Es war ein weiter Weg für Arlan Hamilton in den 18. Stock dieses Hochhauses mitten in Hollywood mit Blick auf den Sunset Boulevard. Vor ein paar Jahren noch kannte sie die Gegend, auf die sie nun von ihrem Apartment aus hinabblickt, nur von unten, aus der Perspektive einer Obdachlosen. "Ich lief nachts auf den Straßen herum und schlief tagsüber in irgendeiner Ecke, wo es sicher war." Viele Leute wüssten nicht, sagt Hamilton, dass obdachlose Menschen deshalb oft tagsüber schlafen, weil sie nachts, wenn es gefährlich ist, wach bleiben, weitergehen.

Wach bleiben, weitergehen: Das scheint auch heute noch das Lebensmotto von Arlan Hamilton zu sein.

Sie ist 38 Jahre alt und hat buchstäblich aus dem Nichts einen Risikokapitalfonds für Tech-Start-ups aufgebaut. Auf den Konferenzbühnen der Digitalindustrie ist sie ein Star, ihr Gesicht war auf dem Cover des Wirtschaftsmagazins "Fast Company", ihre Tweets sorgen für Schlagzeilen.

Sie vereint in sich eine Vielzahl von Minderheiten: Sie ist schwarz, sie ist eine Frau, sie ist lesbisch. Und sie hat daraus für sich eine Mission abgeleitet: mit ihrer Firma Backstage Capital exakt solche jungen Firmengründer zu unterstützen, die mindestens eines dieser Attribute aufweisen – schwarz, Frau, LGBT ("Lesbian, Gay, Bisexual, Transgender").

Arlan Hamilton ist all das, was die Tech-Industrie nicht ist. Und das macht sie zum personifizierten schlechten Gewissen des Silicon Valley.

Denn Schwarze und vor allem schwarze Frauen dürfen in der Regel nicht mitspielen beim digitalen Milliarden-Monopoly. Hier, in Nordkalifornien, von San Francisco bis San José, werden aus kaum gedachten Ideen junger Unternehmer deswegen globale Innovationen, weil Risikokapitalgeber und Investoren permanent auf der Suche nach Möglichkeiten sind, ihre Millionen und Milliarden Dollar zu platzieren, wovon sie später, im Erfolgsfall, profitieren. Davon, von Startkapital, auch "seed money" genannt, lebt und gedeiht die Start-up-Welt. Durch mächtige Investmentfonds, die dieses "Saatgeld" großzügig streuen, wuchs und wächst das Ökosystem des Silicon Valley so schnell wie kein zweites.

Diversity? Spielt dabei eher keine Rolle. Gender-Gerechtigkeit? Beginnt und endet bei der Beschriftung der Firmentoiletten.

"Es ist eine komplett regellose Welt", sagt Hamilton, am Esstisch ihrer Wohnung sitzend. Dann, lachend: "Das sieht man auch daran, dass jemand wie ich zur Risikokapitalgeberin werden konnte."

Ein paar Zahlen, wie sie auch Hamilton gern in ihre Sätze einbaut, können die Schieflage belegen: Gut zwei Drittel (68,5 Prozent) aller in der US-Tech-Industrie Beschäftigten sind weiß, allein jeder 14. (7,4 Prozent) ist afroamerikanisch. Betrachtet man lediglich die Bay Area um San Francisco, wo die Silicon-Valley-Riesen residieren, sind es gut drei Prozent Schwarze.

Bei den Führungspositionen wird es noch einseitiger: 83 Prozent der Executives im US-Hightech-Bereich sind weiß, nur jeder 50. (1,9 Prozent) ist schwarz. Schwarze Frauen gibt es auf den Chefetagen so gut wie gar nicht. Nah an der Nachweisgrenze bewegen sich die Werte, wenn man die Verteilung des Wagniskapitals anschaut: Gut 2 Prozent kommen bei Frauen an, nur 0,2 Prozent bei schwarzen Frauen.

Republikaner Trump, Investor Thiel, Apple-Chef Tim Cook 2016: "Regellose Welt"
SHANNON STAPLETON / REUTERS

Republikaner Trump, Investor Thiel, Apple-Chef Tim Cook 2016: "Regellose Welt"

Wie verschafft sich jemand wie Arlan Hamilton Gehör im exklusiven Klub der Silicon-Valley-Investoren? Wie erhält jemand wie sie Zugang zu den hermetisch abgeschotteten Bürokomplexen an der berühmten Sand Hill Road in Palo Alto, wo die großen Geldgeber alle nebeneinandersitzen; Sequoia Capital, Kleiner Perkins, Andreessen Horowitz, Greylock Partners, Khosla Ventures?

Sie kam, aus Texas aufgebrochen, vor ein paar Jahren ohne Collegeabschluss an der Westküste an, ohne Geld, ohne Beziehungen, eigentlich ohne Chance. Monatelang verbrachte sie die Nächte auf dem Boden des Flughafens San Francisco, während sie tagsüber Investoren nachstellte, physisch oder telefonisch, die sie überzeugen wollte, ihr Geld zu geben, das sie dann an schwarze oder anderweitig unsichtbare Firmengründer weiterreichen wollte.

Während dieser Zeit schrieb sie ein wütendes, witziges, viel beachtetes Blog, in dem sie ihre Adressaten ("Liebe weiße Risikokapitalgeber") direkt ansprach: "Ich lade euch herzlich ein, einen Stuhl herzuholen und mir zuzuhören, als wäre ich keine Anomalie, die von einem anderen Planeten geschickt wurde." ... "Meldet euch bei mir. Jeder von euch braucht einen Scout, der nach dem nächsten schwarzen Zuckerberg sucht." ... "Und diese Scouts müssen farbig sein, keine weißen Typen, die zufällig ein paar schwarze Freunde haben und gern Basketball spielen." ... "Im Ernst. Schickt mir eine E-Mail. ARLAN Hamilton@gmail.com." ... "Ladet mich zu euch ins Büro ein oder zum Bowling oder zu Sushi, und lasst uns darüber reden."

Heute wohnt Hamilton in L. A. Gehüllt in ein Sweatshirt erzählt sie davon, wie sie sich selbst zur Investorin ausgebildet hat. "Vor sieben Jahren wusste ich noch nicht mal, was eine Risikokapitalgeberin überhaupt ist", sagt sie. Sie setzte sich in die Abteilung für Businessliteratur bei Barnes & Noble und las dort, weil ihr die Bücher zum Kaufen zu teuer waren. Per YouTube studierte sie die Rhetorik und die Strategien von Leuten, die Geld und Macht haben im Valley, schaute "Hunderte von Stunden Videoaufnahmen", von Figuren wie Chris Sacca, Sam Altman, Brad Feld oder auch Peter Thiel ("Den mochte ich damals noch"). Gelernt habe sie dabei vor allem, "dass die alle nichts haben, das ich nicht auch lernen kann". Am Ende, so Hamilton, gehe es vor allem um Überzeugungskraft, um Charisma. "Das hatte ich zum Glück schon immer."

Und weil sie wusste, dass man Kapitalisten nicht mit Moral kommen muss, verpackte sie ihre Botschaft als Geschäftsidee, nicht als Ethikkurs. Sie erzählte allen, die sie zum Zuhören brachte, dass 90 Prozent des Wagniskapitals bei weißen Männern lande, dass aber die guten Ideen unmöglich zu 90 Prozent von weißen Männern kommen können. Dass, wer so einseitig investiere, notwendigerweise viele lohnende Anlagemöglichkeiten übersehe. Damals, als Bitcoin noch hip war, prägte sie den Slogan "Black ist der neue Bitcoin". Sie wollte keine Almosen für gute Zwecke, sie wollte Geschäfte machen. Viele Monate vergingen, bis sie ihren ersten Scheck erhielt, über 25 000 Dollar, von einer Frau mit Geld und Einfluss namens Susan Kimberlin. Das öffnete neue Türen.

Heute, zehn Millionen Dollar später, listet Backstage Capital über hundert Firmen im Portfolio, die alles Mögliche herstellen oder anbieten, von Lifestyleprodukten bis zur computergestützten Businessanalyse. Kairos gehört dazu, ein Unternehmen für Gesichtserkennungssoftware; Uncharted Power ist dabei, aus dem Bereich erneuerbare Energien. Zyrobotics stellt digitale Lernspiele her; mit Airfordable können Kunden Flugtickets in Raten kaufen. Was Blendoor wiederum macht, klingt nach einer Idee, die von Hamilton selbst stammen könnte: Das Start-up hat ein Programm entwickelt, das Firmen hilft, sich bei der Jobvergabe nicht von unbewussten Vorurteilen leiten zu lassen.

Backstage Capital bezeichnet sich selbst als "Boutique-Investment-Fonds", denn die Schecks, die Hamilton für ihre Gründer ausstellt, sind oft eher bescheiden, es geht um Summen zwischen 25 000 und 100 000 Dollar – wenig, nach Silicon-Valley-Maßstäben. Kritiker lästern, dass Hamiltons Fonds, der bestimmt mehr Aufmerksamkeit als Wirtschaftswachstum generiert, institutionellen Investoren eine bequeme Gelegenheit biete, sich mit wenig Geld eine sauberere Weste zu verschaffen. Die strukturellen Probleme aber blieben ungelöst.

Von Hamilton geförderte Unternehmer beschreiben Backstage Capital vor allem als Eisbrecher und als Ermutigung. Die Schecksummen mögen klein sein, aber für viele ist es das erste Wagniskapital, das sie überhaupt erhalten. In diesem Sinne äußert sich jedenfalls Melissa Hanna von Mahmee. Ihre Firma bietet medizinische Dienstleistungen für Schwangere und Wöchnerinnen an. "Arlan war die Erste, die anrief, und sie sorgte dafür, dass andere Geldgeber nachfolgten", sagt Hanna am Telefon.

Ein weiterer Gründer aus dem Backstage-Portfolio, Ayinde Alakoye von einem Anbieter von Spracherkennungssoftware, erzählt, er habe Hamilton bei einem Live-Talk zum ersten Mal gehört, "und als sie Dinge sagte wie 'Ich will in Schwarze investieren', da begannen meine Hände zu zittern. Den Satz hatte ich noch nie gehört. Da war jemand, für den die Farbe meiner Haut kein Stoppsignal war, sondern eine Einladung, das war eine Premiere". Was Arlan Hamilton auszeichnet, ist ihre radikale Ehrlichkeit – und ihr Medium dafür ist Twitter. Hier spricht sie unter dem Namen @ArlanWasHere über persönliche Dinge wie Alkoholprobleme und Einsamkeit. Und hier greift sie Silicon-Valley-Legenden wie Peter Thiel, Elon Musk oder Paul Graham an.

Thiel, den in Deutschland geborenen PayPal-Mitgründer, Tech-Milliardär und Trump-Sympathisanten, verachtet sie mit besonderer Verve. Als er 2016 vor der US-Präsidentschaftswahl seine politische und finanzielle Unterstützung für Donald Trump offenlegte, twitterte Hamilton, dass sie keinem Jungunternehmer mehr empfehlen werde, sich beim berühmten Silicon-Valley-Gründerzentrum Y Combinator zu bewerben, bei dem Thiel als Berater und Mentor tätig war. Sam Altman, Chef von Y Combinator und eigentlich ein früher Unterstützer Hamiltons, verteidigte sich ("Würdest du jemanden feuern, nur weil er Trump unterstützt?"), Hamilton schoss zurück ("Bei allem Respekt, du weißt genau, dass 'unterstützen' und 1,25 Millionen Dollar für einen rassistischen, sexistischen Triebtäter zu spenden nicht dasselbe ist").

"Ich bin jetzt 38, und bis vor ein paar Jahren habe ich nie mehr als 20 000 Dollar pro Jahr verdient", sagt sie im Gespräch. Sie hat ein für die Tech-Branche ungewöhnliches, fast feindseliges Verhältnis zu Geld. "Geld ist ein Gegner, den ich nicht aus den Augen lasse." So wie gut zwölf Prozent der amerikanischen Bevölkerung, die offiziell als arm gelten, kannte auch Arlan Hamilton Geld ein Leben lang vor allem als Mangel. Als Kind habe sie es manchmal geradezu gehasst, weil es fehlte. "Geld war etwas, das meine Mutter zum Weinen brachte und das dafür sorgte, dass es nichts zu essen gab." Bevor sie nach Kalifornien kam, verdiente sich Hamilton, mehr schlecht als recht, als Produktionsassistentin auf Konzerttourneen verschiedener Musikbands ein Auskommen.

Auch heute noch gelingt ihr nicht alles, zuletzt musste Arlan Hamilton Rückschläge einstecken. Ein angekündigter, speziell für schwarze Gründerinnen gedachter Investitionsfonds, den sie den "It's About Damn Time Fund" nannte (etwa: "Es-ist-verdammt-noch-mal-endlich-Zeit-dafür-Fonds") und mit 36 Millionen Dollar füllen wollte, ließ sich nicht verwirklichen, wichtige Geldgeber waren ausgestiegen. Hamilton musste Angestellte bei Backstage Capital entlassen, und sie trat von ihrer Position als Geschäftsführerin zurück, um sich stärker auf ihre öffentliche Rolle zu konzentrieren, auf ein Buch, das sie plant, auf einen neuen Podcast.

Es gibt einen Moment bei der Begegnung mit ihr, in dem das Gespräch zu scheitern droht, knapp vor dem Abbruch steht. "Ich kann Ihnen sagen, dass das meine unliebste Frage ist", sagt sie plötzlich: "Ich finde die Frage 'Wie sehr obdachlos waren Sie eigentlich?' beleidigend." Exakt so war sie gar nicht gestellt, es war eben eine Bitte um Klärung: Welche von all den vielen Beschreibungen ihrer Obdachlosigkeit, die man so lesen kann – von jahrelangem Couch-Surfing über Schlafen am Flughafen bis zum Leben auf der Straße –, trifft am ehesten zu? Wie genau lebte die obdachlose Arlan Hamilton, bevor sie zur Wagniskapitalgeberin wurde?

Hamilton findet einerseits, sie habe diesen schmerzhaften Teil ihres Lebens schon so oft ausgebreitet, dass es sie ermüde. Gleichzeitig scheint sie einen Unterton des Misstrauens herauszuhören, den Verdacht, so komplett obdachlos wie die geschundenen Gestalten, an denen man etwa in San Franciscos Innenstadt vorübergeht, habe sie ja wohl doch nicht gelebt. Und diese versuchte Vermessung ihres früheren Elends empfindet sie als anmaßend. Vermutlich zu Recht.

Sie schweigt ziemlich lange, man erwartet bereits, hinausgebeten zu werden, dann sagt sie: "Ich bin während fast der Hälfte meines erwachsenen Lebens durch verschiedene Formen der Obdachlosigkeit gegangen. Ich habe zwar nie in einem Zelt unter einer Autobahnbrücke gelebt, aber manchmal bin ich mit einem einzigen Dollar in einen Donutshop gegangen, um einen einzigen Donut für den Tag zu kaufen und dann zu warten, bis sie mich rausschmeißen. Ich hatte sehr lange keine Adresse, keine Postanschrift, die zu meinem Namen gehört, und das macht das Leben schwierig. Man hört auf zu existieren gegenüber Behörden. Man wird unsichtbar. Es gibt in diesem Land wohl Hunderttausende solcher unsichtbarer Menschen, wie ich es war. Das ist die Art von Obdachlosigkeit, wie ich sie erlebte."

Ihre Verlobte ist eine Deutsche, eine Beziehung, die sie prominent in ihrem Twitter-Profil vermerkt: "Verlobt mit @queergermangirl". Queergermangirl, das ist Anna Eichenauer, 30, eine Texterin/Musikerin/Schauspielerin aus der Nähe von Bamberg. Die beiden haben sich online kennengelernt, nachdem sich Hamilton auf Facebook als Karrierecoach angeboten hatte, für 15 Dollar pro halbe Stunde Telefongespräch. "Wir quatschten stundenlang, über Wochen, Monate. Irgendwann trafen wir uns und sind seither unzertrennlich."

Vor ein paar Tagen, Anfang Juni, flog Hamilton nach München, zu Eichenauer, und berichtete auf Twitter von einem Erlebnis mit einem deutschen Zollbeamten bei der Einreise. Weil Hamiltons Twitter-Feed üblicherweise voll ist mit Nachrichten von rassistischen und homophoben Vorfällen, befürchtet man beim Lesen zunächst das Schlimmste. Es geht aber gut aus.

Obdachloser vor Twitter-Hauptquartier in San Francisco "Geld ist ein Gegner"
BARBARA MUNKER / DPA
Obdachloser vor Twitter-Hauptquartier in San Francisco "Geld ist ein Gegner"

"@ArlanWasHere

Auf dem Münchner Flughafen, Wort für Wort.

Einschüchternder Zollbeamter: Was ist der Zweck Ihrer Reise?

Ich: Ich besuche meine Fiancée (Englisch für "Verlobte" –Red.).

Beamter: (ernsthaft) Sie besuchen Beyoncé?

Ich: Ähm ...

Sein Kollege: (lacht los)

Ich: Schön wär's.

Alle: (großes Gelächter)"


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Dieser Beitrag erschien zum ersten Mal in der SPIEGEL-Ausgabe 25/2019.

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