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12. April 2010, 17:15 Uhr

Zugunglück in Südtirol

Geplatztes Bewässerungsrohr soll Schlammlawine ausgelöst haben

Schock in Südtirol: Eine Schlammlawine hat bei Meran einen Personenzug unter sich begraben. Mindestens neun Menschen starben, mehr als zwei Dutzend wurden verletzt. War das Unglück vorhersehbar? Oder war es fataler Zufall, dass ein Rohr platzte und die Lawine ins Rollen brachte?

Bozen - In einer engen Schlucht zwischen Mals und Meran im Vinschgau wurde der Regionalzug gegen 9 Uhr von bis zu 15 Meter breiten Geröll- und Schlammassen erfasst und aus den Schienen geschleudert.

"Ein Wagen wurde bei diesem Sturz direkt getroffen", sagte der Rettungshelfer Florian Schrofenneger dem italienischen Fernsehsender Sky TG24. Mehrere Bäume in der Nähe des Gleises verhinderten, dass der erste von zwei Waggons in das Kiesbett des Flusses Etsch gedrückt wurde. Die Feuerwehren sicherten den Waggon mit einem Flaschenzug. Zusammen mit dem Zivilschutz gruben sie mit Schaufeln und Händen nach Opfern.

Verwirrung herrschte zunächst über die Zahl der Opfer. Der Gouverneur von Bozen, Luis Durnwalder, sprach am Nachmittag von mindestens neun Toten. Im ersten Chaos hätten die Retter falsch gezählt, sagte er zu Meldungen, dass mindestens elf Todesopfer geborgen worden seien. Er schloss aber nicht aus, dass weitere Opfer unter den Schlammmassen begraben sein könnten. Sieben Insassen wurden demnach schwer verletzt.

Knapp ein Dutzend Verletzte seien ins Krankenhaus von Meran gebracht worden, schrieb die italienischsprachige Zeitung "L'Adige". Sie erlitten laut Auskunft der behandelnden Ärzte vor allem Schädel- und Brustverletzungen sowie Schürfwunden. Insgesamt sollen mindestens 28 Menschen verletzt sein, "La Stampa" hatte zunächst von über 70 Verletzten gesprochen.

Der Zivilschutz errichtete ein Feldkrankenhaus, für Angehörige wurde eine Hotline eingerichtet. Offen blieb zunächst, ob auch Deutsche unter den Opfern waren. Nach Angaben des Auswärtigen Amts wurde das Generalkonsulat eingeschaltet, doch lagen bis zum Nachmittag keine Hinweise vor.

"Technischer Defekt so gut wie ausgeschlossen"

Der Regionalzug R108 gehört zum Verkehrsunternehmen Sad, das von der autonomen Provinz Bozen geführt wird. Der Zug war um 8.20 Uhr aus Mals in Richtung Meran abgefahren, wo er um 9.43 Uhr hätte eintreffen sollen. Die Strecke wird laut "Corriere della sera" vor allem von Studenten und Pendlern genutzt. "Wir befürchten, dass sich die Zahl der Opfer noch erhöhen könnte", erklärte der Südtiroler Verkehrsbeauftragte Landesrat Richard Theiner.

Nachdem die Toten geborgen wurden, wird die Frage nach der Unglücksursache lauter: "Ein technischer Defekt ist so gut wie ausgeschlossen", sagte der Leiter des Feuerwehrteams vor Ort, Florian Schrofenegger, dem Sender SKY TG24.

Nicht die Regenfälle der vergangenen Tage, sondern der Bruch einer Bewässerungsanlage habe den Erdrutsch ausgelöst, erklärte Landesrat Thomas Widman, Referent für Mobilität in der Autonomen Provinz Bozen. Die Schlammlawine sei nicht einmal "besonders groß" gewesen, habe aber den Zug voll erwischt, so Widmann. "In den kommenden Tagen werden wir mehr darüber erfahren, was genau zu dem Unglück geführt hat", versprach der Assessor.

Hohe Sicherheitsstandards in Südtirol

"Es ist das erste Mal, dass wir in der Provinz Bozen nach einem Erdrutsch eine so hohe Opferzahl zu beklagen haben", sagt Marco Martintoni vom Amt für Geologie und Baustoffprüfung der Provinz Bozen SPIEGEL ONLINE. Nach Einschätzung des Geologen ist es durchaus wahrscheinlich, dass der Bruch einer Bewässerungsanlage die fatale Schlammlawine auslöste: "Dafür braucht es tatsächlich nur eine verhältnismäßig kleine Menge Wasser", so Martintoni.

Gerade in Südtirol seien die Sicherheitsstandards im Vergleich zu anderen Regionen Italiens besonders hoch, arbeiteten Geologen, Gutachter und Behörden eng zusammen. "Die dramatische Entwicklung am Unglücksort war völlig unvorhersehbar", so der Experte.

Die italienische Verbraucherschutzorganisation Codacons forderte eine "sofortige Aufnahme von Ermittlungen, um die Verantwortlichkeiten zu klären". Die Eisenbahnstrecke war erst 2005 eröffnet worden und galt laut ANSA als eine der modernsten in Südtirol.

"Ein Restrisiko bleibt immer"

Eric Veulliet leitet das AlpS, ein Präventionszentrum für "Naturgefahren- und Risiko Management" in Innsbruck. Er bezeichnet im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE einen Erdrutsch in den Alpen als "rein natürlichen Vorgang": "Jeder Berg hat das Streben, nach unten zu gehen. Die Alpen werden sich im Laufe von Jahrtausenden abtragen."

Um das Risiko abschätzen zu können, erfasse man Hänge messtechnisch. Bei Bohrungen würden am Berg Messgeräte befestigt, um die Gefahr eines Erdrutsches zu berechnen. Flächendeckend sei dies aber nicht möglich. "Ein Restrisiko bleibt deshalb immer."

Im Bereich der Bahnstrecken ist das Amt für Zivilschutz in Bozen zuständig, das bestimmte Streckenabschnitte auf das Risiko eines Erdrutsches untersucht. Um die Gefahr völlig zu bannen, müssten die Gleise immer durch Tunnel oder Galerien geleitet werden, erklärt Veulliet: "Dies ist aber aus Kostengründen gar nicht möglich."

ala/ada/dpa/AFP/apn

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