Interkulturelle Psychotherapie: Wie Lena Migranten hilft, in Deutschland glücklich zu werden

Im Interview erzählt sie, womit Menschen in ihrer neuen Heimat besonders oft kämpfen.

Dieser Beitrag wurde am 02.12.2019 auf bento.de veröffentlicht.

Sie sind unsere Nachbarn, Kolleginnen und Freunde: In Deutschland leben rund 10,9 Millionen Migrantinnen und Migranten (Destatis ). Jede und jeder von ihnen hat eine eigene Geschichte und manchen fiel die Ankunft in Deutschland nicht leicht. Eine fremde Sprache zu lernen und Kontakte zu knüpfen, kann immerhin schwierig sein. Trotzdem nehmen Migranten im Vergleich zum Bevölkerungsdurchschnitt seltener eine Therapie in Anspruch (Ärzteblatt ).

Lena Pérez, 45, hat seit sechs Jahren eine Praxis für interkulturelle Psychotherapie in Berlin. 

Im Gespräch erzählt sie, welche Probleme Migranten häufig haben, und wie sie ihnen hilft, sich besser zurechtzufinden.

bento: Lena, was genau ist interkulturelle Psychotherapie?

Lena Pérez: Es geht darum, zu schauen, was es für ein Individuum bedeutet, Migrantin zu sein: Welche Herausforderungen oder Belastungen gibt es? Welche Hürden muss diese Person überwinden, damit er oder sie einen Platz in der Gesellschaft findet? 

Ich behandele vor allem Migranten – aber auch Deutsche, die Erfahrungen im Ausland hatten. Außerdem kommen Paare aus unterschiedlichen Kulturen zu mir, die merken, dass sie andere Vorstellungen haben, zum Beispiel von der Kindererziehung. Wir versuchen dann, einen gemeinsamen Weg zu finden.

bento: Warum gehen diese Leute nicht zu einer herkömmlichen Therapie?

Lena: Viele suchen gezielt nach Therapeuten, die die Fähigkeit haben, sich mit ihrer Kultur auseinanderzusetzen. Es ist sehr wichtig, ihre Perspektive einzunehmen, um ihnen helfen zu können.

bento: Hast du auch Klienten, die keinen festen Aufenthaltsstatus haben?

Lena: In meiner Privatpraxis nicht, aber ich arbeite auch bei einem Träger der Kinder- und Jugendhilfe. Da gibt es Leute, die eine Aufenthaltsgestattung oder eine Duldung haben. In der Supervision arbeite ich auch mit Familien, die noch warten müssen, wie über sie entschieden wird. 

bento: Mit welchen Problemen kommen die Menschen zu dir? 

Lena: Es geht viel um den Sinn des Lebens: Was mache ich hier? Wie gestalte ich mein Leben ab jetzt? Die Leute kommen mit Erwartungen und Vorstellungen nach Deutschland. Hier müssen sie sich dann neu orientieren. 

Da wirkt es für sie manchmal so, als ob sie den roten Faden ihres Lebens verloren hätten. Sie stecken in einer Krise.

Lena Pérez

Meine Klienten nehmen auch Elemente aus ihrer Kultur mit, beispielsweise Essgewohnheiten, die sich von den deutschen unterscheiden. So finden es manche Menschen aus Lateinamerika undenkbar, Kartoffeln zu essen. Einigen wird schlecht, sie erzählen von körperlichen Schmerzen. Andere sind an bestimmte Gewürze gewöhnt, die sie in Deutschland nicht bekommen. Dadurch fehlt ihnen ein gewisses Wohlbefinden.  

bento: Macht es dabei einen Unterschied, ob man freiwillig oder unfreiwillig auswandert?

Lena: Ja. Es ist etwas anderes, wenn man sich vorbereiten und verabschieden kann. Wenn man freiwillig kommt, gibt es eine Offenheit, eine Neugier. 

Ist der Migrationsprozess allerdings ungewollt, wie bei Geflüchteten, die in ihrem Heimatland bedroht werden, dann ist erst einmal alles neu. Diese Migranten trauern, weil sie alles hinter sich lassen mussten. Sie haben eine riesige Sehnsucht nach Dingen, die ihnen vertraut sind. Das Neue, das sie erleben, empfinden sie als fremd. Es ist ein schwieriger Prozess, bis sie es positiv erleben können. 

bento: Wie kannst du deinen Patientinnen und Patienten helfen?

Lena: Bei Paaren aus unterschiedlichen Kulturen geht es nicht darum, wer recht hat, sondern darum, ihre Konflikte zu überwinden. Vor allem, wenn Menschen der Liebe wegen nach Deutschland kommen, müssen sie ihre Individualität finden und lernen, mit den gegenseitigen Erwartungen umzugehen. Und sich gefühlsmäßig annähern, indem sie die andere Kultur besser kennenlernen. Ich helfe den Menschen auch, eine gemeinsame Sprache zu finden, weil sich jeder in der Muttersprache am wohlsten fühlt. 

Generell geht es oft um Sprache: Je besser man sie beherrscht, desto leichter kann man sich integrieren und positive Erfahrungen sammeln. Hobbys und ein soziales Umfeld zu finden, kann helfen.

bento: Können sich junge Leute leichter integrieren als ältere?

Lena: Nicht immer. Aber jüngere Menschen lernen schneller eine neue Sprache. Dadurch haben sie einen leichteren Zugang zu Bildung und Jobs. Ältere Personen bekommen weniger Unterstützung bei Umschulungen und lernen auch langsamer. 

bento: Berichten die Menschen dir auch von ihren Erfahrungen mit Rassismus?

Lena: Ja, viele kämpfen mit Vorurteilen am Arbeitsplatz oder in der Nachbarschaft. Es gibt Leute, die hier zum ersten Mal Rassismus erleben, weil sie diese Erfahrung in ihrer Heimat nie gemacht haben. 

bento: Wie gehen sie damit um?

Lena: Viele suchen nach einer Nische, in der sie die eigene Identität und Religion behalten können. Manche machen weiter, als wären sie noch in ihrem Heimatland. Sie versuchen, ihre Werte und Traditionen weiter zu pflegen, um sich sicherer zu fühlen. 

bento: Spielt die Herkunft eine Rolle dabei, wie Situationen und Gefühle bewertet werden?

Lena: Je nach Kultur beschreiben Menschen ihre Gefühle anders. Die einen sagen beispielsweise, sie fühlen Trauer in ihrem Kopf, die anderen sagen, sie fühlen Schmerzen im Magen, wieder andere im Herzen. Da ist wichtig, zu verstehen, wie das gemeint ist, denn Trauer wird in unterschiedlichen Kulturen anders im Körper verortet. 

Auch der Umgang mit Gefühlen ist ein anderer. Manche würden beispielsweise einen Priester aufsuchen oder in bestimmten Kräutern baden. Wenn sie sich hier solche Unterstützung holen können, dann ermutige ich sie dazu – oder wir suchen nach Alternativen. So fühlen sich die Betroffenen verstanden und wieder handlungsfähig.

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