Zwölf Tote bei Lawinenunglück "Das sind eben Unfälle"

Einen Tag, nachdem eine gewaltige Lawine am österreichischen Kitzsteinhorn höchstwahrscheinlich zwölf Menschen in den Tod gerissen hat, beginnen die Mutmaßungen über die Ursache des Unglücks: Hat ein Ausbilder der verschütteten Skilehrergruppe fahrlässig gehandelt?


Salzburg - Am Dienstag waren bereits elf Tote geborgen worden, am Mittwochnachmittag gab es für einen vermissten Snowboardfahrer "praktisch keine Überlebenschance mehr", berichteten die Rettungsmannschaften am Mittwochnachmittag. Die Suche nach dem einheimischen Wintersportler, der unter bis zu zehn Meter hohen Schneemassen vermutet wurde, ist voraussichtlich bis zum Wochenende unterbrochen.

Zehn Tote wurden am Dienstag aus den Schneemassen geborgen
DPA

Zehn Tote wurden am Dienstag aus den Schneemassen geborgen

Für neun der Getöteten fand in Niedernsill im Bundesland Salzburg am Fuße des Gebirgsmassivs am Mittag ein ökumenischer Gedenkgottesdienst statt. Die Särge der Opfer waren in der Pfarrkirche zuvor aufgebahrt worden. Medienleute wurden ausdrücklich ausgeladen, um die Trauerstunde nicht zu stören. "Journalisten und Fotografen unerwünscht", war auf einem Zettel an der Kirchentür zu lesen.

Wegen des schlechten Wetters solle die Bergung der zwei Vermissten "wahrscheinlich erst am Wochenende" versucht werden, sagte Einsatzleiter Wolfgang Fizek in Niedernsill. Wie groß überhaupt die Chancen seien, die Vermissten unter der Meter dicken Schneedecke aufzuspüren, sei "unmöglich zu sagen".

Zehn der Toten waren Skilehrer aus Österreich, Dänemark, Belgien, Finnland und der Slowakei, die im Rahmen ihrer Ausbildung das Fahren im freien Gelände üben sollten. Da sie mit Lawinen-Pieper ausgestattet waren, hätten sie "in Rekordzeit" gefunden werden können, berichteten die Einsatzkräfte. Die Skilehrer seien aber bereits durch die 400 Meter breite Lawine erdrückt worden, die sie bis zu 200 Meter mit sich gerissen hatte.

Die Suche ging auch am Mittwoch weiter
AFP

Die Suche ging auch am Mittwoch weiter

Bei einem Toten handelt es sich um einen Snowboarder. Nach Augenzeugenberichten waren kurz vor dem Unglück zwei weitere Snowboarder in den Hang eingefahren. Da aber am Mittwoch nur ein Mann aus der Gegend noch als vermisst gemeldet war, gingen die Behörden davon aus, dass nur noch ein Opfer unter den Schneemassen liegt.

Am Unglücksort in 2700 Meter Höhe wehten am Mittwoch sehr starke Winde, berichtete Oberst Johann Ebner, nachdem ein Hubschrauber des Bundesheeres von einem Erkundungsflug über dem Lawinenkegel zurückgekehrt war. "Es gibt keine Konturen, man kann den Landeplatz nicht sehen", beschrieb der Offizier die schlechte Sicht. Unter diesen Umständen sei es für Hubschrauber viel zu gefährlich, Retter und Material auf den Berg zu fliegen.

Ob sich die verheerende Lawine selbst gelöst hat oder von einem Ski- oder Snowboardfahrer losgetreten wurde, war am Mittwoch noch unklar. Dafür gebe es noch zu wenige Informationen, sagten die Behörden. Österreichische Experten wiesen den Vorwurf zurück, der Ausbilder der verschütteten Skilehrergruppe habe fahrlässig gehandelt. Der Leiter sei "einer der erfahrensten Leute gewesen, die ich in Österreich kenne", sagte der Besitzer der Skischule am Kitzsteinhorn und ehemalige Profifahrer Herbert Thayer. Es habe sich "auf jeden Fall um eine Naturkatastrophe gehandelt", bei der sich die Lawine von selbst gelöst habe. Auch der Österreichische Skilehrerverband nahm den Ausbilder in Schutz. Er sei sicher nur in den Unglückshang hineingefahren, "weil er diesen Hang zu 120 Prozent sicher eingeschätzt hatte", sagte ein Sprecher.

Trotz bester Ausrüstung der Gruppe gebe es im Hochgebirge eben keinen endgültigen Risikoschutz, hieß es weiter. "Das sind eben Unfälle. Die werden wir auch in Zukunft nicht vermeiden." Es handele sich um das schwerste Unglück bei der Skilehrer-Ausbildung in Österreich seit 1926.



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