Fernando Tenorio sorgte im Juli für Wirbel, als er auf Facebook postete: "Brasilien macht krank". Sein Aufschrei halllte durch die sozialen Medien und löste eine Diskussion über die psychologischen Folgen der spalterischen Politik von Brasiliens Präsident Jair Bolsonaro aus. Tenorio, 30, empfängt in seiner kleinen Praxis in Rio de Janeiro, wo er viele Patienten kostenlos behandelt. Aus dem Fenster sieht man den Zuckerhut.

 

SPIEGEL: Herr Tenorio, wie kommen Sie darauf, dass Brasilien die Menschen krank macht?

Tenorio: Schauen Sie sich doch mal um. Das Einzige, was in den Jahren der Wirtschaftskrise hier in Rio de Janeiro gewachsen ist, ist die Zahl der Apotheken und der Praxen von Psychologen und Psychiatern. Ich bin inzwischen so ausgelastet, dass ich die meisten neuen Fälle an Kollegen weiterleiten muss.

SPIEGEL: Mit welchen Beschwerden wenden sich die Leute an Sie?

Tenorio: Panikattacken, Depressionen, viele leiden unter einer permanenten inneren Unruhe. Natürlich hat jeder meiner Patienten seine individuelle Krankheitsgeschichte, aber die Sorgen ähneln sich zu sehr, als dass es Zufall sein könnte. Wenn ich die Umstände betrachte, dann wirkt es auf mich eher wie ein kollektives Phänomen.

Fernando Tenorio
Marian Blasberg

Fernando Tenorio

SPIEGEL: An welche Umstände denken Sie dabei?

Tenorio: Die Wirtschaftskrise hat nach und nach alle sozialen Schichten erfasst. In meiner Praxis behandle ich Leute, die morgens um vier ihr Haus an der Peripherie verlassen und auf dem Weg zur Arbeit zunächst einmal zwei Stunden in überfüllten Bussen sitzen. Ich arbeite unter anderem für die Hotelgewerkschaft und spreche mit Angestellten, die in den Waschküchen der Hotels die Arbeit ihrer wegrationalisierten Kollegen miterledigen, ehe sie am Abend in ihr Viertel zurückkehren, wo eines ihrer Kinder auf dem Schulweg unter Umständen in einen Schusswechsel geraten ist. Das ist die eine Seite der Realität - totaler Stress, Erschöpfung. Die andere Seite sind junge Menschen um die dreißig, Mittelschicht, gut ausgebildet, die nicht mehr wissen, wohin sie überhaupt ihre Bewerbungen schicken sollen. Das sind Leute, die in dem Glauben aufgewachsen sind, dass es einzig und allein an ihnen selbst liegt, Erfolg im Leben zu haben. Aber der Kapitalismus kann grausam sein. Er sagt dir nämlich auch, dass niemand anders die Verantwortung für dein Scheitern trägt. All das wird nun verschärft durch einen Präsidenten, der große Teile seines Volkes buchstäblich in den Wahnsinn treibt.

SPIEGEL: Können Sie uns das am Beispiel eines Falles schildern?

Tenorio: Ich habe etwa einen jungen Patienten, den ich ohne Honorar behandle, ein Schwarzer aus der Maré, einem der größten Armenviertel Rios. Er studiert Pädagogik und arbeitete aushilfsweise als Fotograf für eine Einrichtung der Stadt. Vor der Wahl im vergangenen Jahr tauchte er erstmals bei mir auf, mit Angstkrisen, die ihn regelmäßig auf dem Weg zum Job erfassten. Sie müssen wissen, als junger schwarzer Mann steht er gewissermaßen unter Generalverdacht. Andauernd wurde er gefilzt, von Polizisten, von Sicherheitsleuten in Geschäften, ohne Grund.

SPIEGEL: Vor der Präsidentschaftswahl im Oktober wurde immer wieder von willkürlichen Übergriffen gegen Schwarze berichtet, auch gegen Schwule. Viele Täter fühlten sich offenbar angestachelt von einem wachsenden Hass auf vermeintliche Randgruppen.

Tenorio: Genau. Und je näher die Wahl rückte, desto verzweifelter wurde dieser Mann. Irgendwann traute er sich kaum noch auf die Straße. Er wusste nicht mehr: Kontrollieren sie nur meinen Ausweis? Oder werde auch ich zum Opfer willkürlicher Gewalt? Nach der Wahl war es so schlimm, dass er schließlich seinen Job aufgab. Das ist nur ein Fall von sehr vielen.

SPIEGEL: Haben Sie Patienten, die unter der aktuellen Nachrichtenlage leiden, insbesondere was die Waldbrände im Amazonas betrifft?

Tenorio: Eine meiner Patientinnen erzählte mir, seit der Wahl Bolsonaros leide sie unter einer Angststörung. Sie berichtete von ihrer Furcht, dass der Wald nicht mehr geschützt werde und dass der Umweltschutz ganz allgemein nur eine untergeordnete Rolle für die Regierung spiele. Seit die Wälder brennen, reden fast alle meine Patienten darüber.

SPIEGEL: Was erzählen sie Ihnen?

Tenorio: Sie reden über ihre Traurigkeit und ihre Ohnmacht. Wir Brasilianer verinnerlichen schon sehr früh, dass der Amazonas für uns ein wichtiger soziokultureller Faktor ist. Er ist ein Teil von uns. Ihn jetzt brennen zu sehen kommt vielen Menschen so vor, als würde ein Teil von ihnen sterben.

SPIEGEL: Wer ist Ihrer Meinung nach verantwortlich für die Feuer?

Tenorio: Ich glaube, dass diese Brände in engem Zusammenhang mit Bolsonaros Wahlkampf stehen, mit den Versprechungen, die er der Landwirtschaftsindustrie gemacht hat, und einem allgemeinen Gefühl der Straflosigkeit, das heute herrscht, wenn es um Umweltverbrechen geht. In Bolsonaros Weltbild sind Umweltschützer der Feind der landwirtschaftlichen Produzenten, weil sie angeblich die wirtschaftliche Entwicklung bremsen. Durch seinen nationalistischen Diskurs fühlen sich die Sojabauern, Viehzüchter und Holzfäller jetzt ermuntert, das zu tun, was sie am besten können: den Wald zu zerstören.

SPIEGEL: Könnte man sagen, mit den Bränden im Amazonas brennt die Seele Brasiliens?

Tenorio: Die Brände sind eine Metapher für all das, was in unserem Land gerade kaputtgeht. Es geht dieser Regierung um nichts anderes: Sie will zerstören, um am selben Ort etwas Neues hinzustellen. Was dieses Neue ist? Keine Ahnung. Niemand weiß, was von unserem Land noch übrig sein wird, wenn dieser brasilianische Nero irgendwann die Macht abgibt.

SPIEGEL: Was stellen Sie noch fest?

Tenorio: Seit Bolsonaro per Dekret den Zugang zu Schusswaffen gelockert hat, spüre ich eine wachsende Verunsicherung. Meine Patienten fragen mich, ob ein Streit im Straßenverkehr dazu führen kann, dass auf sie geschossen wird. Ich habe Geisteswissenschaftler, die an Universitäten lehren und sich nicht mehr trauen, staatliche Gelder für Symposien zu beantragen. Sie befürchten, aufgrund "linker" Themen auf dem Radar der Regierung als Kommunisten aufzutauchen und im Zuge einer allgemeinen Hexenjagd ihre Professuren zu verlieren. Sie ziehen ihre Köpfe ein. Exemplarisch ist auch der Fall einer Umweltingenieurin, die von der Geschwindigkeit der auf sie einprasselnden schlechten Nachrichten überfordert ist - die Abholzung des Regenwalds, die Zulassung von Pestiziden und so weiter. Sie sieht ohnmächtig mit an, wie eine Welt für sie zusammenbricht.

SPIEGEL: Was ist passiert, dass es so weit kommen konnte?

Tenorio: Das ist ein Prozess, der 2013 mit den Protesten gegen Korruption und Misswirtschaft begann und in der Wahl Bolsonaros kulminierte. Bolsonaro besetzt die Unzufriedenheit vieler Wähler über die lange Jahre regierende Arbeiterpartei. Aber er repräsentiert nicht irgendeine Rechte, sondern die extreme Rechte. Er vergiftet das gesellschaftliche Klima, indem er polarisiert und das Land mit seinem Hassdiskurs spaltet.

SPIEGEL: Wie wirkt sich das aus?

Tenorio: Als Psychologe sehe ich es so: Das, was uns mit den anderen verbindet, ist das Wort. Wenn die Worte voller Hass sind, dann sind auch unsere Beziehungen mit den anderen voller Hass. Das heißt, die Menschen diskutieren nicht mehr, sondern sie streiten, in ihren Familien, auf der Arbeit. Wir fangen an zu schreien, dann schlagen wir. Und irgendwann geht es nur noch um die pure physische Kraft. Es ist etwas, das eine Gesellschaft langsam zersetzt. Es entmenschlicht sie. Für Bolsonaro ist das Wort ein Kriegsinstrument. 

SPIEGEL: Einer wie Bolsonaro zwingt die Brasilianer, sich zu positionieren.

Tenorio: Absolut. Durch die sozialen Medien sind Politiker wie er ja heute fast Teil der Familie. Den ganzen Tag sind sie präsent. Das führt dazu, dass das Verhältnis, das die Wähler zu ihnen haben, wesentlich emotionaler ist. Wenn alles Politische plötzlich ins Private reicht, kann man sich der Frage, auf welcher Seite einer steht, kaum mehr entziehen. In meiner Praxis behandle ich Frauen, die sich scheiden ließen nach der Wahl. Jugendliche, die von zu Hause ausgezogen sind, weil ihre Eltern ihnen fremd geworden sind. Einer meiner Patienten fragte mich, wen ich wählen würde, und als ich ihm erklärte, dass es auf keinen Fall Bolsonaro sei, sagte er mir, dass er hier nicht weitermachen könne. Die Sache ist doch die: In einer Stadt wie Rio sind die Menschen durch die allgegenwärtige Gewalt ohnehin schon isoliert. Sie gehen selten aus dem Haus und ziehen sich zurück in ihre Familien. Aber dieser Rückzugsort fällt mittlerweile immer öfter weg.

SPIEGEL: Was sehen die Menschen in Bolsonaro?

Tenorio: Sie müssen wissen, Brasilien ist ein Land, in dem Millionen Männer ohne ihre Väter aufwachsen. Das ist die Rolle, in die Bolsonaro gewissermaßen schlüpft. Er ist der starke Mann, der das Land in Ordnung bringt. Der Erlöser, dem es gelungen ist, sich als Outsider zu inszenieren, obwohl er seit drei Jahrzehnten als Abgeordneter zum Establishment gehört. Ich weiß nicht, wie es funktioniert, aber es gelingt, und es sind vor allem Männer, die darauf anspringen. Die sich angesprochen fühlen von dieser toxischen Maskulinität, die sich über Vorurteile gegen Schwächere definiert und sich ständig neu beweisen muss. In meiner Praxis klagen viele Frauen darüber, dass ihre Männer aggressiver sind als früher. Es bleibt nicht ohne Folgen, wenn Bolsonaro öffentlich erklärt, dass er die Abgeordnete Maria do Rosário nur deshalb nicht vergewaltigen würde, weil sie zu hässlich sei. Dinge werden plötzlich sagbar. Dann werden sie Mainstream. Unsere hohe Zahl an ermordeten Frauen ist kein Zufall.

SPIEGEL: Wenn Bolsonaro selbst auf Ihrer Couch sitzen würde - was wäre Ihre Diagnose?

Tenorio: Für mich ist er ein Perverser. Ein eitler Mann, der glaubt, dass seine Wahrheiten absolute Gültigkeit besitzen. Der im anderen keine Grenze sieht und der sich der Konsequenzen nicht bewusst ist. Bolsonaro regiert mit dem Grundprinzip der Rache. Bezeichnend, dass er in einer seiner ersten Amtshandlungen den Mitarbeiter des brasilianischen Umweltamts rausgeschmissen hat, der ihm ein Bußgeld wegen illegaler Fischerei aufgebrummt hatte. Jetzt trifft es den Direktor des renommierten Instituts für Weltraumforschung, dessen Zahlen zur Abholzung des Regenwalds nicht in das Weltbild unseres Präsidenten passen. Wir haben Waffen im Überfluss, aber keine Studie kann Bolsonaro überzeugen, dass mehr Waffen mehr Tote bedeuten. Es ist bizarr, eigentlich sollte unser Präsident Konflikte moderieren, er sollte sie nicht schüren.

SPIEGEL: Was können Sie tun?

Tenorio: Würde ich ausschließlich Medikamente verschreiben, dann führte dies nur dazu, dass die Menschen ihr Leiden länger aushalten. Ich käme mir vor wie ein Drogendealer, die Pharmaindustrie und die Apotheken verdienen gutes Geld, aber es änderte sich nicht viel. Ein kollektives Phänomen lässt sich nicht individuell behandeln. Was wir brauchen, ist Dialog. Wir müssen die Beklemmung in neue Energie umwandeln.

Schicken Sie uns Ihr Feedback zu diesem Beitrag.

Lade...

Sie wollen SPIEGEL+ auch nach dem Tag der offenen Tür nutzen?

Starten Sie einfach Ihren kostenlosen Probemonat und sichern Sie sich auch weiterhin alle Vorteile von SPIEGEL+:

  • Jeden Tag mehr Durchblick: Besondere Reportagen, Analysen und Hintergründe auf SPIEGEL ONLINE zu Themen, die unsere Gesellschaft bewegen, von Reportern in aller Welt.
  • Dazu die digitale Ausgabe des wöchentlichen Magazins.
  • Einmal anmelden, überall nutzen – mobil, Web, Tablet, auf allen Ihren Geräten.
  • Flexible Laufzeit, jederzeit online kündbar
Hinweis

SPIEGEL+ kann in Ihrer App leider nicht dargestellt werden. Bitte installieren Sie die aktuelle App-Version oder wechseln Sie auf die mobile Website m.spiegel.de, um SPIEGEL+ lesen zu können. Vielen Dank!

SPIEGEL+ kann in Ihrem Browser leider nicht dargestellt werden. Bitte installieren Sie die aktuelle Version Ihres Browsers oder wechseln Sie zu einem anderen aktuellen Browser, um SPIEGEL+ lesen zu können. Vielen Dank!

SPIEGEL+ kann auf Ihrem Gerät leider nicht angezeigt werden. Bitte aktualisieren Sie, wenn möglich, Ihr Betriebssystem. Vielen Dank!