Paare in der Coronakrise "Wir gehen viel achtsamer miteinander um"

Singles, Frischverliebte, Langzeitpaare: Was macht die Coronakrise mit ihrem Beziehungsleben? Diese Fotos zeigen, dass manches deutlich besser läuft als früher.
Von Lesley Sevriens und Jewgeni Roppel (Fotos)
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Die Autorin Lesley Sevriens und der Fotograf Jewgeni Roppel haben unterschiedliche Paare porträtiert und gefragt, wie sich die Coronakrise auf ihr Beziehungsleben auswirkt. Hier sind ihre Geschichten:

Levent Altin, 34, Modedesigner: "Seit etwa einem Jahr führen wir eine Fernbeziehung zwischen Hamburg und Berlin. Aktuell arbeite ich oft freitags und montags im Homeoffice. Dadurch sehe ich René auch mal mehrere Tage am Stück. Das ist superschön, und ich hoffe sehr, dass solche flexibleren Arbeitsmodelle nach Corona gang und gäbe sein werden."

René Fietzek, 40, Fotograf: "Levent ist fest angestellt, für ihn ist die Homeoffice-Situation gerade neu und spannend, während das freie Arbeiten von zu Hause für mich selbstverständlich ist. Ich habe auf jeden Fall mehr existenzielle Ängste als er. Was diese spezielle Cocooning-Zeit langfristig mit unserer Beziehung macht, das kann ich jetzt noch gar nicht so genau einschätzen. Dafür ist das alles noch viel zu aktuell."

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Silvia Berger, 44, bildende Künstlerin und Musikerin: "Mein Lebenspartner und ich haben uns am Anfang unserer Beziehung vorgenommen, Sachen schnell zu klären, damit gar nicht erst eine Brutstätte für Konflikte entsteht. Die Tage verbringen wir eigentlich jeder für sich in unserem Zimmer und an unserem Schreibtisch. Wir treffen uns dann zum Mittagessen und zu gemeinsamen Spaziergängen. Das heißt, wir verabreden uns innerhalb dieses engen Zusammenlebens zu konkreten Uhrzeiten und Aktivitäten, um unseren Tagesablauf klarer zu strukturieren."

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Oleg alias Bliz Nochi, 36, Musikkomponist und DJ: "Unsere Beziehung war von Anfang an eine Verschmelzung und ist es jetzt in dieser Zeit der Isolation noch mehr. Da wir beide freiberuflich tätig sind, liegen etwas unsichere Zeiten vor uns. Wir versuchen jedoch, uns gegenseitig auszubalancieren und im gegenwärtigen Moment zu bleiben, anstatt in die Furcht vor einer ungewissen Zukunft zu verfallen."

Marisa Lia, 30, Fotografin, Grafikdesignerin und DJ: "Wir müssen auch noch abwarten, was mit unserer Hochzeit passiert, die für Anfang Juni geplant ist, denn im Moment ist es so schwierig, die Entwicklung der Pandemie vorherzusagen."

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Raphael Schulz, 32, Student der Sonderpädagogik: "Wir haben die Zeit, viele Sachen zu klären. Und wir erleben zum ersten Mal, wie man sich unter Extrembedingungen viel besser einspielt. Solveig und ich sind erst seit einem Jahr zusammen. Ich habe das Gefühl, dass unsere Beziehung in den vergangenen Wochen noch mal viel ernsthafter und enger geworden ist."

Solveig Lux, 33, Biologin: "Obwohl wir in den vergangenen Wochen mehr denn je als Einheit zusammengewachsen sind, fehlt uns der Austausch nach außen. Man muss viel mehr mit sich selbst ausmachen, als wenn man sich zwischendurch auch mal mit Freunden trifft und Themen besprechen kann. Und natürlich kommen wir beide dank Schlafmangel gerade schneller an unsere Grenzen. Nach der Geburt kommt es ja bei vielen Paaren auch schon ohne Coronakrise zu schlimmen Konflikten. Aber zum Glück geraten wir selten richtig aneinander."

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Muriel Liebmann, 37, Fotografin: "Wir genießen es sehr, zu Hause zusammen Yoga zu machen, zu kochen und ein bisschen begrenzter in den Möglichkeiten zu sein. Da wird man automatisch kreativer. Das ist auf jeden Fall ein ganz anderes Kennenlernen gerade, ein bisschen so wie im Urlaub. Aber auf Dauer wäre es auf jeden Fall ungesund, die ganze Zeit so aufeinanderzuhocken wie jetzt."

Johannes von Bremen, 38, freiberuflicher Unternehmensberater: "Wir wollten herausfinden, wie es ist, wenn wir uns eine Woche zusammen einschließen. Das ist gerade eine spannende und intensive Erfahrung. In solchen Ausnahmesituationen lernt man sich noch mal ganz anders kennen. So was kann leicht schiefgehen. Zum Glück klappt das bei uns sehr gut, deshalb sehe ich das Ganze auch als Chance. Am Sonntag werde ich zurück nach Berlin fahren. Aber wir werden uns schnell wiedersehen."

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Damla Karagül, 32, Pädagogin: "Wir kochen viel und genießen die Zweisamkeit gerade eigentlich sehr, weil wir uns sonst, im normalen Alltag, nur sehr, sehr selten sehen. Außerdem kommunizieren wir anders miteinander und gehen geduldiger miteinander um. Wir sind aufmerksamer und gehen mehr aufeinander ein als sonst. Jetzt haben wir ja auch die Zeit dafür, alles auszusprechen."

Özgür Gezer, 32, Gastronom: "Ich genieße es gerade, so viel Zeit zu Hause zu sein. Normalerweise verlasse ich gegen 11 Uhr das Haus und komme erst zwischen 22 und 24 Uhr wieder heim. Da verpassen wir uns natürlich sehr oft und sehen uns nur eine Stunde oder zwei am Tag. Und jetzt ist es beinahe so, als würde man seine beste Freundin noch mal näher kennenlernen."

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Jorit Tessmann, 37, Projektmanager: "Als Single bin ich es gewöhnt, auch mal allein zu sein. Ehrlich gesagt genieße ich diese Entschleunigung und freie Zeit zu Hause gerade sogar. Man hat nicht so den Druck, jemand Neues kennenzulernen, sondern ist viel mehr bei sich. Außerdem habe ich das Gefühl, dass sich meine Beziehungen zu meiner Familie und zu engen Freunden gerade intensivieren. Aktuell telefoniere ich täglich mit meinen Eltern, das mache ich sonst eigentlich nicht."

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Silje Paul, Fotografin: "Für knapp zwei Wochen hatten wir einen gemeinsamen Alltag. Diese kurze Zusammenwohn-Sequenz habe ich sehr positiv erlebt. Und das, obwohl meine Einzimmerwohnung mit ihren 28,75 Quadratmetern wirklich klein ist. Sobald der eine telefoniert, ist der andere zwangsläufig dabei, man kann sich nicht aus dem Weg gehen. Um uns unsere frische Verliebtheit zu erhalten, ist Javier zwischendurch für drei Nächte zu einem guten Freund gezogen. Danach haben wir uns dann umso mehr aufeinander gefreut."

Javier Pozo, Qualitätsprüfer im Flugzeugbaubereich: "Diese gemeinsamen Routinen, wie jeden Abend gemeinsam einzuschlafen und morgens miteinander aufzuwachen, habe ich sehr genossen. Wir beide haben allerdings einen sehr unterschiedlichen Tagesrhythmus. Das hat für kurze Zeit gut funktioniert, aber nach zehn Tagen haben wir uns entschieden, dass es für unsere Beziehung besser ist, uns Raum zu geben. Deshalb bin ich dann zu einem Freund gezogen. Normalerweise würde man ja nicht unbedingt sofort zusammenziehen, wenn man sich gerade erst sechs Monate kennt."

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Falko Peters, 77, pensionierter Handwerker: "Ich habe das Gefühl, wir sprechen aktuell mehr miteinander - über die aktuelle Situation und die ganzen Probleme da draußen. Umeinander machen wir uns aber keine Sorgen. Und das, obwohl ich Diabetiker bin und Stents habe. Wir machen uns gegenseitig auch keine Vorschriften und lassen uns unsere Freiheiten, statt uns in Sorge einzuschränken. Schließlich sind wir erwachsen genug."

Kathi Lochte, 70, pensionierte Lehrerin: "Wir haben das große Glück, ein Haus zu haben mit ganz viel Grundstück. Unsere Nachbarn sind weit entfernt, die Ansteckungsgefahr ist also gleich null. Wir können ständig draußen sein und das schöne Wetter genießen. Wir haben hier unsere Schafe, unseren Hund und unsere Katzen und eigentlich ein fast uneingeschränktes Leben. Falko kümmert sich viel um die Schafe und ist mit Holzarbeiten beschäftigt, während ich koche, meine Kreuzworträtsel mache, Bücher lese und telefoniere. Spätestens zum Essen und Fernsehen kommen wir zusammen und empfinden uns als Einheit."

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Majid Mehenni, 42, Krankenpfleger: "In der Schwulenszene ist es gängig, sich online kennenzulernen. Aber dafür bin ich überhaupt nicht der Typ. Ich suche immer den unmittelbaren Kontakt zu Menschen. Und genau der ist derzeit einfach nicht gegeben. Das bringt natürlich Isolation mit sich. Das ist aktuell meine größte Herausforderung."

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Katja Böhlhoff, 47, Artdirectorin und Grafikdesignerin: "Mieke und ich haben uns früher, zu Beginn der Pubertät, öfter in die Haare gekriegt. Inzwischen gehen wir viel achtsamer miteinander um. Ich lege gerade beispielsweise nicht so einen großen Wert darauf, dass sie ihre Jacke sofort vom Boden aufhebt, sondern gebe eher nach. Und das merkt Mieke. Dadurch ist unser Miteinander liebevoller geworden."

Mieke Neidhardt, 12, Schülerin: "Meine Mutter und ich streiten uns gerade weniger als in der Schulzeit. Weil wir uns beide sagen, dass wir uns jetzt mit der Situation abfinden müssen. Aber mir fällt es schwer, zu Hause meine Sprache umzustellen, weil ich mich mit meinen Freundinnen natürlich ganz anders unterhalte. Darüber haben meine Mutter und ich uns schon ein paar Mal gestritten."