Zerstörung in Haiti Erdbebenopfer bekommen kaum Hilfe

Auf den Straßen liegen Leichen, schockierte Menschen irren durch die Trümmer: Das Erdbeben hat Haiti ins Chaos gestürzt. Hilfsorganisationen versuchen, zu den Opfern vorzudringen - doch Krankenhäuser sind zerstört und Medikamente knapp. Es droht eine Katastrophe nach der Katastrophe.

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Port-au-Prince - Die Zerstörungen in Haiti sind verheerend, doch wie dramatisch die Lage nach dem schweren Erdbeben vom Dienstag tatsächlich ist, lässt sich bislang kaum absehen. Hilfsorganisationen rechnen mit dem Schlimmsten: "Ich gehe davon aus, dass die Zahl der Toten erschreckend hoch sein wird", sagte Michael Kühn, Koordinator der Deutschen Welthungerhilfe in Haiti.

Die Situation in der HauptstadtPort-au-Prince lässt sich bislang kaum präzise einschätzen. Nur eine Stunde nach dem Beben brach die Dunkelheit herein, was die Koordination der Hilfe und die Suche nach Verschütteten erschwerte. Zudem war das Telefonnetz komplett ausgefallen.

In einem sind sich die internationalen Hilfsorganisationen jedoch einig: Die Menschen auf der Karibikinsel brauchen so schnell wie möglich Hilfe. "Es gibt keine medizinische Versorgung für die Bevölkerung und die wird es jetzt natürlich auch nicht geben", sagte eine Sprecherin des Deutschen Roten Kreuzes (DRK). Aufgrund der fehlenden Mittel könnten auch leichte Verletzungen tödlich enden, etwa durch Blutvergiftungen.

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Beben vor Haiti: Verzweifelte Suche nach Verschütteten
Ein Sprecher der deutschen Diakonie Katastrophenhilfe teilt diese Einschätzung: "Ein großes Problem ist die medizinische Versorgung. Selbst in einem der besten Krankenhäuser des Landes sind die Medikamente ausgegangen", sagte Rainer Lang, der mit dem Diakonie-Büro in Port-au-Prince in Verbindung steht. Zudem seien auch Hospitäler eingestürzt.

Die Naturkatastrophe erfordert nach Einschätzung der Rot-Kreuz-Föderation in Genf einen "massiven internationalen Hilfseinsatz". Die Organisation kam am Mittwoch zu einer Krisensitzung zusammen, wie Sprecher Jean-Luc Martinage in Genf mitteilte. "Notvorräte sind in Haiti gelagert. Sie ermöglichen es, 3000 Familien drei bis vier Tage zu versorgen, aber wir müssen sehr schnell Hilfsmaterial aus unserem Regionalzentrum in Panama liefern", sagte Martinage.

Zuvor hatte eine Sprecherin gesagt, in Haiti gebe es keinerlei Katastrophenvorsorge, die Menschen seien auf sich allein gestellt. Die Nachrichtenagentur AFP berichtete von Plünderungen in der Nähe der Hauptstadt. In einem Vorort von Port-au-Prince sollen sich mehrere Menschen in einem Supermarkt bedient haben.

Autos wurden durch die Luft geschleudert

Das Beben, mit einer Stärke von 7,0 auf der Richterskala nach Angaben des US-Instituts für Geophysik das schwerste seit mindestens hundert Jahren, hatte Haiti am Dienstagnachmittag um 16.53 Uhr Ortszeit (22.53 MEZ) erschüttert und dauerte länger als eine Minute. Zahlreiche Gebäude stürzten ein, darunter der Präsidentenpalast. Autos wurden in die Luft geschleudert. Blutüberströmte und staubbedeckte Menschen irrten durch die Straßen der Zwei-Millionen-Einwohner-Stadt.

Auch in der benachbarten Dominikanischen Republik bebte die Erde, es gab nach offiziellen Angaben aber keine Schäden. Ausläufer waren der US-Armee zufolge selbst im 300 Kilometer entfernten Gefangenenlager Guantanamo auf Kuba zu spüren. Ein zunächst ausgelöster Tsunami-Alarm wurde jedoch nach kurzer Zeit wieder aufgehoben.

"Unsere Diplomaten vor Ort haben viele Leichen auf den Straßen und Gehwegen gesehen", sagte ein Sprecher des US-Außenministeriums über die Lage in Haiti. Laut verschiedenen Hilfsorganisationen müsse mit Hunderten Toten gerechnet werden. "Die Toten werden in Hunderten gezählt werden müssen", sagte ein Arzt, der selbst bei dem Erdstoß verletzt wurde. Andere Augenzeugen gingen sogar von Tausenden Opfern aus.

"Eine wirkliche Katastrophe"

In Port-au-Prince bot sich nach dem Beben ein schreckliches Bild. Viele Menschen irrten weinend und vollkommen aufgelöst durch die Straßen. "Das ist eine wirkliche Katastrophe", sagte einer von ihnen. Er sei mehrere Kilometer gelaufen, um zu sehen, ob sein Zuhause noch steht. Nach dem Beben haben die Einwohner ihre Häuser verlassen und Zuflucht auf Freiflächen gesucht - aus Furcht, sie könnten von einstürzenden Gebäuden erschlagen werden.

"Sie verbringen die Nacht im Freien, weil sie Angst vor den Nachbeben haben", sagte Sara Fajardo vom katholischen Hilfsdienst. Der brasilianische Sender TV Globo zeigte Bilder von einem Mann, dessen Beine unter großen Steinblöcken zerquetscht wurden. "Überall Zerstörung, wohin man auch sieht", sagte Marie Claire. Das medizinische Labor, in dem die Frau arbeitet, sei eingestürzt. Nur knapp sei sie mit dem Leben davongekommen.

Zu den Betroffenen gehören auch Uno-Mitarbeiter in der Hauptstadt. Das Quartier der Vereinten Nationen in Port-au-Prince hat dem Beben nicht standgehalten. Viele Mitarbeiter der insgesamt fast 11.000 Mitarbeiter umfassenden Mission wurden vermisst, wie deren Chef, Alain Leroy, mitteilte.

Die Hilfsorganisation Ärzte ohne Grenzen teilte in Deutschland mit, ihr Traumazentrum in Port-au-Prince sei schwer beschädigt worden, aus einer Geburtsklinik seien wegen der Einsturzgefahr die Patientinnen in Sicherheit gebracht worden.

Deutschland stellt Soforthilfe zur Verfügung

Die Bundesregierung hat inzwischen eine Million Euro Soforthilfe für die Notversorgung der Opfer angekündigt. Außenminister Guido Westerwelle (FDP) berichtete am Mittwoch auch im Bundeskabinett über die Lage in Haiti.

Ein von Westerwelle einberufener Krisenstab beobachtet nach Angaben des Auswärtigen Amtes die Situation in Haiti genau und soll in Zusammenarbeit mit den anderen Ressorts über weitere Maßnahmen entscheiden, heißt es in einer Mitteilung. Westerwelle hatte zuvor nach einem Telefonat dem deutschen Botschafter in Haiti gesagt: "Ich bin bestürzt von dem sich abzeichnenden Ausmaß der Erdbebenkatastrophe. Unser Mitgefühl und unsere ganze Solidarität gilt den Opfern der Katastrophe und ihren Angehörigen."

Schon wenige Stunden nach dem Beben hatten die USA Hilfe angekündigt. Präsident Barack Obama erklärte in Washington, die USA stünden bereit, "dem Volk von Haiti zu helfen". Noch am Abend schickten die USA erste Rettungsmannschaften mit Spürhunden aus Los Angeles los.

Frankreichs Außenminister Bernard Kouchner sagte in Paris, es werde umgehend Hilfe mobilisiert und in die Karibik geschickt. Am Mittwochmorgen starteten dann zwei Flugzeuge mit Hilfsgütern und je etwa 60 Rettungskräften an Bord Richtung Karibik. Zahlreiche weitere Staaten, darunter Kanada, Australien, Kolumbien, Venezuela und Panama, kündigten ebenfalls Unterstützung an.

hut/dpa/ddp/AFP



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