauen anderer Volksgruppen vergewaltigt. Warum fällt es Frauen so schwer, darüber zu sprechen, obwohl sie doch offensichtlich kein Einzelschicksal erlitten haben?

Ostojic: Weil viele Frauen sich selbst die Schuld geben und sich deshalb schämen. Sie fürchten eine ablehnende Reaktion ihrer Umgebung, in der Vergewaltigung unter dem Aspekt Sexualität und nicht als Gewaltdelikt betrachtet wird.

SPIEGEL: Welche psychischen Folgen hat die Vergewaltigung für die Frau?

Ostojic: Das hängt entscheidend vom Zeitpunkt ab, wann die Frau erstmals über ihr Trauma spricht. Wenn zu viel Zeit vergangen ist, haben die Frauen oft allein einen Weg gefunden, seelisch zu überleben. Meistens sind das aber Fehlanpassungen, die später kaum zu korrigieren sind.

SPIEGEL: Wie sehen die aus?

Ostojic: Die Frauen sind sehr verschlossen und verdrängen mit großer psychischer Kraft die Erinnerung und die daran geknüpften Emotionen. Im Alltag funktionieren sie meist, aber sie leiden unter Alpträumen und Angstattacken. Manchmal ist die Abspaltung des Traumas so radikal, dass sie diese Ängste gar nicht mit der Vergewaltigung in Verbindung bringen und glauben, verrückt zu werden.

SPIEGEL: Gibt es auch körperliche Reaktionen?

Ostojic: Ja. Was nicht in Worten formuliert wird, drückt der Körper aus mit Symptomen wie Lähmungen, Asthma, Neurodermitis.

SPIEGEL: Ist ihnen noch eine normale Sexualität möglich?

Ostojic: Den meisten zunächst nicht, weil sie den Kern der Verletzung ausmacht. Entweder vermeiden die Frauen Sex oder, im Gegenteil, sie schlafen wahllos mit Männern. Diese extreme sexuelle Aktivität ist der hilflose Versuch, Kontrolle über das zu gewinnen, was sie so erschreckt.

SPIEGEL: Hängt die Tiefe der Verletzung davon ab, wie oft, über welchen Zeitraum und wie brutal eine Frau vergewaltigt wurde?

Ostojic: Entscheidend sind äußere Faktoren wie Dauer, Ausmaß und Frequenz der traumatischen Erlebnisse und innere wie die psychische Konstitution. In der Therapie versuchen wir, mit Hilfe von Freunden und Verwandten innere Ressourcen zu aktivieren.

SPIEGEL: Welche Erfolge haben Sie?

Ostojic: Therapieerfolge lassen sich nicht einfach messen. Das Urvertrauen ist zerstört, und die Tatsache, dass eine Frau sich mit ihrem Trauma auseinander setzt und Vertrauen in andere Menschen hat, ist ein Schritt nach vorn.

SPIEGEL: Welche psychischen Langzeitfolgen haben Sie beobachtet?

Ostojic: Einige Frauen führen ein sehr beschränktes Leben: Die Sozialkontakte sind gestört, weil sie misstrauisch gegenüber anderen sind. Manche glauben, dass jeder von ihrer Vergewaltigung wisse, und fühlen sich deshalb allen ausgeliefert. Andere können sich nicht konzentrieren. Oder sie fühlen sich so wertlos, dass sie am Wert ihrer Leistung grundsätzlich zweifeln. Deshalb bieten wir in unserem Projekt Kurse an, in denen sie ein Handwerk lernen und ihr Selbstwertgefühl stärken können. Das braucht oft sehr viel Zeit.

SPIEGEL: Was taten die Frauen, die durch die Vergewaltigung schwanger wurden?

Ostojic: Die meisten haben sich für einen Abbruch entschieden. Das war die erträglichste Lösung für sie.

SPIEGEL: Und wenn es dafür zu spät war?

Ostojic: Haben sie das Baby zur Adoption freigegeben oder behalten. Aber es ist schwierig, das Kind wirklich zu akzeptieren. Die nächste Frage ist: Was soll die Mutter dem Kind über den Vater erzählen? Die Frau muss entscheiden, was sie emotional ertragen kann.

SPIEGEL: Kennen Sie Fälle, in denen Frauen ihr Kind getötet haben?

Ostojic: Ja. Wir haben eine Frau stationär betreut, die sich eines Nachts mit dem Kind im Arm aus dem Haus stahl und das Baby erstickt hat. Sie war mitten in einem psychotischen Schub und erzählte, das Kind habe tote Augen gehabt.

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