Als Debbie Harry an diesem Montagmorgen aufwachte, sich erinnerte, dass sie in Cincinnati war, den Hotelfahrstuhl von der zehnten Etage nach unten nahm und auf der Suche nach einer Tasse Kaffee versehentlich im zweiten Stock ausstieg, traf sie auf eine junge Frau.

Ob hier das Restaurant sei, fragte Harry. Es roch nach Essen.

Das Restaurant sei geschlossen, sagte die Frau und ging die Treppe herunter. Debbie Harry, so erzählt sie es später, habe der Frau folgen wollen, doch dann drehte sich diese noch einmal um. Mit einer glockenhellen Stimme, die Harry an einen Horrorfilm erinnerte, fragte die Frau, ob Harry Jesus als ihren Erlöser akzeptiert habe. What? Debbie Harry erschrak.

Sie hatte in letzter Zeit viel über ihr Leben nachgedacht, man hatte sie Sexsymbol genannt und Ikone der Punkbewegung, sie wurde mit ihrer Band Blondie weltberühmt, Andy Warhol hatte sie porträtiert, sie hatte Nummer-eins-Singles sowie nach eigenen Angaben 40 Millionen Platten verkauft. Sie hatte sogar das Heroin besiegt. An Jesus hatte sie dabei auch schon mal gedacht, aber dann kamen doch immer andere Erlöser um die Ecke.

Debbie Harry stammelte "Nein" in Richtung der Frau, drehte sich um und lief gebückt und mit kleinen Schritten die Treppe wieder hoch, bloß fort.

Sie ist 74 Jahre alt, im Sommer war sie noch mit Blondie auf Tour, und jetzt ist sie wieder unterwegs, allerdings nicht mit Blondie, sondern mit ihrer Autobiografie.

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Deswegen ist sie nach Cincinnati gekommen. Am Abend wird sie ihr Buch in der Walnut Hills High School präsentieren, es heißt "Face It". Harry sagt, sie habe Songs wie Blondies erste Single "X Offender" in 15 Minuten geschrieben, aber für diese Autobiografie habe sie Jahre gebraucht.

"Es war ein bisschen wie mit einer Gesichtstätowierung. Nachdem ich das Buch zugesagt hatte, dachte ich irgendwann nur noch: Oh Gott, was habe ich da getan!?"

Es ist nicht einfach, die eigene Musealisierung zu betreiben. Und es ist ebenfalls nicht einfach, das eigene Verhalten mehr als 40 Jahre später einem jungen Publikum zu erklären – zum Beispiel die Sache mit David Bowies Penis oder der Vergewaltigung durch einen Räuber in ihrer eigenen Wohnung. Aber dazu später. Die Welt ist eine andere, das Selbstverständnis junger Frauen ist ein anderes als 1977.

"Playboy"-Bunny Harry um 1970
Jeff Slocomb / interTopics
"Playboy"-Bunny Harry um 1970

Es fängt schon damit an, dass die Aula der Walnut Hills High School nicht gerade das CBGB ist. Im CBGB, einem Klub in Manhattan, ist Debbie Harry mit Blondie von Mitte der Siebzigerjahre an häufig aufgetreten, ebenso wie die Ramones, die Talking Heads oder Johnny Thunders and The Heartbreakers. Heute, mehr als 40 Jahre später, nach dem gesellschaftlichen Siegeszug von Punk, haftet dem Laden, der noch bis 2006 als Touristenmagnet weiterexistierte, eine museale Weltberühmtheit an.

Wenn man Harrys Autobiografie liest, verstärkt sich dieses Gefühl noch, weil die ganze Zeit historische Figuren des heutigen Kulturkanons wie Andy Warhol, David Bowie, Jean-Michel Basquiat oder Iggy Pop in relativ intimen Situationen auftauchen.

Angeblich hat Andy Warhol über Debbie Harry gesagt, wenn er für sich selbst ein Gesicht aussuchen könne, dann würde er Debbie Harrys wählen, und hat dann eine seiner berühmten Porträtserien von ihr angefertigt.

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Dieser Beitrag erschien zum ersten Mal in der SPIEGEL-Ausgabe 42/2019.
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