Dieses ausladende Lenkrad, die feinen Armaturen – heute sehen Autos aus wie Insekten oder Sahnetorten, das hier ist einfach elegant. Es fühlte sich an, als lenkte man ein Schiff durch ruhige See, behäbig und sanft, aber kontrolliert. Ich konnte immer besser Auto fahren als meine Männer, ich bin einfach eingestiegen und habe die Bewegungen genossen, kuppeln, schalten, die Pedale antippen, ganz leicht, es fühlte sich für mich natürlich an. Nicht viele Frauen fuhren in den Sechzigern in Deutschland Auto – und schon gar nicht so eins. Das war etwas Besonderes. Vielleicht hat mein damaliger Ehemann mir deshalb die Isabella geschenkt, weil er mich auch besonders fand.

Das Foto stammt aus dem Sommer 1961, ein herrlich sonniger Tag am Timmendorfer Strand. Ich bin mit einem Freund hingefahren, einem Fotografen, wir wollten mal raus aus der Stadt. Das Foto war seine Idee. "Beate, du bist so hübsch, das müssen wir festhalten", hat er gesagt. Ich habe mich schick gemacht, ein bisschen Schmuck, ein schönes Kleid und hohe Schuhe. Heute würde man mit solchen Absätzen nicht mehr Auto fahren.

Meine Ehe ging kurz danach auseinander, einen Sommer darauf. Das war nicht leicht für mich, die Familie meines damaligen Mannes war wohlhabend, und ich musste mich ab 1963 allein durchschlagen. Damals wurden geschiedene Frauen um die dreißig schräg angeguckt, das war nicht normal, damals blieb man zusammen. Auch mit prügelnden Männern. Nach der Scheidung sorgte ich für mich selbst, zapfte Bier in der Kneipe, arbeitete als Tankwartin und verkaufte Schnellkochtöpfe bei Karstadt. Ich eröffnete einen Fischhandel und lebte selbstständig. Das tue ich bis heute. Mein damaliger Mann ist tot, mein Freund, der Fotograf, auch, die Isabella habe ich meinem Mann bei der Scheidung zurückgegeben. Ich wohne jetzt allein in Hamburg-Altona. Das Foto bewahre ich in einer Box auf, mit vielen weiteren, ich schaue es mir nicht oft an. Aber wenn, dann kann ich heute, mit 86 Jahren, sagen: Beate, du warst eine richtig hübsche Deern.

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Dieser Beitrag erschien zum ersten Mal in der SPIEGEL-Ausgabe 49/2019.
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