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Schulen ZWEI JAHRE IM ZWIELICHT

Eine umfassende Reform der Rechtschreibung steht bevor. Sie bringt mehr Änderungen, als es bislang in diesem Jahrhundert gegeben hat. Letzte Instanz sind die deutschen Kultusminister der 16 Bundesländer, sie entscheiden im Herbst. Verzichten sie auf notwendige Korrekturen? Den Schaden hätten die Schulen.
aus DER SPIEGEL 25/1995

Sie entfernten Scheiße und Furz aus einer langen Liste. Weder gegen irgendein anderes der 12 000 Wörter noch gegen irgendeine von 112 Regeln hatten sie noch Bedenken.

So zufrieden war eine »Arbeitsgruppe« von Beamten aus den Kultusministerien der 16 Bundesländer, als sie dieser Tage in Hannover zusammenkam. Ihr oblag nur noch ein letzter Check eines 244-Seiten-Vorschlags für die Reform der deutschen Rechtschreibung.

Im November vorigen Jahres ist dieses Regelwerk bereits auf einer internationalen Konferenz in Wien verabschiedet worden: schon endgültig von Österreich und der Schweiz sowie sieben Ländern mit deutschsprachigen Minderheiten, hingegen von der deutschen Delegation mit dem Vorbehalt, daß die Kultusminister den Reformvorschlag noch billigen müssen.

Dies soll nun am 28. September in Halle geschehen. Noch in diesem Jahr würde dann das Werk in Wien feierlich unterzeichnet.

Mit dieser Reform würde die deutsche Rechtschreibung stärker verändert als in den neun Jahrzehnten, die seit der Einigung auf das erste verbindliche Regelwerk im Jahre 1901 vergangen sind.

Bislang haben die Deutschen nur aus Zeitungsartikeln und Sonderdrucken in etwa erfahren, worum es geht. Das Regelwerk war nur Beteiligten zugänglich. Veröffentlicht wird es erst in den nächsten Tagen (vom Verlag Günter Narr, Tübingen).

Nun erst können die Betroffenen, vor allem Lehrer und Schüler, ermessen, was auf sie zukommt.

Das Regelwerk ist ein Kompromiß zwischen den Wissenschaftlern, die sich fast alle die Reform radikaler und systematischer gewünscht hätten, und den Beamten aus den Kultusministerien, die bemüht waren zu verhindern, daß dem schreibenden Volk zuviel zugemutet wird. Sieben Jahre brauchten beide Seiten in diversen Kommissionen, um sich zu einigen.

Der siebenjährige Krieg um das Ausmaß der Reform hat in dem jetzt vorliegenden Regelwerk Spuren hinterlassen, die seinen Wert erheblich mindern. Positiv ist, daß vieles vereinfacht und erleichtert wird. Negativ ist, daß einiges unnötig schwierig bleibt oder sogar erschwert wird. Die Kultusminister haben die letzte Chance, das noch zu ändern. Ein Beispiel:

Erst auf der Wiener Konferenz im November 1994 endete der Streit um Fremdwörter. Wäre es nach den Reformern gegangen, müßten die Deutschen künftig Dubel, Siluette, Tur und Obergine, müßten sie auch Rytmus, Apoteke und Kommunikee schreiben.

Die Kultusbeamten verhinderten das Schlimmste. Sie bestanden darauf, daß es weiterhin bei Double, Silhouette, Tour und Aubergine bleibt. Bei anderen Fremdwörtern ließen sie sich auf Doppelschreibungen als Kompromiß ein.

Neben Rhythmus, Apotheke und Kommunique sind künftig auch Rytmus, Apoteke und Kommunikee erlaubt. Bedarf dafür gibt es nicht.

Machen es sich die Kultusminister leicht und ändern sie am Reformwerk nichts mehr, so machen sie es den Lehrern und Schülern schwer, die dann etlichen Unsinn und allerlei Unwichtiges lernen müssen.

Ihnen stehen ohnehin schwierige Zeiten bevor, wenn die Reform so abläuft, wie es sich die Kultusbeamten der »Arbeitsgruppe« vorstellen.

Die neuen Regeln sollen erst in zwei Jahren, am 1. August 1997, in Kraft treten. Zwei Schuljahre lang - 1995/96 und 1996/97 - wird es eine »Phase des Zwielichts« geben, wie Franz Niehl es nennt, der die Schulabteilung im Kultusministerium des Landes Nordrhein-Westfalen und seit sieben Jahren die »Arbeitsgruppe Rechtschreibreform« leitet. In diesen beiden Schuljahren wird es jedem Lehrer mehr oder minder freistehen, wieviel Altes er noch und wieviel Neues er schon lehrt.

Und Unterricht, wie gewohnt, wird es erst vom Jahr 2001 an wieder geben. Bis dahin darf nicht als Fehler angestrichen werden, wenn jemand ein Wort nach alter statt nach neuer Regel schreibt.

Aber es wird wohl mehr Tempo in die Entwicklung kommen, als diese Zeitpläne vermuten lassen.

Für unrealistisch hält sie Günther Drosdowski, langjähriger Leiter der Dudenredaktion. Ihm geht zwar die Reform zu weit, er will sie aber nun zügig verwirklichen (siehe SPIEGEL-Gespräch).

Verabschieden die Kultusminister im Herbst das Reformwerk, so wird noch in diesem Jahr der nächste Duden mit den neuen Regeln auf den Markt kommen. Die Redaktion arbeitet bereits »mit Hochdruck« daran. Drosdowski: »Sobald der neue Duden vorliegt, wird kein Lehrer noch die alten Regeln lehren wollen und können.«

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