Zivile Opfer Ali, das Gesicht des Krieges

Ali Ismail Abbas verlor bei einem Bombenangriff seine Eltern, sieben Familienmitglieder - und seine beiden Arme. Das grausame Schicksal des Zwölfjährigen, in britischen Zeitungen hitzig diskutiert, könnte den zivilen Opfern des Irak-Kriegs ein Gesicht geben.

Von


Ali Ismail Abbas im Krankenhaus: Grässliche Bilder schockieren die Briten
REUTERS

Ali Ismail Abbas im Krankenhaus: Grässliche Bilder schockieren die Briten

Bagdad/London - Er blickt schmerzverzerrt in die Kamera, von seinen Armen sind nur noch bandagierte Stümpfe übrig, sein kleiner Torso liegt unter einem Käfig, der das verbrannte Fleisch vor der Bettwäsche schützt. Die Bombe, die nachts auf Alis Haus fiel, riss dem Jungen beide Arme ab, sie zerfetzte und verbrannte seinen Vater und seine schwangere Mutter sowie sieben weitere Familienmitglieder.

Um das Schicksal des Jungen ist in britischen Zeitungen eine emotionale Kontroverse entbrannt. Der liberale "Daily Mirror" etwa rief unter dem Motto "The Ali Appeal" zu Spenden auf. Zugleich veröffentlichte das Blatt zahlreiche Leserbriefe voller Betroffenheit und ohnmächtiger Wut. Die BBC ließ Ali ausführlich und voller Dramatik zu Wort kommen: "Könnt ihr mir helfen, meine Arme zurückzubekommen? Glaubt ihr, dass die Ärzte mir ein neues Paar Hände geben können? Wenn ich keine neuen Hände bekomme, werde ich Selbstmord begehen."

"Ein Toter ist eine Tragödie, eine Million Tote eine Statistik"

Das Bild von Ali Ismail Abbas, der verbrannt, verstümmelt und verwaist in einem Bagdader Krankenhaus liegt, könnte - ebenso wie Bilder von Irakern, die Saddam-Statuen niederreißen - zu einem der Symbole des Irak-Kriegs werden und damit in einer langen Tradition stehen. Es waren meist die individuellen Schicksale und nur selten horrende Opferzahlen, die ganze Gesellschaften zu bewegen vermochten. "Ein Toter ist eine Tragödie, eine Million Tote eine Statistik", sagte einst Josef Stalin. Der sowjetische Schreckensherrscher sollte Recht behalten.

Vietnamkrieg: Phan Thi Kim Phuc (Mitte) flieht zusammen mit anderen Kindern nach einem fehlgeleiteten amerikanischen Napalm-Angriff
AP

Vietnamkrieg: Phan Thi Kim Phuc (Mitte) flieht zusammen mit anderen Kindern nach einem fehlgeleiteten amerikanischen Napalm-Angriff

Die ausgemergelten Gesichter toter KZ-Gefangener werden auf immer mit dem Zweiten Weltkrieg verbunden sein - auch wenn sie zu spät veröffentlicht wurden, um den Kriegsverlauf noch zu beeinflussen. Wie sehr aber die Schreckensbilder in die Gegenwart hineinwirken, wurde während des Kosovo-Kriegs deutlich, als Filmaufnahmen von abgemagerten Insassen angeblicher serbischer Konzentrationslager auftauchten und im Westen für helle Empörung sorgten.

Das berühmt gewordene Foto eines weinenden vietnamesischen Mädchens, das zusammen mit anderen Kindern vor einem fehlgeleiteten amerikanischen Napalm-Angriff flieht, grub sich tief ins öffentliche Bewusstsein der US-Bevölkerung - und trug zum wachsenden Widerstand gegen den Krieg bei, da plötzlich der Unterschied zwischen den militärischen Kommuniques und der mörderischen Wirklichkeit offenbar wurde.

Lügen als Kriegsgrund

In kleinerem Maßstab sorgten im September 2000 Filmaufnahmen über Kämpfe im Gaza-Streifen für weltweite Empörung über das Vorgehen der israelischen Armee. Zu sehen war ein Zwölfjähriger, der im Kugelhagel starb. Zuvor hatte er verzweifelt Schutz hinter dem Rücken seines Vaters gesucht, der seinen Sohn nicht retten konnte. Die israelische Armee übernahm die Verantwortung für den Vorfall, verschiedene Medienberichte weckten später jedoch Zweifel an der Schuld israelischer Soldaten.

Dass Bilder einen Krieg auch mit auslösen können, ist spätestens seit dem Golfkrieg von 1991 klar. Vor laufenden Kameras beschuldigte eine angebliche Krankenschwester irakische Soldaten, kuweitische Säuglinge aus Brutkästen gerissen und massakriert zu haben. Die Krankenschwester entpuppte sich später als Tochter des kuweitischen Botschafters in den USA und ihr tränenreicher Bericht als frei erfunden.

Mohammed Aldura mit seinem Vater Jamal: Die Bilder vom Tod des Zwölfjährigen im israelischen Kugelhagel gingen im September 2000 um die Welt
AFP

Mohammed Aldura mit seinem Vater Jamal: Die Bilder vom Tod des Zwölfjährigen im israelischen Kugelhagel gingen im September 2000 um die Welt

Der damalige US-Präsident George Bush aber erwähnte die Episode in fünf Reden, und sieben Senatoren nutzten sie zur Rechtfertigung einer Pro-Kriegs-Resolution. Angesichts der wenig kritischen Berichterstattung über den Golfkrieg von 1991 verwundert es kaum, dass heute vor allem Bilder brennender Ölquellen und "chirurgischer Bombenangriffe" mit der Operation "Desert Storm" in Verbindung gebracht werden.

Die nun veröffentlichten Bilder des verstümmelten Ali besitzen ein ähnliches Potenzial. Zumindest reichten sie aus, in britischen Tageszeitungen eine Diskussion über den Sinn des Irak-Kriegs zu entfachen. Liberale Blätter berichten von prominenten Spendern, die Alis Operationen bezahlen wollen, oder räsonieren über die bitteren Folgen des Krieges.

Die Zeitungen, die dem Imperium des australischen Medienmoguls und erklärten Kriegsbefürworters Rupert Murdoch angehören, wählen dagegen vollkommen andere Töne. Die "Times" etwa sieht in den Bildern des verstümmelten Ali kein Argument gegen, sondern für den Krieg: Saddam Hussein sei der Schuldige, schließlich habe er den Krieg provoziert. Für die Befreiung des irakischen Volks von dem Diktator sei Alis Schicksal kein zu hoher Preis. "Das ist der Krieg wert."

Mehr zum Thema


© SPIEGEL ONLINE 2003
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.