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26. Juli 2013, 07:42 Uhr

Zugunglück mit 80 Toten

Polizei verhört Lokführer

190 Kilometer pro Stunde auf einer Tempo-80-Strecke: Warum raste der Unglückszug von Santiago de Compostela viel zu schnell in eine Kurve? Als Beschuldigter wird nun der Lokführer befragt werden. Bei Facebook soll der Mann mit seinem rasanten Fahrstil geprahlt haben.

Santiago de Compostela - Nach der verheerenden Zugkatastrophe mit 80 Toten in Spanien wird mit Spannung die erste Vernehmung des Lokführers erwartet. Der 52-Jährige soll sich nach Medienberichten bereits am Freitag als Beschuldigter bei der Polizei zum Unfallhergang äußern. Er hatte nach Informationen aus Ermittlerkreisen eingeräumt, dass der Zug auf einer Tempo-80-Strecke mit 190 Kilometern pro Stunde gefahren sei.

Die Behörden konzentrieren sich nun auf die Frage, warum der Zug so schnell unterwegs war - und richten ihr Augenmerk dabei einerseits auf den Fahrer selbst, andererseits aber auch auf das Tempokontrollsystem der Bahn. Experten zufolge sei mindestens einer der beiden Faktoren schuld an dem Unglück.

Medienberichten zufolge sind unterdessen Bilder aus dem Facebook-Profil von Lokführer José G. aufgetaucht, auf denen er mit seinem rasanten Fahrstil prahlt. So veröffentlichte unter anderem die "Daily Mail" das Foto eines Zugtachos, der 200 km/h anzeigt. G. habe das Bild im März 2012 bei Facebook gepostet, hieß es. "Was für ein Vergnügen wäre es, von der Polizei geblitzt zu werden!", soll er in den Kommentaren dazu gewitzelt haben. Nach dem Zugunglück bei Santiago de Compostela sei das Facebook-Profil des Mannes gelöscht worden.

Identifizierung dauert länger

Wie die Regionalbehörden in Galicien mitteilten, wurden bei dem schwersten spanischen Eisenbahnunglück seit mehr als 40 Jahren weit über hundert Fahrgäste verletzt. Bei 33 Menschen war der Zustand am Donnerstagabend noch kritisch. Nur 53 der 80 Todesopfer konnten rasch identifiziert werden. Gerichtsmediziner erklärten, die Identifizierung einiger Toten werde länger dauern.

Während die Ermittlungsbehörden nach der Unfallursache suchen, warnte die staatliche Bahngesellschaft Renfe vor vorschnellen Schlussfolgerungen. Renfe-Präsident Julio Gómez-Pomar erklärte, der Unglückszug sei am Morgen vor dem Unfall inspiziert worden. Er bezeichnete den Lokführer als erfahren und wies darauf hin, dass der Mann seit mehr als einem Jahr auf der Unglücksstrecke im Dienst gewesen sei.

Die Lokführer-Gewerkschaft (Semaf) nahm den Fahrer des Zuges in Schutz. Sie brachte stattdessen eine Debatte mit dem Einwand ins Rollen, die Tragödie hätte mit dem modernen ERTMS-Tempokontrollsystem an der Unglücksstelle verhindert werden können. Da die 2011 eingeweihte Hochgeschwindigkeitsstrecke vier Kilometer vor Santiago de Compostela ende, sei das ältere ASFA-System im Einsatz gewesen, das den Zug beim Überschreiten der erlaubten Geschwindigkeit nicht immer automatisch abbremse, sagte Semaf-Generalsekretär Juan Jesús Fraile im Radio. "Ideal wäre es gewesen, wenn man die Hochgeschwindigkeitsstrecke bis Santiago de Compostela fertiggebaut hätte."

"Ich hoffe, es gibt keine Toten"

Die Eisenbahninfrastruktur-Behörde ADIF wies die Vorwürfe zurück. Im städtischen Raum und bei der Stationseinfahrt sei das ASFA das geeignete System, hieß es.

Der Lokführer und sein Assistent überlebten das Unglück nahezu unverletzt. Nach Informationen der Zeitung "El País" soll der Lokführer unmittelbar nach der Katastrophe über Funk der Leitstelle im Bahnhof von Santiago gesagt haben: "Ich hoffe, es gibt keine Toten, denn die gingen auf mein Gewissen."

Die verkeilten und zerstörten Waggons an der Unfallstelle erinnerten an das schwere ICE-Unglück von Eschede 1998. Die Katastrophe nahe der Pilgerstadt Santiago de Compostela war das erste tödliche Unglück auf einer Strecke des spanischen Hochgeschwindigkeitsnetzes.

Der Unglückszug war am Mittwoch auf der Fahrt von Madrid zur Küstenstadt Ferrol im Nordwesten Spaniens gewesen. Die Waggons des Zuges wurden bei dem Unglück auseinandergerissen und sprangen aus den Schienen. Einige Wagen prallten neben den Gleisen gegen eine Betonwand und stürzten um, andere Waggons verkeilten sich ineinander. Ein Waggon flog sogar über die Begrenzungsmauer hinweg.

rls/dpa/AP

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