Zweistellige Minusgrade Winter frostet Deutschland

Eis, Schnee, klirrende Kälte - der Winter lässt Deutschland bibbern. In der Nacht wurden Werte um minus 20 Grad gemessen. Ein Autofahrer griff deshalb zum Fön - mit verhängnisvollen Folgen. Und Meteorologen sind sicher: Die kälteste Nacht das Jahres kommt erst noch.


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Winter in Europa: Ganz schön eisig
Hamburg - Die Nacht zu Dienstag war klirrend kalt - vor allem im Norden und Nordosten Deutschlands. In Tribsees in Mecklenburg-Vorpommern zeigte das Thermometer minus 20,7 Grad, in der Messstation im brandenburgischen Heckelberg minus 20,9 und in Grünow in der Uckermark sogar minus 21,1 Grad. Aber auch im Westen wurde ordentlicher Frost gemessen: Die Temperaturen lagen bei minus 15 Grad.

"Wir haben zurzeit ein Hochdruckgebiet über Nordeuropa, über dessen Südflanke eine kontinentale Kaltfront nach Deutschland gelenkt wird", sagte Nils Dick von Meteomedia SPIEGEL ONLINE. Daher gebe es diese "beeindruckenden Tiefstwerte".

Am Dienstagvormittag schien in weiten Teilen Deutschlands die Sonne. Vom Bodensee über das Alpenvorland bis nach Niederbayern schneite es bis zum Vormittag noch, die Wolken lösten sich aber zunehmend auf, der Schnee zog sich in Richtung Alpen zurück. Im Bayerischen Wald waren in der Nacht zum Teil bis zu 15 Zentimeter Schnee gefallen.

Doch was seit mehreren Wochen zu teils zauberhaftem Winterwetter führt, hat inzwischen auch mindestens 14 Todesopfer gefordert. Nach Angaben der Bundesarbeitsgemeinschaft Wohnungslosenhilfe vom Montag handelt es sich bei den Kältetoten um wohnungslose Männer. Seit dem Winter 1996/97, als 25 Menschen ums Leben gekommen waren, habe es hierzulande nicht mehr so viele erfrorene Obdachlose gegeben, sagte eine Sprecherin.

Auch in Osteuropa kostet die Kältewelle weiter Menschenleben: In Polen sind seit Montag weitere zehn Menschen erfroren, in Rumänien acht. Dem Gesundheitsministerium in Bukarest zufolge stieg die Zahl der Kältetoten damit innerhalb einer Woche auf insgesamt 31. In Polen sind seit dem Wintereinbruch im November laut Krisenzentrum der Regierung insgesamt 202 Menschen an Unterkühlung gestorben.

Zahlreiche Verkehrsunfälle in Deutschland

Im Süden Deutschlands sorgten zum Teil heftige Schneefälle und überfrierende Nässe seit der Nacht für erhebliche Behinderungen auf den Straßen und zahlreiche schwere Verkehrsunfälle. Viele Autofahrer verloren auf spiegelglatten Straßen die Kontrolle über ihren Wagen. Mehrere Menschen kamen dabei ums Leben.

In Baden-Württemberg starben laut Polizei drei Menschen, mehrere wurden verletzt. Allein im Bezirk der Karlsruher Polizei ereigneten sich seit 6.00 Uhr mehr als 50 Unfälle. In und um Kaiserslautern wurden innerhalb von zwei Stunden rund 35 Verkehrsunfälle registriert. "Die Einsatzfahrzeuge sind von einem Unfall zum anderen gefahren", sagte ein Polizeisprecher.

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Ostseeinsel Rügen: Eiland unter Eis
Den ein oder anderen Autofahrer verführen die Temperaturen zu ungewöhnlichen Maßnahmen: Beim Versuch, die eingefrorene Scheibenwaschanlage seines Autos mit einem Fön aufzutauen, fackelte ein Rentner im niedersächsischen Elze gleich das ganze Fahrzeug ab. Der 77-Jährige hatte das Auto in die Garage gefahren, die Motorhaube hochgeklappt und den Fön eingeschaltet. Kurz nachdem er ins angrenzende Wohnhaus gegangen war, hörte er eine Detonation: Auto und Garage standen in Flammen. Die Feuerwehr konnte nur noch ein Übergreifen des Feuers auf das Haus verhindern.

In Bayern waren vor allem die Regierungsbezirke Niederbayern, Oberbayern und Schwaben betroffen. Bei Dutzenden Unfällen gab es mehrere Verletzte, die meisten zogen sich aber nur leichtere Blessuren zu.

Am Münchner Flughafen mussten Reisende am Dienstag wieder Geduld aufbringen: Etwa ein Dutzend Flüge wurden am Vormittag gestrichen, die Passagiere von weiteren rund 70 Flügen mussten bis zu einer halben Stunde warten, wie ein Sprecher sagte. Die Start- und Landebahnen mussten ständig geräumt, die Tragflächen der Flieger enteist werden. Die Flughafenleitung rechnet mit weiteren Flugausfällen und Verspätungen.

Im Bahnverkehr kam es insbesondere in Niedersachsen zu zahlreichen Verspätungen. Vor allem eingefrorene Weichen behinderten laut Bahn den Verkehr, an Bahnübergängen kam es teilweise zu Problemen, weil Schranken oder Kontakte für Signalanlagen nicht richtig funktionierten. "Alle Trupps, die wir haben, sind draußen", sagte eine Bahnsprecherin. Zugausfälle gab es nicht.

Kältefrei in Vienenburg

Auch die Helfer des ADAC leisten zurzeit Rekordarbeit. Allein am Montag kamen mehr als 3000 Panneneinsätze zusammen, in Schleswig-Holstein und Hamburg zählten die "Gelben Engel" rund 50 Prozent mehr Einsätze als im vergangenen Jahr. "Wir haben im Moment alles draußen, was Räder und Beine hat", sagte ein ADAC-Sprecher. Die meisten Autos blieben wegen defekter Batterien liegen. Wer den ADAC ruft, muss in diesen Tagen rund 50 Minuten in der Stadt und bis zu zwei Stunden auf dem Land warten.

Die Mitarbeiter der Stadtverwaltung im niedersächsischen Vienenburg konnten sich dagegen über die Minusgrade freuen: Sie hatten einen Tag kältefrei. Die Heizung war ausgefallen, und bei Außentemperaturen von bis zu minus 13 Grad waren die Temperaturen in den Büros am Montag teilweise auf den Gefrierpunkt gesunken. "Bei null Grad kann man nicht lange arbeiten", sagte Bürgermeisterin Astrid Eltner, die die Stadtbediensteten deshalb nach Hause schickte.

"Die kommende Nacht wird die kälteste des Jahres"

Und der Winter geht weiter: "In der kommenden Nacht sinken die Temperaturen noch weiter ab. Wir gehen davon aus, dass es die kälteste Nacht des Jahres wird", sagt Meteorologe Nils Dick. Von Rekordwerten könne man aber noch nicht sprechen: Im Dezember und im Januar 2009 sei es ähnlich kalt gewesen.

Für den Osten rechnen die Experten von Meteomedia wieder mit deutlich unter minus 20, teilweise mit bis zu minus 25 Grad. In den Mittelgebirgen sei von bis zu minus 15 Grad auszugehen, im Westen mit minus 10 Grad zu rechnen. Eher milder wird es demnach lediglich am Oberrhein und am Bodensee. Der Himmel werde weitgehend klar sein.

Am Mittwoch soll sich die Wetterlage langsam ändern. "Dann zieht von Norden her der Ausläufer eines knackigen Tiefs über Skandinavien auf uns zu", so Dick. Es bleibe winterlich, gebe aber mehr Niederschlag. Mittwochabend und Donnerstag sei in weiten Teilen Deutschlands mit Schnee zu rechnen, im Nordwesten eher mit Schneeregen, im Westen mit dem Durchzug von Schneeschauern.

siu/dpa/ddp/apn



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Seite 1
Volker Gretz, 11.01.2010
1.
Zitat von sysopEis und Schnee sorgen in Teilen Europas für den Ausnahmezustand - haben wir den Winter verlernt?
Nö. Man sollte sich einfach vom aufgesetzten weibischen Gejammer der Medien nicht verunsichern lassen. Wie Sie richtig bemerken: Es ist Winter (und nicht einmal besonders schlimm). Mir kommte so vore als ob der ganze Irrsinn mit dem "Sommermächen 2006" (Spiel um die goldene Zitrone im eigenen Land) begonnen hatte. Das ging dann über den Medikamententod eines abgehaltreten Popstars (Verkaufsteigerung) bis zum unwürdig durch die Medien gezerrten Freitod eines Fußballers - und endet jetzt (vorläufig)im "Winterchaos 2010".
Volker Gretz, 11.01.2010
2.
Zitat von sysopEis und Schnee sorgen in Teilen Europas für den Ausnahmezustand - haben wir den Winter verlernt?
Nö. Man sollte sich einfach vom aufgesetzten weibischen Gejammer der Medien nicht verunsichern lassen. Wie Sie richtig bemerken: Es ist Winter (und nicht einmal besonders schlimm). Mir kommte so vore als ob der ganze Irrsinn mit dem "Sommermächen 2006" (Spiel um die goldene Zitrone im eigenen Land) begonnen hatte. Das ging dann über den Medikamententod eines abgehaltreten Popstars (Verkaufsteigerung) bis zum unwürdig durch die Medien gezerrten Freitod eines Fußballers - und endet jetzt (vorläufig)im "Winterchaos 2010".
Mulharste, 11.01.2010
3.
Zitat von sysopEis und Schnee sorgen in Teilen Europas für den Ausnahmezustand - haben wir den Winter verlernt?
ja, haben wir. Das was wir hier erleben, war doch "früher" ganz normal und ich verstehe nciht, wie hier alle szusammenbrechen kann. Insebesondere bei der Bahn. Unfassbar.
schensu 11.01.2010
4.
Zitat von sysopEis und Schnee sorgen in Teilen Europas für den Ausnahmezustand - haben wir den Winter verlernt?
Haben wir ihn je "gekonnt"?
Rainer Helmbrecht 11.01.2010
5. .
Zitat von sysopEis und Schnee sorgen in Teilen Europas für den Ausnahmezustand - haben wir den Winter verlernt?
Offensichtlich schn. In den Wintern 1965-70 war die Strasse d. 12. Junis so zugeschneit, dass Autos,die von den Schneeeräumern umfahren wurden, nach einigen Tagen nicht mehr zu sehen waren und erst bei Tauwetter vom Besitzer wiederentdeckt wurden. Da sprach kein Mnsch vom Caos, sondern vom strengen Winter, weiter nix. Hute wird nur noch in Superlativen gesprochen. Der grösste, der längste aber nie davon,dass das im Winter eben so ist. MfG. Rainer
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