Unglückslokführer vor Gericht "Oh mein Gott - die Kurve, die Kurve, die Kurve"

Eine spanische Tageszeitung hat einen Videomitschnitt der Aussage von Unglückslokführer José G. veröffentlicht. Der Film zeigt den Fahrer des bei Santiago de Compostela entgleisten Schnellzugs vor Gericht als tief erschütterten Mann.

Getty Images

Madrid - "Ich kann es nicht erklären", sagt José G. und rutscht auf seinem Stuhl herum. "Ich weiß immer noch nicht, warum ich nicht gesehen habe, ... mental vielleicht, oder was auch immer. Ich weiß es einfach nicht."

18 Minuten lang ist der Videomitschnitt einer Aussage des Unglückslokführers, den die spanische Zeitung "ABC" jetzt veröffentlichte. Bereits am Sonntag war G. vor einem Gericht in Santiago de Compostela erschienen; dies dokumentiert der Film offenbar. Zwei Angestellte des Gerichts bestätigten der Nachrichtenagentur AP die Echtheit des Films, wollten aber anonym bleiben.

José G. hatte den in der vergangenen Woche bei Santiago de Compostela verunglückten Schnellzug gesteuert. 79 Menschen kamen ums Leben, als der Zug offenbar wegen überhöhter Geschwindigkeit in einer Kurve entgleiste.

In dem Video gibt G. an, er sei vor dem Unfall doppelt so schnell gefahren wie erlaubt. Zu den Gründen kann er allerdings keine Angaben machen. Die Fahrt sei "gut gelaufen", bis kurz vor der Kurve, sagt G. Als die Gefahr offensichtlich wurde, habe er gedacht: "Oh mein Gott - die Kurve, die Kurve, die Kurve. Ich werde es nicht schaffen."

Das Video wurde vom Gericht nicht offiziell veröffentlicht. G., 52 Jahre alt, Brillenträger mit kurzgeschnittenem grauem Haar, sitzt auf einem Stuhl vor dem Richter, er spricht zögerlich: ein offensichtlich tief erschütterter Mann. Zwei Uniformierte sind bei ihm; zwischendurch stellt ein Staatsanwalt Fragen.

Nach Angaben der Zeitung "ABC" sind die veröffentlichten 18 Minuten ein Auszug aus dem 55 Minuten langen Originalfilm, den das Blatt gekauft habe. Auch ein Transkript der Aussage des Lokführers liege vor.

Darin gibt G. an, er hätte schon einige Kilometer vor der Unglückskurve mit dem Bremsen beginnen müssen. Auf die Frage, ob er denn überhaupt gebremst habe, antwortet er: "Die elektrische Bremse, die Druckluftbremse - alles... Aber es war bereits unausweichlich."

Stellung nimmt G. auch zu dem Foto eines Zugtachos, das spanische Medien nach dem Unglück auf seiner Facebook-Seite gefunden hatten. Er sagte, er habe das prahlerisch wirkende Bild "aus Spaß" aufgenommen, als ein Kollege ein Testfahrzeug auf einer anderen Strecke gefahren sei.

Als G. gefragt wird, was ihm in den letzten Momenten vor dem Crash durch den Kopf gegangen sei, bricht seine Stimme, er wirkt den Tränen nah. "Selbst wenn ich das wüsste, würde ich nicht mal wagen, daran zu denken. Die Bürde, die ich den Rest meines Lebens tragen werde, ist groß."

Nach seiner Aussage am Sonntag erhob der Richter Anklage gegen G. wegen fahrlässiger Tötung in mehreren Fällen. Am Mittwoch erschien der Lokführer noch einmal vor Gericht, um weitere Angaben zu machen. Darin sagte er unter anderem, er habe vor dem Unglück mit dem Zugbegleiter telefoniert.

rls/AP



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