Großfamilie: "Als sich das vierte und fünfte Kind ankündigten, hielten meine Eltern mich für völlig irre"
Großfamilie: "Als sich das vierte und fünfte Kind ankündigten, hielten meine Eltern mich für völlig irre"
Foto: Heike Klovert/ DER SPIEGEL

Paare erzählen "Mir hätte es als Kind auch gutgetan, nicht immer im Mittelpunkt zu stehen"

Sie wuchs als Einzelkind auf, ihr Mann hat acht Geschwister. Das Paar lebt mit seinen fünf Kindern in Zwickau. Wo hakt es in ihrer Ehe - und was macht sie stark?

Aufgezeichnet von Heike Klovert

Vor dem Wohnzimmerfenster erstreckt sich ein matschiger Acker und dahinter das Erzgebirge. Drinnen reihen sich an jeder Wand ordentlich sortierte Kisten mit Spielzeug. Zum Tee reicht Elsa Winkler selbstgebackene Müsli-Muffins. Sie hat darum gebeten, ihren Namen und den ihres Mannes zu ändern, um die Privatsphäre der Familie zu schützen.

Elsa Winkler: "Mein Mann hat gelernt, seine Nischen in der Familie zu finden"

Elsa Winkler: "Mein Mann hat gelernt, seine Nischen in der Familie zu finden"

Foto: Heike Klovert/ DER SPIEGEL

Elsa Winkler, 39, Projektleiterin

Ich dachte immer, ich bekomme zwei Kinder. Doch dann waren die ersten drei so einfache, sonnige Jungs, dass wir uns gesagt haben: eins geht noch. Mit dem fünften Kind wurde ich ungeplant schwanger. Das war ein Schock. Friedrich ist jetzt sechs Jahre alt, ein toller, kleiner Kerl, und ohne ihn wäre diese Familie nicht vollständig. Doch bewusst hätte ich diesen Wahnsinn nie gewählt.

Ich liebe unsere Kinder und bin dankbar für jedes einzelne. Doch in den Jahren 2012 bis 2015 dachte ich wöchentlich: Mit einem wäre alles einfacher. Ein Baby und vier Kinder mit unterschiedlichen Hobbys, die Elternabende, eins der Kinder hatte eine Rechtschreibschwäche und musste zur Therapie - ich hatte täglich bis zu acht Termine. Ein Sohn pubertierte auch noch übelst. Und mein Mann arbeitete auch damals schon von montags bis donnerstags in München.

Wir haben immer wieder überlegt, ob es nicht anders geht. Doch sein Gehalt als Fliesenleger würde nicht für uns alle reichen, wenn er in Sachsen und nicht in Bayern arbeiten würde. Und sein Chef ist so flexibel, dass er zur Not auch mal spontan eine Woche freinehmen kann.

Inzwischen ist vieles auch einfacher geworden. Mein Ältester ist jetzt 18 Jahre alt und seit drei Jahren arbeite ich in Vollzeit als Projektleiterin. Ich bin beruflich viel auf Reisen. Die großen Geschwister kümmern sich dann um den Kleinen oder meine Eltern helfen aus.

Bessere Hälften: Paare erzählen

Raucher und Nichtraucherin. Fleischliebhaber und Veganer. Blind und sehend. Manchmal sind es die Gegensätze, die eine Liebe bereichern. Mal strapazieren sie auch die Beziehung. Für unsere Reihe "Bessere Hälften" haben wir besondere Paare getrennt voneinander befragt.

Sind Sie auch ein Paar, das sich in einem  Punkt sehr voneinander unterscheidet? Wenn Sie von sich erzählen mögen, schreiben Sie uns eine Mail . Auf Wunsch anonymisieren wir Ihre Namen.

Mein Mann und ich streiten selten, was auch daran liegt, dass wir uns nur zweieinhalb Tage in der Woche sehen. Meistens geht es darum, dass mich die Kinder sehr fordern. Mein Lieblingssatz: "Sag du doch auch mal was, jetzt mach ihnen doch auch mal Vorwürfe.“ Er antwortet dann: "Ich sitze in München, was soll ich tun?"

Mein Mann ist tiefenentspannt. Er hat acht Geschwister, er ist es gewohnt, nicht immer recht zu haben. Und er hat gelernt, seine Nischen in der Familie zu finden. Mir hätte es als Kind auch gutgetan, nicht immer im Mittelpunkt zu stehen. Meine Eltern registrierten jede meiner Regungen und ich konnte mich vortrefflich mit meiner Mutter streiten. Es war ja niemand anderes da.

Ich komme aus einem Dorf in Westsachsen, 700 Einwohner, Doppelhaushälfte. Oben wohnte meine Großmutter, unten meine Eltern und ich. Ich ging auf ein privates Gymnasium. Führerschein, Auto mit 18: Ich kriegte alles. Aber ich stand auch immer unter einem gewissen Druck. In der Schule musste es laufen, meine Noten mussten passen. Ich war ja das einzige Kind.

Sich auf der Straße streiten oder in Jogginghose im Gottesdienst sitzen, das ging für meine Eltern gar nicht. Meinem Mann ist so etwas egal. Auch ich habe gelernt, weniger darauf zu geben, was die Nachbarn denken könnten. Wenn man fünf Kinder hat, tanzt eines immer aus der Reihe. Solange vier von fünf ganz nett sind, hat man so viel nicht falsch gemacht.

Mein Mann ist auch wesentlich weniger konsumfreudig als ich. Er würde jedem Kind nur ein Päckchen zu Weihnachten oder zum Geburtstag geben. Ich besorge zehn Geschenke für jeden und bastele fünf Adventskalender. Ich hatte als Kind immer viel und fand das toll. Meine Kinder sollen sich auch so freuen können.

Dafür verlange ich ihnen schulisch mehr ab als mein Mann. Es ist mir wahnsinnig wichtig, dass sie alle eine gute Ausbildung machen. Ich will sie unbedingt unterstützen, zur Not auch mit Nachhilfe. Der Älteste will Sport auf Lehramt studieren. 3000 Meter in 10 Minuten und 30 Sekunden, das ist nicht leicht, da musst du jetzt mit dem Training für die Aufnahmeprüfung anfangen, sage ich zu ihm.

"Bei uns zu Hause war es früher immer so langweilig"

Mein Mann ist dafür derjenige, der samstags und sonntags um Punkt 12 Uhr ein tolles Mittagessen auf den Tisch zaubert. Mich bringt das regelmäßig zur Weißglut, weil ich finde, dass wir die Zeit nutzen sollten, um mit den Kindern Vokabeln zu üben oder Bücher zu sortieren. Aber nein, wir kochen dann… Die Kinder finden es natürlich toll.

In den Schulferien haben wir oft Freunde unserer Kinder zu Gast, auch häufig für mehrere Tage. Bei uns zu Hause war es früher immer so langweilig, dass ich mich jetzt freue, wenn viel los ist.

Meine Eltern hatten sich damals bewusst für nur ein Kind entschieden. Meine Mutter fand es sehr belastend, dass sie oft auf ihre beiden jüngeren Geschwister aufpassen musste. Mein Vater verlor seinen Vater, als er ein Kind war. Er ertrank im Urlaub an der Ostsee und mein Vater und sein jüngerer Bruder mussten allein mit der Bahn zurück zu ihrer Mutter fahren, die zu Hause geblieben war, weil sie gerade ein Baby bekommen hatte. Mein Vater hatte Angst, dass meine Mutter so wie seine Mutter mit mehreren Kindern allein dastehen könnte, falls ihm etwas passieren würde.

Als ich mit 20 Jahren zum ersten Mal schwanger wurde, fanden meine Eltern das gar nicht witzig. Sie waren auch gegen das zweite und dritte Kind. Als sich das vierte und fünfte Kind ankündigten, hielten meine Eltern mich für völlig irre. Meine Mutter fand das unmöglich, "die armen, anderen Kinder". Jetzt findet sie alle Enkel toll.

Arndt Winkler: "Ich mag es, dass meine Frau so gut organisieren kann"

Arndt Winkler: "Ich mag es, dass meine Frau so gut organisieren kann"

Foto: Heike Klovert/ DER SPIEGEL

Arndt Winkler, 46, Fliesenleger

Meine Eltern hatten einen Bauernhof, und in den Sommerferien waren wir von morgens um fünf bis zum Sonnenuntergang draußen. Wir teilten uns zu dritt ein Kinderzimmer, und jeder hatte seine Aufgaben: Die jüngeren Kinder versorgten die Hasen und Schafe, die älteren die Pferde und Schweine.

Ich habe damals gelernt zu teilen und mich durchzusetzen, aber auch mal zurückzustecken. Das gebe ich jetzt auch meinen Kindern mit: Sie sollen einander gegenüber respektvoll sein und mithelfen. Meine Frau bringt die ganze Organisation zustande. Ich bin manchmal verblüfft, wie sie all diese Termine schafft.

Sie hat eine kurze Zündschnur und reagiert manchmal sehr impulsiv. Vielleicht ist das einfach ihre Art, aber bei Einzelkindern habe ich das schon öfter bemerkt. Ich sehe über viel mehr hinweg. Ein Streitpunkt ist auch, dass sie so viel Wert auf gute Noten legt. Das kommt von ihren Eltern, sie ist so groß geworden.

Doch meine Geschwister und ich, wir haben auch alle unseren Weg gemacht, obwohl sich zu Hause niemand über unsere Noten aufgeregt hat. Ich finde es nicht gut, dass unsere Gesellschaft so stark auf Leistung getrimmt ist. Wenn unsere Kinder mal eine Fünf haben, kommen sie deswegen auch zu mir, um sie unterschreiben zu lassen.

Ich hatte früher viel Zeit für mich, war oft in der Natur und bei Wind und Wetter draußen. Der Wald war mein Lieblingsplatz, und der Garten. Ich liebe es, wenn ich ins Grüne gucken kann, deshalb haben wir ein Haus mit Blick aufs Erzgebirge ausgesucht.

Ich lernte meine Frau über gemeinsame Freunde kennen, als ich in der Lehre zum Fliesenleger war. Ich war Mitte 20, sie ging noch aufs Gymnasium. Wir hatten uns schon in der Dorfdisco gesehen, aber richtig kennengelernt habe ich sie, als bei uns auf dem Dorf Teichfest war. Zwei Wochen lang nagelten wir zu zehnt ein selbstgebautes Boot aus alten Fässern und Holz zusammen. Wir schafften es darauf zu zehnt über den Teich und gewannen das Rennen in diesem Sommer zum dritten Mal.

Es beeindruckte mich, dass sie wusste, was sie wollte. Ich war fast mit der Ausbildung fertig und sie hatte gerade das Gymnasium abgeschlossen, als wir uns eine gemeinsame Wohnung suchten. Ein Jahr später wurde sie schwanger. Mein Betrieb war pleitegegangen, ich blieb ein Jahr zu Hause in Elternzeit und fand dann einen Job in Bayern.

"Als die Kinder klein waren, kam meine Frau an ihre Grenzen"

Ich arbeite nun im 18. Jahr für dieselbe Firma. Ich will das nicht bis zur Rente machen, aber mein Chef ist kulant, die Kollegen sind nett, man weiß, was man hat. Als Fliesenleger arbeite ich meistens allein, das ist ein guter Kontrast zum Trubel zu Hause. Doch zweimal im Jahr, wenn es draußen regnerisch und diesig ist, denke ich darüber nach, was die Kinder wohl gerade tun und ob wir wohl alles richtig machen.

Als die Kinder klein waren, kam meine Frau an ihre Grenzen. Ich habe dann versucht, sie stärker zu entlasten. Sie geht gern einkaufen in der Stadt, da kommt sie irgendwie runter. Das machte sie am Samstagvormittag, und ich hielt die Stellung. Ich nahm auch mal alle Kinder mit ins Schwimmbad oder ins Spielhaus, oder wir gingen wandern.

Ich kenne es von früher, dass jeder nur ein Geschenk bekam, und damit waren alle glücklich. Meine Kinder bekommen so viel, dass sie ein einzelnes Geschenk gar nicht mehr zu schätzen wissen. Aber ich streite mich mit meiner Frau nicht darüber, weil ich nicht den allerhöchsten Wert auf Geld lege. Und meine Frau sieht zu, dass sie Schnäppchen macht, manche Weihnachtsgeschenke besorgt sie schon im Frühling.

Ich mag es, dass sie so gut organisieren kann und jedes Jahr für eine Überraschung gut ist. Vor einem Jahr hat sie das Laufen als Sport für sich entdeckt. Seither läuft sie drei- oder viermal in der Woche zehn Kilometer, um den Kopf freizubekommen.

Wahrscheinlich mag sie an mir, dass ich so ruhig bin, dass ich kochen kann und handwerkliche Sachen im Haus erledige. Ich bin eher der nachgebende Typ. Auch bei meinen Geschwistern habe ich mich nie lautstark durchgesetzt. Aber ich war oft als Erster am Tisch und habe mir still und schnell das beste Stück ausgeguckt. Wenn man große Geschwister hat, muss man sich eben Strategien überlegen.