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Kollateralfragen im Corona-Alltag Sex in Zeiten des Lockdowns

Angst und Stress sind nicht gut für das Liebesleben. Der Psychiater Jan Kalbitzer macht Vorschläge, wie Sie das ändern können.
Von Jan Kalbitzer

In den ersten Tagen des Lockdowns gingen allerlei Witze um, dass 2020 zu Weihnachten viele Kinder geboren werden, weil Paare nun mehr Zeit für Sex hätten. Auf einige mag das sicher zutreffen. Für andere, gerade für Eltern, ist die Realität aber häufig eine andere.

Viele müssen nun Homeoffice und Kinderbetreuung unter einen Hut bringen und dabei auf engem Raum viel Zeit miteinander verbringen. Oder sie sind von der Arbeit freigestellt und fürchten um ihre finanzielle Zukunft. Wer entwickelt in so einer Situation die Ruhe, sich zärtlich auf einen anderen Menschen einzulassen?

Wenn Ihr Sexualleben unter der aktuellen Situation leidet, ist das allerdings doppelt bedauerlich. Denn körperliche Nähe und Sex können über die Ausschüttung des Hormons Oxytocin ein starkes Gefühl von Verbundenheit erzeugen und sehr entspannend wirken. 

So entkommen Sie dem "Notfallsex" routinierter Paare

Gerade gestresste Paare hatten vielleicht schon vor dem Lockdown eher alle paar Wochen eine Art "Notfallsex": Zwei ausgehungerte Körper prallen nach langer Abstinenz gierig aufeinander. Das kann großartig und leidenschaftlich sein, führt aber mitunter leider dazu, dass die sanfteren Begegnungen im Alltag seltener werden.

Besonders frustrierend ist es, wenn ein Körper gierig ist und der andere es freiwillig, aber lustlos über sich ergehen lässt, dem Credo der US-amerikanischen Scheidungsanwältin Laura Wasser folgend: "Wenn du nicht mit deinem Mann schläfst, wird es eine andere tun." Dass etwa Frauen mit ihrem Mann schlafen, um ihn nicht zu kränken, mag zwar kurzfristig Konflikte reduzieren, ist aber weder für die Beziehung noch für die Selbstachtung eine gute Idee.

Es mag paradox klingen, aber wenn Sie grundsätzlich Lust auf Sex miteinander haben, besteht noch eine ganz andere Möglichkeit: jeden Tag Sex haben. Aber dafür ganz anders.

Die US-amerikanische Autorin Brittany Gibbons beschreibt, wie täglicher Sex nicht nur die Paarbeziehung, sondern auch ihr Verhältnis zu sich selbst verändert habe. Das tägliche Ritual, sich Zeit füreinander zu nehmen und zärtlich zueinander zu sein, habe zu mehr Aufmerksamkeit für die gegenseitigen Bedürfnisse geführt, den Leistungsdruck und die Anspannung aus der Begegnung genommen und die Selbstwahrnehmung und das Wohlwollen gegenüber dem eigenen Körper gesteigert. 

Kollateralfragen

Die Krise stellt unser aller Leben auf den Kopf. Natürlich geht es erst einmal darum, gesund zu bleiben. Aber wie schaffen wir es, dass auch die Beziehung und die Familie intakt bleiben? Wie kommen wir heil durch den Alltag? Hier beantworten Experten regelmäßig Fragen zu diesen Themen. Hier finden Sie weitere Artikel aus der Reihe. Wenn Sie selbst eine Frage haben, schreiben Sie uns an: kollateralfragen@spiegel.de 

Wenn Ihnen diese Vorstellung völlig absurd vorkommt, dann lassen Sie die Finger davon. Für Sexualität gibt es keine pauschalen Regeln. Aber wenn Sie neugierig sind und sich beide mit der Idee wohlfühlen, dann wäre jetzt zumindest eine gute Gelegenheit, es mal auszuprobieren.

Machen Sie sich schön füreinander oder verzichten Sie mal aufs Duschen

Eine andere Möglichkeit besteht darin, die neuen Rahmenbedingungen für Ihr sexuelles Miteinander zu nutzen. Durch "Reframing" beispielsweise, also die Fähigkeit unseres Geistes, den körperlichen Zustand, in dem wir uns befinden, unterschiedlich zu deuten.

Die Psychologen Donald Dutton und Arthur Aron führten Anfang der Siebzigerjahre eine interessante Studie durch: Sie ließen Männer über eine Hängebrücke gehen und entweder sofort oder nach einer Verschnaufpause von einer Frau wissenschaftlich befragen. Diejenigen, die direkt nach der Überquerung befragt wurden und noch aufgeregter waren, schienen sich häufiger in die Frau zu verlieben. Offenbar, weil sie unbewusst den körperlichen Erregungszustand, der durch die Unsicherheit auf der wackeligen Brücke entstanden war, in Verliebtheit umdeuteten.

Wenn Sie also unruhiger und ängstlicher sind als sonst, dann könnte es Ihnen vielleicht helfen, diesen Zustand zumindest zeitweise umzudeuten in eine Erregung gegenüber Ihrer Partnerin oder Ihrem Partner. Am besten funktioniert das, wenn Sie zusätzliche "Stimuli" schaffen, also Erregungen, die Ihre Wahrnehmung von der Krise weg und hin zur Beziehung lenken. 

Versuchen Sie doch mal, sich unter der Woche in der Wohnung so gut es geht aus dem Weg zu gehen, reden Sie nur über das Nötigste und verabreden Sie sich dann Freitagabend nach dem Familienabendessen zu zweit auf ein Glas Wein. Machen Sie sich nacheinander zurecht, ziehen Sie sich etwas Schönes an und treffen Sie sich dann, als hätten Sie ein Date miteinander.

Wenn Kleidung und Frisuren für Sie nie eine große Rolle gespielt haben, Sie sich aber einfach immer verdammt gut riechen konnten, dann bietet der Lockdown vielleicht auch ganz neue Möglichkeiten: Probieren Sie doch mal aus, was passiert, wenn Sie einen Tag lang auf das Duschen verzichten und sich beim abendlichen Scrabble gegenseitig mit Pheromonen überschütten.

Was immer auch Ihre persönliche Lösung sein mag: Sie sollten ein gutes Gleichgewicht finden, bei dem Sie einerseits beide mehr Möglichkeiten für Rückzug haben, um aus dem Abstand heraus eine Anziehung zu entwickeln. Und andererseits im Alltag häufiger und aufmerksamer zärtlich zueinander sein. 

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