Jürgen Drews erklärt sein Lächeln. An diesem Nachmittag im schattigen Hof seines Hauses in einer Gated Community in Santa Ponça hat er Kirschen gegessen und von Les Humphries erzählt, von Dieter Thomas Heck und Thomas Gottschalk. Er hat seine Frau Ramona "Engel!" gerufen und, nachdem sie ihm das Banjo aus dem Schlafzimmer geholt hatte, "Take Your Pick" auf dem Banjo gespielt. Wenn er aber ganz entspannt einfach nur sitzt und vor sich hin starrt, versonnenfinstert sich sein Gesicht. Dann tritt eine grimmige Traurigkeit zutage, "die eigentlich gar nicht meine Gemütsverfassung ist". Deshalb habe er sich schon als junger Mann dieses Lächeln angewöhnt, er könne es gleich mal vormachen, "hier und jetzt".

Kurz dreht er sich weg wie ein alternder Theaterschauspieler, der sich innerlich sammeln muss. Als er sich wieder zuwendet, überstrahlt ein breites Grinsen den ganzen Mann, fallen die Jahre und Jahrzehnte von ihm ab wie welke Blätter. "Wenn ich dieses Lächeln habe", sagt er lächelnd, "dann komme ich automatisch gut drauf, das wirkt zurück aufs limbische System. Ich kann mich selbst in gute Laune versetzen."

Dieses Lächeln ist sein Markenzeichen, sein Schild und Wappen gegen die Welt. Und es ist, in gewisser Weise, auch der Schlüssel zu jenem virtuellen Mallorca, als dessen Monarch er amtiert.

Seine Königswürde verdankt Jürgen Drews, 74, einer launigen Bemerkung von Thomas Gottschalk vor 20 Jahren. Bei der ersten Ausgabe von "Wetten, dass...?!" in der Stierkampfarena von Palma stellte ihn der Moderator als "König von Mallorca" vor. Und wie mit allem, was ihm das Leben bisher in den Schoß warf, hat Jürgen Drews seitdem auch mit dem ironischen Adelstitel geschickt gewuchert.

Drews ist der deutsche König einer exterritorialen Partyprovinz. "Malle", nicht Mallorca. Schauplatz einer virtuellen Landnahme durch teutonisches Feiervolk. Weil die korrekte Adresse am Strand südlich von Palma mit alkoholschwerer Zunge kaum auszusprechen ist, kennt man das berüchtigte Unterhaltungsindustriegebiet nicht als Balneario – sondern als "Ballermann". Es ist der Ort, an dem Deutschland sich selbst in gute Laune versetzt.

Wo eine ganze Gesellschaft sich locker macht, werden ihre Verkrampfungen und Neurosen besonders gut sichtbar. Und auch das soziale Gefälle zwischen Arm und Reich, die kulturelle Kluft zwischen Stadt und Land, die tägliche Tyrannei der Arbeit. Im "Bierkönig", im "Oberbayern" oder im "Mega-Park" sind alle Menschen gleich, ist immer Provinz und auch Entspannung das Ergebnis dionysischer Disziplin.

"Er ist wirklich der König" SPIEGEL-Mitarbeiter Arno Frank über seine Betrachtungen der Feierkultur auf Mallorca und seine Begegnung mit Jürgen Drews
MARCUS SIMAITIS / DER SPIEGEL
"Er ist wirklich der König" SPIEGEL-Mitarbeiter Arno Frank über seine Betrachtungen der Feierkultur auf Mallorca und seine Begegnung mit Jürgen Drews

Hier braucht es ambulante Physio- und Psychotherapeuten, die ihr Handwerk wirklich verstehen. Sie heißen Jürgen Drews oder Mickie Krause, Mia Julia oder Tim Toupet, Peter Wackel oder Melanie Müller. Im Maschinenraum von "Malle" sind diese Partysänger, Entertainer, "Acts", Starlets und Fernsehgesichter unermüdlich mit der Produktion dessen beschäftigt, wonach der Deutsche sich am meisten sehnt: Stimmung. Das ist Arbeit. Es ist laut, und es ist nicht schön.

Immerhin kostet es keinen Eintritt, die Gagen der Künstler – zwischen 300 und 10.000 Euro pro Auftritt – finanzieren die Klubs zumeist über eine Gastronomie, die angeheizt werden will. Zu erleben ist diese hochtourige Maschine beispielsweise im "Bierkönig", einem dystopisch wuchernden Fachwerkverhau an der Schinkenstraße.

Pünktlich um Mitternacht bahnt sich die zierliche Sängerin ihren Weg durch ein feuchtes Dickicht aus wippenden Bierbäuchen und tätowierten Oberarmen. Noch hat es Melanie Müller nicht auf die Bühne geschafft. Es gilt, einen letzten Absatz zu überwinden. Müller ist schmächtig und der Absatz hoch. Von oben reicht ihr endlich ein Mitarbeiter die Hand. Von rechts greift ein Fremder unter ihrem ausgestreckten Arm hindurch, ein unbeholfener Umarmungsversuch im Gedränge.

Mit einem routinierten Ellbogencheck hält Müller sich den Mann vom Leib. "Es wird laut!", ruft sie schon ins Mikro, während sie noch auf die Bühne gezogen wird: "Es wird laut! Es wird nicht schön! Okay, Bierkönig, die Hände nach oben! Ich will euch sehen!"

Und dann federt sie über die Bühne, Turnschuhe von Converse, abgeschnittene Jeans, ein T-Shirt von "Hello Titty". Zu Musik vom Band hechelt und hampelt sie sich durch den Refrain ihrer aktuellen Single: "Der eine macht nur Party von Freitag bis Montag, nicht bei uns, denn für uns gibt's kein' Schontag, Dienstag bis Donnerstag glühen wir vor, und ab Freitag nur noch volles Rohr." Im Hintergrund bewegen sich Go-go-Tänzerinnen synchron zum Refrain: "Malle muss laut, Malle muss geil, und zusammen geh'n wir alle steil!"

Die Allgegenwart der Tänzerinnen ist ein cleverer Beitrag zur erstaunlichen Friedlichkeit der Massen, die hier hindurchgeschleust werden. Weswegen kommt es auf dem Dorffest zur Prügelei? Weil ein junger Mann die Freundin eines anderen jungen Mannes zu lange angeschaut hat. Hier hingegen sind Blitzableiter mit Idealmaßen immer in Blickweite. Das entspannt die Lage.

Partytouristen in Arenal: "Saufen mit Niveau"
Marcus Simaitis / DER SPIEGEL
Partytouristen in Arenal: "Saufen mit Niveau"

Müller ruft in die Menge: "Wo sind meine Mädels?" und "Wo sind meine Jungs?", denn der Ballermann ist eine herzlich heteronormative Angelegenheit. Mädels wie Jungs hampeln volles Rohr und gehen hechelnd steil. So soll es sein, so ist es gedacht.

Melanie Müller stand unter dem Namen Cataleya Young für erotische Fotos und lag als Scarlet Young für Filme wie "Sexy Lady Gangbang Style" vor der Kamera. Danach flipperkugelte sie durchs Privatfernsehen. Für Vox nahm sie an "Das perfekte Dinner" teil, bei RTL war sie Kandidatin in "Der Bachelor". Als sie 2014 vom Publikum zur "Dschungelkönigin" gekürt wurde, hatte sie in der Partyszene von Mallorca längst Wurzeln geschlagen. Das ist der Jackpot.

Hinten bei den Mülltonnen, wo ein Mitarbeiter gerade das bunte Plastikgestrüpp gebrauchter Strohhalme vom Eimersaufen entsorgt, macht Müller keinen sonderlich zynischen Eindruck. Sie wirkt nach ihrem Auftritt leicht aufgekratzt und dabei, wie alle Partysänger hier, nüchtern und diszipliniert. "Was heißt Disziplin? Schlaf. Man braucht Schlaf, wenn man diesen Job anständig machen will. Manchmal geht man hier auch angeschickert rein." Wer sich ohne Ironie als Star präsentiert, bekommt das schnell zu spüren – und ist raus, auf allen vieren.

B-, C- oder D-Prominente auf ihrem Weg das Alphabet abwärts hat der Ballermann schon viele gesehen. Die werden nach unten durchgereicht und verschwinden bald "im Orkus", wie Drews das nennt. Die Kunst besteht darin, die Existenz im Rampenlicht zu verstetigen.

Bisweilen sind "Bierkönig" oder "Oberbayern" noch immer Abklingbecken für komatöse Karrieren. Sie können aber auch Durchlauferhitzer sein für den Weg auf die winterliche Seite dieser Welt, zum Après-Ski in Österreich. Weshalb es in dieser Branche von Vorteil ist, sich von unten nach oben gearbeitet zu haben.

Schlagerstar Müller
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Schlagerstar Müller

Mit Betonung auf "Arbeit", wie etwa Julian Benz sie geleistet hat. Der 27-jährige Sport- und Fitnesskaufmann aus dem sauerländischen Willingen arbeitet mittlerweile in Vollzeit als Partysänger. Er fühlt sich "wie der kleine Junge im Stadion in der Fankurve, der plötzlich selbst auf dem Platz stehen darf".

Hinein komme man mit "ehrlicher Arbeit, einem Hit oder TV-Präsenz". Er selbst habe jahrelang "Klinken geputzt" – und kann sich jetzt über seinen Hit freuen. "Für immer Urlaub, für immer alles geben", singt er da auf Basis eines alten italienischen Schlagers von Ricchi & Poveri: "Wir ha'm geschuftet, und zwar das ganze Jahr, jetzt gibt's nur Vollgas, das ist der ganze Plan", und das dürfte auch Benz' Plan sein.

Sänger Drews nach seinem Auftritt
Marcus Simaitis / DER SPIEGEL
Sänger Drews nach seinem Auftritt

Tobias Riether ist schon da, wo Benz hinwill – und hat doch noch einen Fuß im Alltag. Denn Riether, 34, arbeitet als Zahnarzt in Süßen, einer Kleinstadt am nördlichen Rand der Schwäbischen Alb, 10.000 Einwohner. Bohren, Prophylaxe, Wurzelkanalbehandlungen. Jeden Mittwoch um 16 Uhr legt er den Bohrer beiseite und fährt nach Stuttgart zum Flughafen.

Eine halbe Stunde dauert das, eingecheckt hat er schon per Handy. Die Sicherheitskontrolle nimmt er kaum mehr wahr, so oft hat er sie schon durchlaufen. Sein Gepäck beschränkt sich ohnehin auf eine kleine Tasche mit Laptop. Er fliegt entweder mit Laudamotion oder Eurowings. Die Mitarbeiter kennen ihn, er kennt die Mitarbeiter.

Meistens sitzt Riether in Reihe zwölf und vertreibt sich die Flugzeit von zwei Stunden mit Reiseplanung, Pressetexten oder Vorbereitungen auf den nächsten Tag in der Praxis. Alles, was man offline machen kann. Oft sind Urlauber an Bord, die sich schon unterwegs mit Bier in Feierlaune bringen, ihn erkennen und wollen, dass er mitfeiert. Da ist er schon nicht mehr Tobias Riether, der Zahnarzt. Er ist in Transit, seine Metamorphose beginnt. Dann fällt ihm auch das Arbeiten schwerer, selbst wenn er nichts trinkt.

Nach der Landung in Palma de Mallorca steigt er in ein Taxi, das ihn für 18,50 Euro in zehn Minuten ans Ziel seiner Reise bringt, die Carrer del Pare Bartomeu Salvà – deutschlandweit besser bekannt und berüchtigt als "Schinkenstraße". Hier hat Riether ein Apartment, in dem er sich duscht und umzieht. Turnschuhe, Lederhose, enges Hemd.

Wenn er pünktlich um Mitternacht endlich den letzten Absatz hinauf zur Bühne nimmt, ist er nicht mehr Tobias Riether. Jetzt ist er Partysänger "auf Montage", seit 13 Jahren im "Bierkönig" etabliert, Interpret solider Stimmungslieder wie "Saufi Saufi", "Der Bass muss ficken" oder "Aua im Kopf". Der Tobee. Unter dem rechten Auge hat Riether ein Feuermal, das auf seinen offiziellen Fotos mitunter wegretouchiert ist. Irritationen, auch kosmetische, schaden dem Geschäft.

"Mein Job ist es, gute Laune zu verkaufen", sagt Riether, "Vollgasstimmung", und das sehr schnell, schon in den ersten Sekunden bei jedem seiner 120 Auftritte im Jahr: "Du musst mit den Augen treffen, sonst klappt's nicht." Lange vor Helene Fischer, glaubt Riether, habe DJ Ötzi den Popschlager "zurückgebracht zu den jungen Menschen". Seitdem ist das Genre beherrscht von Volksliedern oder Kinderliedern, mit einem Technobeat als Turbolader. Und seitdem hat es der reine Schlager schwer, auch in Deutschland, abseits entsprechender Festivals noch Fuß zu fassen. Wer für ein Schützenfest das Zelt füllen will, der bucht lieber Hochprozentiges: "Dann hat er Party."

Schließlich sind es Konzerte, mit denen der normale Musiker überhaupt noch Geld verdient. Für die Branche der Partymusik hat die Presse längst aufgehört zu existieren. Das Radio ist drittrangig, selbst das Fernsehen verliert an Wert. Popularität bemisst sich an der Zahl der Abonnenten bei Instagram, der Follower bei Facebook.

Selbst ein Streamingdienst wie Spotify, von Musikern sonst argwöhnisch betrachtet, versetzt Partymusiker in Entzücken. Songs, die "funktionieren", spielen dort Geld ein. Auch Riether alias Tobee checkt jede Woche bei Spotify die eigene Aktie: "Wo steht der Krause, wo der Drews? Welcher Song ist gestiegen, welcher gefallen?" So kann er sein Produkt fortwährend optimieren: "Wenn ich nach drei Liedern in einem bestimmten Stil keine Streamings habe, weiß ich: Das ist Schrott."

Schlagerstar Tobee "Der Bass muss ficken"
Marcus Simaitis / DER SPIEGEL
Schlagerstar Tobee "Der Bass muss ficken"

Die Masse macht's, und für Riether hat das auch etwas Egalitäres. Nicht auszuschließen, dass Touristen auf Mallorca die Fresken in der Kuppel der Ermita de Betlem studieren oder sich von den Winzern in der Serra de Tramuntana in die Kunst des Kelterns einweisen lassen. Am Ballermann aber wird niemand gefragt, was er darstellt, verdient oder beruflich so macht. Höchstens, ob er noch ein Bier möchte.

Für die Dauer der balearischen Bacchanale zumindest ist alle Ungleichheit aufgehoben. Alles, was zählt, ist der Wille zur unbedingten Ausgelassenheit. Julian Benz sagt: "Wir haben Urlauber vom Hartz-IV-Empfänger bis zum hochrangigen Rechtsanwalt, die hier vier Tage lang die Sau rauslassen. Du wirst nicht danach beurteilt, welcher Schicht du angehörst. Du gehst einfach rein in den 'Mega-Park' oder 'Bierkönig' und hast eine gute Zeit."

"Es gibt keine demokratischere Musik als diese", meint auch Michael Rötgens, 52. "Entweder es funktioniert. Oder es funktioniert nicht." Hin und wieder mischt sich der Mann mit den kurzen Rastalocken unter das mallorquinische Feiervolk und beobachtet das Treiben mit stiller Genugtuung.

Als Musikproduzent ist er auf Partymusik spezialisiert, monatlich verlassen bis zu 40 Songs seine Klangfabrik in Köln. Kaum ein Partymusiker, der sich nicht schon von Rötgens die Titel hat schreiben und produzieren lassen. Besuche auf "Malle" dienen bei ihm der Recherche: "Wie reagieren die Leute? Wo singen sie mit, wo nicht?"

Im Saal kümmert niemanden, dass Partymusik unter Musikfreunden als indiskutabel und anrüchig gilt. Sie verhält sich zu anderen Genres wie Pornografie zu Erotik. Kaum jemand würde sich öffentlich dazu bekennen, und doch verraten die Zugriffszahlen im Internet, dass die Nachfrage gigantisch ist. Partymusik kennt keine Umschweife, keine Subtilität, zielt auf Erregung und zugleich schnelle Befriedigung sehr elementarer Bedürfnisse. Rötgens bestreitet das nicht, auch wenn ihm "McDonald's" als Vergleich lieber ist.

Erklärtes Ziel ist nicht die schöne Erinnerung, sondern ihre vollständige Tilgung.

Rötgens kommt aus dem Punkrock, hat später House produziert und sieht darin keinen Widerspruch zu seiner jetzigen Tätigkeit, im Gegenteil: "Im Punk gibt es auch simple Melodien und vier Akkorde, und aus dem House kommen die Beats." Auch sei das Genre wesentlich diverser, als es auf den ersten Blick erscheine. Manche Titel seien schlagerlastig, andere bedienten sich bei Polka oder Walzer: "Wer Hip-Hop macht, macht nur Hip-Hop."

Wenn es eine Formel für den todsicheren Partyhit gibt, dann kennt sie Rötgens. Wenn er sie kennt, will er sie nicht verraten: "Es gibt keine Formel", behauptet er. Allerdings seien die Texte wichtiger, als es scheinen mag. Natürlich gehe es vor allem um Alkohol, aber das sei beim Irish Folk auch nicht anders. Was es brauche, das sei "ein Claim", eine Zeile, die sich auch mit zwei Promille noch mitgrölen lässt. Und mehr als das: "Die Leute wollen sich auch gegenseitig ansingen."

Tatsächlich ist das Gemeinschaftsstiftende auch an der Strandpromenade von Arenal nicht zu übersehen. Mühelos ließe sich hier eine kleine Kulturgeschichte bedruckter T-Shirts schreiben, mit denen sich die einzelnen Feiergruppen beiderlei Geschlechts für ihre Expeditionen in die alkoholische Außeralltäglichkeit uniformieren.

"Du musst nicht weglaufen, ich kann dich schön saufen" steht da, "Saufen mit Niveau", "Kornröschen" oder "Geh weg, du bist kein Bier". Das sind Claims, wie sie Rötgens vorschweben. Erklärtes Ziel am Ballermann ist auch nicht die "schöne Erinnerung", sondern, im Gegenteil, das Wegballern jeder Erinnerung, ihre vollständige Tilgung. Das drückt sich nicht nur im zombiehaften Wanken und den stieren Blicken ganzer Reisegruppen aus, sondern auch in den Mottos auf ihren Hemden: "Wo war ich in der Nacht von Montag auf Mittwoch?" oder: "Wer sich erinnert, war nicht dabei!"

Es ist dies vielleicht der eigentliche und einzige Imperativ am Ballermann: Enjoy! "Malle" bedeutet nicht die vorübergehende Befreiung von traditionellen Zwängen oder Rollenmustern, sondern gerade die vollständige und lustvolle Unterwerfung unter das Übliche. Es ist nicht gestattet, nicht zu genießen. Und Genuss ist Vergessen der grimmigen Traurigkeit, ist harte Arbeit also an der zeitweiligen Auslöschung des Ich in Suff und "Saufi Saufi". Urlaub und Vollgas sind eins. Immer lächeln.

Hier trifft sich der länd-liche Raum, abzulesen an den Shirts der Fußball- und Landfrauenvereine.

Gute Laune hat auch Mia Julia, 32, die es aus dem Filmgeschäft ("Pure Lust", "Das Sennenlutschi") über Sat.1 ("Promi Big Brother") in den "Bierkönig" geschafft hat und dort mit Titeln wie "Wir sind Mallorca", "Wir sind die Geilsten" und "Wir sind wir (Mallorcastyle)" zum Stern der Stunde aufgestiegen ist.

Nicht zuletzt weil 2017 eine Gruppe von Skinheads mit "Ausländer raus!"-Rufen und dem Entrollen einer Reichskriegsflagge vom Balkon aus den Auftritt zu einer Naziparty umzuwidmen versuchte. Irritationen, auch politische, schaden dem Geschäft. Mia Julia unterbrach ihre Show: "Nimm sofort deine Scheißflagge da runter, Alter!", beschimpfte sie die Pöbler und orchestrierte endlich eine der schönsten Parolen, die jemals im "Bierkönig" zu hören waren: "Jeder Nazi ist ein Hurensohn!"

Eine deutsche Provinz ist "Malle" insofern, als sich hier der ländliche Raum trifft. "Alles, was Provinz ist, ist hier am Start", sagt Mia Julia. Abzulesen ist das an den Shirts der Fußball-, Ruder-, Schützen- und Landfrauenvereine. Partymusik wäre in einem urbanen Zentrum mit globalisierten Angeboten chancenlos: "In der Frankfurter Innenstadt hast du halt kein Schützenfest. Auch macht es auf dem Land schneller die Runde, wenn was los ist. In der Stadt geht das unter."

Weshalb Mia Julia in ihrem Programm das übliche "Wo sind meine Mädels?" um die Frage ergänzt hat, wer denn die Stadtkinder und wer die Dorfkinder im Publikum sind. Dorfkinder überwiegen, ausnahmslos. Und die suchen keine Fremde, sondern ein suggestives Surrogat der eigenen Heimat. "Jeder zweite Song handelt von Mallorca", sagt Mia Julia. "Nun tausche mal das Wort Deutschland mit Mallorca aus ... um Gottes willen!"

Die Sängerin gehört zu den wenigen Partymusikern am Platz, die noch höher hinauswollen. "Mia 2.0", das ist der Plan, mit Instagram und "auch mal einer Ballade" und bis zu 400 Auftritten im Jahr, den meisten davon in Deutschland und Österreich. Arbeit. Vollgas. Damit sie irgendwann unabhängig ist auch von den konjunkturellen Schwankungen, denen das Geschäft auf der Insel unterworfen ist.

Sollte eines Tages wirklich einmal das Kerosin fair besteuert werden, dürfte auch "Malle" ein – gelinde gesagt – spannender Strukturwandel ins Haus stehen.

Allzu viel Zeit haben gerade die Frauen am Ballermann ohnehin nicht, um ihre Schäfchen ins Trockene zu bringen. Kollegin und Konkurrentin Melanie Müller, 31, fragt sich jetzt schon: "Will eine 20-Jährige noch eine 50-Jährige da vorne sehen, die Party macht? Die Männer haben da eindeutig einen Vorteil."

Allen voran Männer wie Jürgen Drews. Der hat es sich in Santa Ponça gemütlich gemacht, abseits des Ballermann und in ironischer Halbdistanz zu sich selbst. Arbeit? Vollgas?

"Ich fahre von hier immer am Hafen längs, um mir die Kreuzfahrtschiffe anzugucken und so, dass ich eine halbe Stunde vor meinem Auftritt da bin, gehe manchmal oben ins Büro oder bleibe auch schon unten, gehe auf die Bühne, tralala, hopsasa, werde von der Security rausgezogen, da tritt nach mir gleich wieder jemand auf, keine Ahnung, und dann setze ich mich wieder ins Cabrio, fahre ganz langsam wieder zurück, habe mit überhaupt gar nichts irgendwas am Hut und denke daran, was für einen schönen Job ich doch habe."

Manchmal erklärt sich das Lächeln des Jürgen Drews ganz von selbst.

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Dieser Beitrag erschien zum ersten Mal in der SPIEGEL-Ausgabe 27/2019.

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