Als Artur Brauner eine seiner zahlreichen Komödien produzierte, musste er für einen Drehtag eine Kuh mieten. Irgendwann waren alle Szenen mit dem Tier im Kasten. Doch Brauner, so die Anekdote, soll einen seiner Mitarbeiter gebeten haben, die Kuh noch zu melken. Schließlich habe er ja die Nutzungsrechte für den ganzen Tag bezahlt.

Vermutlich wurde Brauner auch deshalb einer der erfolgreichsten Filmproduzenten Deutschlands, weil er es wie kaum ein anderer verstand, aus den ihm zur Verfügung stehenden Ressourcen das Maximum herauszuholen. Würde er in Schottland leben, hätten sie ihn wegen seines Geizes des Landes verwiesen, schrieb er in seinen Memoiren "Mich gibt's nur einmal".

Brauner, der von 1946 bis heute mehr als 300 Filme produzierte, ist am 1. August 100 Jahre alt. Der kleine Mann mit den großen Augen, den markanten Brauen und dem sorgsam gepflegten Schnauzer, in Berlin nur Atze genannt, ist eine der schillerndsten und streitlustigsten Persönlichkeiten des deutschen Films.

Er drehte Lustspiele wie "Der keusche Lebemann", realisierte Friedrich Dürrenmatts Krimidrehbuch "Es geschah am hellichten Tag". Er machte Caterina Valente und Peter Alexander zu Kinostars und holte den "Tarzan"-Darsteller Lex Barker nach Berlin. Er produzierte über 20 Filme, die sich mit dem Holocaust beschäftigen und heute in der Gedenkstätte Yad Vashem laufen.

Brauner, 1918 in Łódź geboren, ist eine Ausnahmeerscheinung in mehr als einer Hinsicht. Ein Jude, der den Holocaust mit knapper Not überlebte und nach Berlin ging, um ein besseres Deutschland aufzubauen. Ein Filmmogul, der mit knalligen Schlagerfilmen den Deutschen die Lebenslust zurückholte – und der zugleich mit Filmdramen wie "Der 20. Juli" (1955) gegen die Verdrängung des Faschismus antrat, wieder und wieder, bis heute.

"Ich wollte schon immer Dinge bewegen", schreibt er in einer Mail vor wenigen Tagen. Die Sommerhitze mache ihm zu schaffen, ein Gespräch würde ihn zu sehr anstrengen. "Ich wollte arbeiten, um meine große Familie zu versorgen, Filme machen, um Menschen einerseits zu unterhalten, andererseits ihr Gewissen aufzurütteln. Es gibt vor allem zwei Gründe, die mich zu dem Produzenten gemacht haben, der ich geworden bin: das Gespür für das, was die Menschen sehen wollen. Das Bedürfnis, mit Filmen Emotionen für die Millionen jüdischen Opfer hervorzurufen, die mir an keinem einzigen Tag in meinem Leben aus dem Kopf gehen."

49 seiner Verwandten wurden von den Nazis ermordet. Er selbst überlebte den Krieg in der Nähe des Sans, eines Flusses im damaligen Grenzgebiet zwischen dem Deutschen Reich und der Sowjetunion. "Zu zwölft in einer in die Erde gegrabenen Höhle", schreibt er in seinen Memoiren. "Feuer machen durften wir nur, wenn der Nebel vom Fluss her uns einhüllte wie in dicke, feuchte Tücher. Nie durften wir ein lautes Wort sprechen."

Als der Krieg vorbei war, brach Brauner nach Berlin auf, um dort seine Eltern wiederzufinden. Eigentlich sollte dies nur eine Zwischenstation sein. Er wollte nach Hollywood, dorthin, wo die Helden der Western und Abenteuerfilme lebten, Stars wie Gary Cooper, die als er als Bub in den Kinos von Łódź so bewundert hatte.

Doch auf dem Weg nach Berlin stieß er auf ein Massengrab. Die SS hatte es nicht mehr geschafft, die Leichenberge zuzuschütten. "Die offenen Augen eines toten Jungen haben mich so sehr in den Bann gezogen", erinnert er sich heute, dass er sich ein "Gelübde" auferlegt habe: "Du musst alles, was möglich ist, unternehmen, um den Opfern des Nationalsozialismus ein Denkmal zu setzen."

Der Film "Morituri" war das erste dieser Denkmäler, dem etliche weitere folgten. Er handelt von Insassen eines KZ, denen die Flucht gelingt. Ausgemergelt und entkräftet, versucht die kleine Gruppe, in einem Wald zu überleben. Brauner erzählte da auch seine eigene Geschichte.

Er drehte den Film ab September 1947 in einem Wald nördlich von Berlin. Brauner bestach sowjetische Soldaten mit Wodka, ließ Lebensmittel aus Berlin herausschmuggeln und eine Stromleitung durch Brandenburg legen. Der Film wurde ein Flop; Brauner stotterte die Schulden noch Jahre später ab.

Doch er ließ sich nicht beirren. Der Sparfuchs wurde im Lauf seiner Karriere immer wieder zum Hasardeur und ging das volle Risiko ein, wenn er an ein Projekt glaubte und es für wichtig hielt. In der heutigen Zeit, in der deutsche Filmproduzenten vor allem wissen müssen, wie sie an Fördergelder kommen, wirkt Brauner wie ein Zauberer im Wunderland.

Er übernahm ein heruntergekommenes Fabrikgelände in Spandau, in dem die Nazis Giftgas hergestellt hatten. Dort baute er eines der größten Filmstudios Europas auf. Und er holte einige der Vertriebenen zurück, die das deutsche Kino in den Zwanziger- und Dreißigerjahren groß gemacht hatten, die vor den Nazis geflohen und nach Hollywood gegangen waren, unter anderem die Regisseure Fritz Lang und Robert Siodmak.

Lang hatte in Babelsberg das Science-Fiction-Epos "Metropolis" (1927) gedreht, an dem Filmemacher bis zum heutigen Tag Maß nehmen. Siodmak war Co-Regisseur des überaus modernen und vor Lebenslust berstenden Berlinporträts "Menschen am Sonntag" (1930) gewesen. In Hollywood trugen die beiden Regisseure maßgeblich dazu dabei, eine neue Stilrichtung zu erschaffen, den Film noir, mit düsteren Thrillern und Melodramen.

Brauner lockte Lang nach Europa zurück und ließ ihn die Abenteuerfilme "Der Tiger von Eschnapur" und "Das indische Grabmal" inszenieren. Siodmak vertraute der Produzent die Verfilmung von Gerhart Hauptmanns Theaterstück "Die Ratten" an und gewann damit 1955 bei der Berlinale den Goldenen Bären.

Video (4:13) »Filme, die bleiben«
Artur Brauner produzierte nicht nur den letzten Film mit Romy Schneider, sondern leistete mit seinen Filmen auch einen wichtigen Beitrag zur Aufarbeitung des Zweiten Weltkriegs. Sehen Sie hier eine Werkschau anlässlich seines 100. Geburtstags.

Der Berserker Brauner, der Schlafen für eine Sünde hält und beteuert, in 100 Jahren keinen einzigen Tag Urlaub gemacht zu haben, hatte den Traum, den gewaltigen Riss, den die Vertreibung vieler, vor allem jüdischer Filmkünstler im deutschen Kino hinterlassen hatte, wenigstens ein Stück weit wieder zu schließen.

Die Weltmachtstellung, die Hollywood nach dem Krieg immer mehr ausbaute, verdankte es nicht zuletzt der Emigration zahlloser Filmkünstler aus verschiedenen Ländern Europas, die von den Nazis besetzt oder bedroht worden waren. Hitler hat viel dazu beigetragen, Hollywood zu dem zu machen, was es bis heute ist.

Damit wollte sich Brauner nicht abfinden. Seine Firma wurde eine Traumfabrik, die wie am Fließband Filme herstellte. In den Spandauer Studios entstanden bis zu 25 Produktionen pro Jahr. Brauner selbst nennt die meisten von ihnen "Konsumfilme", mit nüchternem Blick, aber auch mit Stolz auf gutes Handwerk. Der Eskapismus, der Wunsch, der Wirklichkeit im Kinosessel für zwei Stunden zu entrinnen, ist in seinen Augen ein Grundbedürfnis des modernen Menschen und die Lebensversicherung des Produzenten. Die Regisseure des Neuen Deutschen Films, die ihn in den Sechzigerjahren zum "Schnulzenkartell" und zu "Opas Kino" zählten, nannte er "Bubis".

Heute gingen Regisseure und Produzenten oft kein Risiko mehr ein, schreibt er. "Man muss sich daher nicht mehr am Publikumsgeschmack orientieren. Man kann sich als Filmemacher sozusagen selbst verwirklichen, komplett an dem vorbei, was die Menschen sehen wollen und was sie berührt."

Brauner war auch immer ein volltönender Lautsprecher in eigener Sache, ein Selbstdarsteller, der keinerlei Scheu vor dem Chargieren zeigte. Seine Auftritte vor Gericht sind legendär. Egoman und amüsant kämpfte er für seine Interessen; nicht nur sein Kino, auch er selbst hatte hohen Unterhaltungswert.

Der clevere Geschäftsmann Brauner fing früh an, die Gewinne aus seinen Filmen in Immobilien anzulegen. Die Charlottenburger Otto-Suhr-Allee wurde im Volksmund zeitweise Atze-Brauner-Allee genannt. 59 Immobilien musste er 2007 verkaufen, um Schulden zu begleichen. Und er geriet wegen Scharmützeln mit Berliner Finanzämtern und dubioser Konten in der Schweiz in die Schlagzeilen.

Brauners Gesamtwerk ist das Ergebnis einer jahrzehntelangen Mischkalkulation aus Geld und Gewissen. Mit den Gewinnen aus seinen "Konsumfilmen" finanzierte er die Projekte, die ihm besonders am Herzen lagen und die oft vom Holocaust handelten. Dabei fühlte er sich von der deutschen Filmbranche wiederholt alleingelassen. Seine Produktion "Hitlerjunge Salomon" (1990) zum Beispiel erzählt von einem Juden polnischer Herkunft, der sich als Deutscher ausgibt und den Holocaust überlebt. Der von der Regisseurin Agnieszka Holland inszenierte Film gewann 1992 einen Golden Globe. Doch das deutsche Auswahlkomitee nominierte ihn nicht für den fremdsprachigen Oscar.

Auch heute sei das deutsche Volk für einen solchen Film nicht reif, glaubt Brauner. Ein Film über den Holocaust erreiche meist nur bis zu 60 000 Zuschauer, "wenn der Regisseur nicht gerade Polanski oder Spielberg ist, die natürlich mit ganz anderen Mitteln arbeiten".

Brauner wollte lange Zeit das Leben des deutschen Industriellen Oskar Schindler verfilmen, der mehr als tausend Juden vor dem Tod in der Gaskammer gerettet hatte. Die Kulissen, so Brauner, seien schon gebaut gewesen. Doch die deutsche Filmförderungsanstalt habe ihm die Unterstützung versagt. Dann sei ihm Steven Spielberg zuvorgekommen.

Vor drei Jahren schrieb Brauner in einem Leserbrief an den SPIEGEL, er träume "beinahe jede Nacht von dem Versuch, Hitler zu töten. Anscheinend hat mein Haupthirn noch nicht erfasst, dass Hitler bereits tot ist. Eigenartigerweise werde ich immer wach, wenn ich in seiner Nähe stehe und ihn mit einem Ziegelstein erschlagen will. Die Versuche, durch Einnahme von Schlaftabletten oder Baldriantropfen ungestörte Nächte zu erreichen, schlugen bisher fehl".

Der heutige Rechtsextremismus und Antisemitismus besorgen ihn zutiefst. Auf seinen Film "Morituri", der 1948 abgelehnt und boykottiert worden sei, würde "die Masse" heute ebenso reagieren, glaubt er, "nicht mehr anonym oder im Stillen wie noch vor zwei, drei Jahrzehnten, sondern ganz offen antisemitisch".

Diese Äußerungen von einem Juden, der seit mehr als 70 Jahren in Berlin lebt, stimmen nachdenklich. Vor allem dann, wenn man sie mit den Hoppla-hier-komm-ich-Auftritten des früheren Brauner vergleicht. Deutschland kann sich nicht damit trösten, dass diese Verbitterung vor allem an Brauners Alter liege. Nicht nur er, auch das Land hat sich verändert.

Seine Memoiren "Mich gibt's nur einmal" veröffentlichte er bereits 1976, vermutlich in der Annahme, dass er nicht alt werden würde. Filmproduzent zu sein sei aufreibend, schrieb er damals, ein Beruf mit der höchsten "Sterblichkeitsrate".

Bei ihm jedenfalls beißt der Zahn der Zeit bis heute auf Granit.

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Dieser Beitrag erschien zum ersten Mal in der SPIEGEL-Ausgabe 31/2018.
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