Zugunglück in Sachsen-Anhalt "Ein Wunder, dass es Überlebende gegeben hat"

Wie konnte das geschehen? Zwei Züge rasen ineinander, zehn Fahrgäste sterben, viele sind verletzt, eine Trümmerwüste überall. Die Menschen im sachsen-anhaltinischen Hordorf, wo am Samstagabend das fürchterliche Bahnunglück passierte, sind schockiert. Die Unfallursache ist nach wie vor unklar.

Von , Hordorf


Er lag schon im Bett, da war dieser Schlag. Und gleich darauf ein Knall, noch viel lauter. "Ich hab was übergezogen und bin sofort auf die Straße raus", erzählt der pensionierte Kriminalbeamte, der seinen Namen nicht nennen will. Dann stand er vor seinem Haus in der Hordorfer Bahnhofsstraße und blickte in den Himmel. "Das sah aus wie ein Riesenschweif." Da musste etwas Großes explodiert sein, dachte er, vielleicht war ein Flugzeug abgestürzt? Er lief ein paar Schritte Richtung Bahnhof - und hörte plötzlich die Schreie. Sie kamen direkt von den Gleisen.

"Ich bin dann umgedreht", sagt er. Sein Sohn sei vor nicht allzu langer Zeit bei einem Verkehrsunfall ums Leben gekommen. "Ich konnte das nicht sehen, diese schrecklichen Bilder."

Es sind auch am Tag danach noch schreckliche Bilder an der Bahnstation von Hordorf, einem 700-Leute-Dorf rund 30 Kilometer südwestlich von Magdeburg. Zehn Menschen starben hier am späten Samstagabend, mehr als 20 wurden verletzt, viele schwer. Eine Regionalbahn und ein Güterzug kollidierten auf der eingleisigen Strecke, offenbar ungebremst. Der vordere Teil der Personenbahn wurde schlicht zerquetscht, der Zugführer ist unter den Toten, der Rest der Wagen muss geradezu aus den Gleisen katapultiert worden sein. Sie liegen ein paar Meter neben dem Gleis, auf den Kopf gedreht. Der mit Kalk vollbeladene Güterzug dagegen brauchte über hundert Meter, bis er zum Stehen kam. "Das ist, als ob ein Panzer gegen einen Trabi gefahren wäre", sagt ein Polizist am Unfallort.

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Zugunglück in Sachsen-Anhalt: Kollision im Nebel
Es ist ein Trümmerfeld an diesem kalten Sonntag, auch viele Stunden nach der Kollision.

"Dass es überhaupt Überlebende gegeben hat, ist ein Wunder", sagt Bundespolizei-Präsident Matthias Seeger, nachdem er sich am Nachmittag einen Überblick an der Unglücksstelle verschafft hat. Dieses Wunder ist vielleicht auch ein bisschen den Hordorfern zu verdanken. Manche sollen ausgerüstet mit Äxten schon kurz nach dem Zusammenstoß an den Gleisen gewesen sein, um zu helfen - einige der Verletzten waren in dem Zug eingeklemmt. Auch die Arbeit der professionellen Helfer hätte hervorragend funktioniert, das loben am Tag danach alle, die den Unglücksort besuchen: Ministerpräsident Wolfgang Böhmer, Innenminister Holger Hövelmann, auch Bundesverkehrsminister Peter Ramsauer, der am Sonntagabend den Hordorfer Bahnhof erreicht.

Da ist es schon dunkel geworden, deshalb kann Ramsauer das Holzkreuz neben den Gleisen nicht mehr ausmachen, er spaziert daran vorbei. Ein Seelsorger hat es am Nachmittag aufgestellt, davor drei Kerzen. Es ist ein sehr schlichtes Kreuz, schief lehnt es an einem Bäumchen, auch im Hellen hat es kaum einer beachtet.

Irgendwann werden hier die Angehörigen stehen und trauern.

Doch jetzt ist noch so viel zu tun, Beamte der Bundes- und Landespolizei, Feuerwehrleute, ihre Kollegen vom technischen Hilfswerk, Sanitäter hasten hin und her. Das Feld neben den Gleisen gleicht am Nachmittag einer Schlammwüste, immer wieder bleiben Einsatz-Fahrzeuge stecken. Der Güterzug ist schon am Nachmittag weggeschleppt worden, aber es wird noch Tage dauern, bis die Überreste der Personenbahn geborgen sind; so lange wird auch die Bahnstrecke zwischen Magdeburg und Halberstadt gesperrt bleiben.

Technischer Fehler, Signalstörung, menschliches Versagen?

Noch länger wird es möglicherweise dauern, bis die Ursache der Katastrophe klar ist: War es ein technischer Defekt, möglicherweise eine Signalstörung? Oder vielleicht doch ein menschlicher Fehler, bei einem der beiden Lokführer?

Nach Informationen des MDR-Fernsehens war der Zugführer des Güterzugs möglicherweise nicht im Führerstand. Ein Polizeisprecher sagte im MDR-Magazin "Sachsen-Anhalt heute", dies könne die Erklärung dafür sein, dass der Lokführer nur leichtverletzt sei.

Noch kann nur spekuliert werden, von den Behörden gibt es bisher keine näheren Angaben zum Hergang. "Die Ermittlungen lassen bis zum jetzigen Zeitpunkt keine definitive Schlussfolgerung zu, deshalb verbietet es sich hier, in Spekulationen zu ergehen", sagt Verkehrsminister Ramsauer am Sonntagabend. Klar ist allerdings: Ein Sicherheitssystem wie auf anderen Strecken, das beim Überfahren eines Haltesignals eine automatische Zwangsbremsung auslöst, gibt es auf diesem Abschnitt nicht. Ein solches System sei bei den Geschwindigkeiten auf der Unglücksstrecke aber auch nicht vorgeschrieben, heißt es von der Bahn.

Ein weiteres Problem: Viele der Leichen konnten bisher nicht identifiziert werden. Inzwischen versuchen Fachleute vom Bundeskriminalamt, hier weiterzukommen. Es ist eine gruselige Aufgabe. Und an der Strecke sieht man Ermittler in dem wühlen, was übrig blieb, auf der Suche nach verwertbaren Spuren:

Zu erkennen sind Plastikbecher, Fußmatten, Fahrpläne.

Auch viele Hordorfer wollen am Tag danach wissen, was hier passiert ist. Sie müssen die Szenerie allerdings aus der Ferne beobachten, die Polizei hat weiträumig abgesperrt. "Versteh ich nicht, dass ich nichts gehört habe", sagt ein Mann in Trainingshose.

Mancher unter den älteren Hordorfern wird sich an diesem Sonntag wohl an 1967 erinnern: Damals starben in Langenweddingen bei Magdeburg 94 Menschen, darunter viele Schulkinder, als ein Zug der Reichsbahn mit einem Tanklaster kollidierte. Es war das schlimmste Bahnunglück in der DDR-Geschichte.

"Ich habe sofort daran denken müssen", sagt der pensionierte Kripo-Mann in der Bahnhofsstraße.



insgesamt 122 Beiträge
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Seite 1
phon 30.01.2011
1. Beileid für die Opfer, Schande der DB!
Zuerst mein Beileid für alle Angehörigen und Opfer. Und dann: Schande über die Deutsche Bahn! Wieviele Tote muss es noch geben? Das darf doch einfach nicht wahr sein: Man flog auf den Mond und D ist nicht in der Lage, zu verhindern, dass 2 Züge ungehindert aufeinander zurasen. Ade Bananenrepubliok D, da lob ich mir die Schweiz, bei uns sind alle Strecken gesichert.
granitfindling 30.01.2011
2. Dabei wäre es so einfach zu verhindern....
Das teure Eisenbahnsystem, das auf dieser Strecke nicht vorhanden war, könnte man durch ein zweites billiges System ergänzen, wenn man denn wollte: Jede Spedition weiß heute, wo sich ihre Lastwagen befinden, nämlich per GPS und Handy-Funkübertragung. Ein solches System ist für die Eisenbahnbürokraten aber aktuell undenkbar. Da vergräbt man sich sich lieber unter Vorschriftenbergen und schreit laut: Es war hier nicht notwendig!!!! Und dabei wäre es nicht viel teurer als ein Maut-System im LKW. Bürokratie kostet eben Menschenleben, aber das ist alles vorschriftsgemäß. Das ist aber inzwischen in vielen Bereichen Standard. Dagegen anzugehen ist wie ein Materialschlacht im 1. Weltkrieg: Es gibt keine Gewinner.
founder 30.01.2011
3. Symbol für den Abstieg Deutschlands
Zitat von sysopWie konnte das geschehen? Zwei Züge rasen ineinander, zehn Fahrgäste sterben, viele sind verletzt, eine Trümmerwüste überall. Die Menschen im sachsen-anhaltinischen Hordorf, wo am Samstagabend das fürchterliche Bahnunglück passierte, sind schockiert. Die Unfallursache ist nach wie vor unklar. http://www.spiegel.de/panorama/0,1518,742533,00.html
Was doch nicht alles mit moderner Technik möglich ist. Wieviele Unterlassungen muß es gegeben haben so einen Unfall nicht technisch auszuschließen, selbst wenn der Zugführer gerade so mit seinem Handy beschäftigt war, daß er das Stopzeichen übersehen hat. Keine neue Sicherheitstechnik? Die hätte ja Geld gekostet! Ein Symbol für das Versagen eines Systems.
wolff966 30.01.2011
4. Voreilig
Zitat von phonZuerst mein Beileid für alle Angehörigen und Opfer. Und dann: Schande über die Deutsche Bahn! Wieviele Tote muss es noch geben? Das darf doch einfach nicht wahr sein: Man flog auf den Mond und D ist nicht in der Lage, zu verhindern, dass 2 Züge ungehindert aufeinander zurasen. Ade Bananenrepubliok D, da lob ich mir die Schweiz, bei uns sind alle Strecken gesichert.
Es war eine Privatbahn die mit einer weiteren Privatbahn zusammengestossen ist.Voreilige Schande ist nicht angebracht. Also Vorsicht mit unbedachten Äusserungen!
Robert Rostock, 30.01.2011
5. Wenn man keine Ahnung hat, einfach mal...
Zitat von granitfindlingDas teure Eisenbahnsystem, das auf dieser Strecke nicht vorhanden war, könnte man durch ein zweites billiges System ergänzen, wenn man denn wollte: Jede Spedition weiß heute, wo sich ihre Lastwagen befinden, nämlich per GPS und Handy-Funkübertragung. Ein solches System ist für die Eisenbahnbürokraten aber aktuell undenkbar. Da vergräbt man sich sich lieber unter Vorschriftenbergen und schreit laut: Es war hier nicht notwendig!!!! Und dabei wäre es nicht viel teurer als ein Maut-System im LKW. Bürokratie kostet eben Menschenleben, aber das ist alles vorschriftsgemäß. Das ist aber inzwischen in vielen Bereichen Standard. Dagegen anzugehen ist wie ein Materialschlacht im 1. Weltkrieg: Es gibt keine Gewinner.
Hilft diese GPS-Ortung dagegen, dass die Lastwagen eine rote Ampel überfahren? Oder löst diese Handy-Funkübertragung eine Zwangsbremsung aus, wenn der LKW-Fahrer am Steuer einschläft? Wenn Sie keine Ahnung von Eisenbahn-Sicherungstechnik haben, wenn Sie ernsthaft behaupten, die Züge fahren einfach so auf Geratewohl los, ohne zu wissen, ob und wo noch ein anderer Zug unterwegs ist, wenn Sie ernsthaft die Streckenüberwachung und Sicherungstechnik des Straßenverkehrs über die der Bahn stellen wollen, dann kann ich Ihnen nicht helfen. Es ist mit Sicherheit nicht so.
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