Der Gedanke kam ihm unvermittelt. Die Kinder waren schon im Bett. Wrangham lag allein auf dem Wohnzimmerboden und starrte in die Flammen. Es war dunkel. Nur das Flackern des Kamins erleuchtete den Raum. Plötzlich durchschoss ihn ein Gedanke, der ihn fortan nicht mehr loslassen sollte: Wann hatte erstmals ein Mensch, so wie er jetzt, dem Tanzen von Flammen zugeschaut? Und warum hatten seine Forscherkollegen dieser Frage bisher so wenig Aufmerksamkeit geschenkt? In diesem Moment vor gut 20 Jahren war sich der Anthropologe sicher, dass er gerade das Urerlebnis der Menschheit nachempfand. Mitglieder der Gattung Homo, das war ihm auf einmal klar, hatten seit je im Bann von Flammen gestanden. Noch am selben Abend machte sich Wrangham Notizen, aus denen seine erste Theorie zur Menschwerdung hervorging. Schon damals reifte in ihm seine zweite Idee: Erst zähmte Homo das Feuer, dann zähmte er sich selbst. Erst als der Mensch gelernt hatte, seine Aggressionen zu beherrschen, stand ihm der Weg offen, zum Kulturwesen zu werden.

Im SPIEGEL-Gespräch erläutert Wrangham, 70, nun die Grundzüge seiner Hypothese, die er in einem neuen Buch vorgestellt hat. Er erklärt, warum er glaubt, dass es ausgerechnet die Todesstrafe war, die dem Homo sapiens half, seine Aggressionen zu besiegen. Und warum daraus die Moral hervorging. Jetzt ist er gespannt auf die Einwände der Kollegen. Er weiß: Es wird Widerstand geben gegen seine zweite Idee – so wie auch seine erste anfangs auf Skepsis stieß. Aber Wrangham ist ein streitbarer Mann. Er freut sich darauf, der Kritik entgegnen zu können.

SPIEGEL: Herr Professor Wrangham, Sie interessieren sich für Aggression. Wieso gehen Sie dafür in den Urwald Ugandas?

Wrangham: Oh, der ist voller Aggression. Ich liebe es zum Beispiel, dort die Augen zu schließen und einfach nur zu lauschen. Ich höre das Fiepen von Vögeln, das Zirpen von Insekten, die Rufe von Affen, manchmal auch das Trompeten eines Elefanten. Und was ist es, was wir als so schön und friedlich empfinden? Das meiste davon sind Männchen unterschiedlicher Spezies, die ihre Männlichkeit und ihren Anspruch auf Dominanz in die Welt hinausschreien. Mit anderen Worten: Es ist die Sprache der Aggression.

SPIEGEL: Sie erforschen Schimpansen. Stand dabei für Sie immer die Aggression im Mittelpunkt?

Wrangham: Nein, anfangs habe ich studiert, wie sich diese Tiere ernähren – also ein ganz anderes Thema. Aber wenn man einen Schimpansen von morgens bis abends verfolgt, dann springt einem die Bedeutung der Aggression ins Auge. Verglichen mit uns Menschen ist ihr Umgang miteinander ungeheuerlich aggressiv.

SPIEGEL: Das heißt?

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Dieser Beitrag erschien zum ersten Mal in der SPIEGEL-Ausgabe 12/2019.
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