Text: Katrin Seyfert, Fotos: Anna Ziegler

"Du, Mark (*), ich möchte für den SPIEGEL etwas über Alzheimer schreiben. Wäre dir das recht?" – "Für wen?" – "Den SPIEGEL, das ist die Zeitschrift, die du immer liest." – "Was ist damit?" – "Ich möchte für den SPIEGEL eine Geschichte über deine Krankheit schreiben. Würdest du das erlauben?" – "Was?" – "Dass ich eine Geschichte über dich und Alzheimer schreibe." – "Für wen denn?" – "Den SPIEGEL." – "Aha. Und warum?"

An guten Tagen fragt mein Sohn: "Papa, wie heißt die Hauptstadt von Eritrea?", und mein Mann antwortet: "Asmara. 900.000 Einwohner." Er könnte auch sagen, wie viele Eier eine Mandarinente legt oder was der Unterschied zwischen Zystennieren und Nierenzysten ist. Bei "Wer wird Millionär?" wäre er weit gekommen.

Vor seiner Krankheit. Vor Alzheimer.

Viele Jahre besaß die Familie eine Dauerkarte für den Zoo. Noch heute weiß Mark eine Menge über Tiere. Dieses alte Wissen, das er schon in der Kindheit erwarb, konnte ihm die Krankheit bisher nicht nehmen.
ANNA ZIEGLER / SPIEGEL WISSEN (mit freundlicher Genehmigung von Tierpark Hagenbeck)
Viele Jahre besaß die Familie eine Dauerkarte für den Zoo. Noch heute weiß Mark eine Menge über Tiere. Dieses alte Wissen, das er schon in der Kindheit erwarb, konnte ihm die Krankheit bisher nicht nehmen.

Heute hat er Inseltage. An denen ist alles so wie früher. Und Krisentage, an denen müssen wir hart verhandeln, damit die Informationen wenigstens für kurze Zeit Einlass in sein Gedächtnis finden. An schlechten Tagen verwehrt die Krankheit ihnen den Zutritt gänzlich.

Und ich bekomme nach drei, vier, fünf Wiederholungen diesen widerlichen Krankenschwesterton, den keine Krankenschwester der Welt benutzt, weil sie Profi ist und ich Amateurin. Ich spreche mit Imperativ-Rhetorik, entbeint von Adjektiven und Adverbien, akzentuiert, unfreiwillig laut und langsam, so, als wären Gedächtnisverlust und Schwerhörigkeit ein und dasselbe. 

"Schrei doch nicht so!", sagt mein Mann dann, weil das Einzige, das sein Gehirn noch wahrnimmt, meine Veränderung in der Modulation ist. Und Veränderung ist bedrohlich.

Angefangen hat die Krankheit vor drei Jahren, kurz nach seinem 50. Geburtstag. Da war es noch keine Krankheit. Sondern ein steter Vorwurf: Kannst du nicht mal den Biomüll ordentlich trennen? Du wolltest doch Brot kaufen, wo ist das denn? Wieso hast du meinen Geburtstag vergessen?

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Dieser Beitrag erschien zum ersten Mal in der SPIEGEL Wissen-Ausgabe 2/2019.
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