Was auch immer der Brexit noch bringen mag, das sind die Bilder, die von dieser Woche bleiben werden: Wie Nicholas Soames, Winston Churchills Enkel, nach 36 Jahren den politischen Dienst quittiert – dabei erinnert er an seinen Großvater, dem einst ebenfalls Unrecht widerfahren sei, bevor er letztlich obsiegte. Wie Philip Hammond, ehemaliger Schatzkanzler und Inbegriff des Parteisoldaten, Boris Johnson mit bleichem Gesicht "den Kampf seines Lebens" ankündigt. Wie Phillip Lee, ein ehemaliger Staatssekretär, im Parlament vor den Augen seines Chefs zu den Liberaldemokraten überläuft.

Und dann ist da noch Jacob Rees-Mogg, im Kabinett für Parlamentsangelegenheiten zuständig, der sich in seinem stets übergroßen Zweireiher auf der Regierungsbank langmacht. Er schließt dabei demonstrativ die Augen, wohl um seine ganze Verachtung für das ewige Gequassel, diesen aus seiner Sicht vermutlich nutzlosen demokratischen Schnickschnack zur Schau zu stellen. Während seine Partei in ihre Einzelteile zerfällt, macht Rees-Mogg ein Nickerchen.

In diesem politischen Stillleben verdichtete sich am Dienstagabend das eigentliche Drama des unvereinigten Königreichs. Wenige Stunden später schmiss Premierminister Boris Johnson fast zwei Dutzend der angesehensten und prominentesten Tories aus der Fraktion, weil sie sich erdreistet hatten, ihn an demokratische Spielregeln zu erinnern. Und hier nun verhöhnte sein treuer Vasall Rees-Mogg, 50 Jahre alt, Multimillionär und Frontmann der EU-Hasser, nicht nur diese Parteifreunde, sondern den Parlamentarismus als Ganzes.

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Die Abgeordneten sollten – so wünschten sich das Johnson und seine Clique – fürs Erste nicht mehr gebraucht werden. Ein Volk und ein wild entschlossener Anführer: Das sollte nach dem Willen des Neuen in Nummer 10 Downing Street reichen, um das Land "zum großartigsten Ort auf Erden" zu machen.

"Das Volk gegen das Parlament", und "Parlamentsverräter" stand auf Schildern, die Johnsons Cheerleader draußen vorm Palast von Westminster schwenkten. Und: "Wir werden niemals kapitulieren". Das sind die Geister, die Johnson rief. Vorboten dessen, was nun noch kommen könnte.

Von Stunde zu Stunde graben sich Großbritanniens Politiker immer tiefer ein in die Schützengräben, die quer durch fast alle Parteien laufen. Bis Donnerstagabend konnte niemand seriös vorhersagen, wer am Ende dieses schmutzigen Kampfes noch aufrecht stehen wird. Eines Kampfes, der vermutlich in den gehässigsten Wahlkampf und die schäbigsten Neuwahlen münden dürfte, die das Königreich seit Langem gesehen hat.

Es ist ein Drama, das fast vergessen lässt, worum es eigentlich geht: um die Frage, ob Großbritannien am 31. Oktober den vertraglosen Bruch mit der EU wagt, wie Boris Johnson es offenbar will. Das britische Unterhaus hat dem nun vorerst einen gesetzlichen Riegel vorgeschoben. Und mit diesem Aufbegehren gegen einen Premierminister, der die gewählten Abgeordneten einfach übergehen wollte, nicht nur ein Zeichen für die parlamentarische Demokratie gesetzt. Es hat eine chaotische Scheidung von der EU zumindest ein Stück unwahrscheinlicher gemacht. Aber was nun?

Mit seinem rücksichtslosen Voranpflügen hat Boris Johnson, der 77. Premierminister Großbritanniens, eine der ältesten und ehrwürdigsten Parteien Europas tief gespalten. So tief, dass nicht zu erkennen ist, wie und wann sie sich von Boris, dem König der Zocker, wieder erholen soll.

Die parteiinterne Fehde über das Verhältnis zu Europa hat die Tories nahezu zerstört. Die Partei Margaret Thatchers, die Partei Harold Macmillans, die Partei Winston Churchills – von dem Boris Johnson sich bis in die Körpersprache hinein so viel Oberflächliches abgeschaut hat – existiert in ihrer bisherigen Form nicht mehr. Große Namen der Tories sind ausgestoßen worden aus der Fraktion, die sie selbst jahrzehntelang geprägt hatten. Männer wie Kenneth Clarke, der in mehreren konservativen Kabinetten gedient hat, und 13 weitere ehemalige Minister und Staatssekretäre.

"Es wäre traurig, wenn es nicht auch so unterhaltsam wäre"

SPIEGEL-Redakteur Maximilian Popp analysiert im Video die Chaostage in London - und prognostiziert, was die Briten noch erwarten wird.

An die Stelle der alten Partei ist eine Gruppe von Eiferern getreten, angeführt von Boris Johnson, deren Sprache und Vorgehen verblüffend anderen autoritären Populisten ähnelt, wie es sie in den USA, in Italien, Polen, Ungarn und anderswo auch gibt. Nur dass diesmal das selbst ernannte Geburtsland der modernen Demokratie von Demokratieverächtern ausgehöhlt wird, die sich selbst als die einzig wahren Demokraten bezeichnen. Sie wollen das Parlament ausschalten, um das Ergebnis eines Referendums durchzusetzen, dessen Fragestellung so vage gehalten war, dass niemand genau weiß, welchen Brexit die Briten eigentlich wollten. Von einem No Deal jedenfalls war niemals die Rede.

Unter dem Vorwand, den Volkswillen durchzusetzen, wird die "Mutter der Parlamente", das britische Unterhaus, von einem Teil ihrer Kinder misshandelt. Und niemand weiß, wen oder was diese Konservativen, die sich mit kriegerischer Rhetorik immer weiter aufputschen, noch willens sind zu zerstören, um ihr Ziel zu erreichen: ihre Nation vom "Joch" der Europäischen Union zu befreien – oder das, was am Ende noch übrig ist von dieser Nation.

Diese Gruppe steht für einen englischen Nationalismus, der die Fliehkräfte im Land stärkt, die Unabhängigkeitsbestrebungen der Schotten genauso anfacht wie die Vereinigungssehnsucht der nordirischen Republikaner. Gordon Brown, Schotte und vorerst letzter Labour-Premier, hatte bereits vor Wochen orakelt: Boris Johnson könnte "der letzte Premierminister des Vereinigten Königreichs" sein.

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Die neueste und bislang heftigste Eskalationsstufe im mehr als dreijährigen Brexit-Scharmützel hatte der 55-jährige Johnson noch vor dem Ende der parlamentarischen Sommerpause eingeläutet: Am Mittwoch vergangener Woche teilte er den verblüfften Abgeordneten des Unterhauses mit, dass er sie in Kürze in eine fünfwöchige Zwangspause schicken werde. Da sein Land die EU unter allen Umständen an Halloween, dem 31. Oktober 2019, verlassen werde, sei es an der Zeit, in Ruhe ein Regierungsprogramm für die Monate und Jahre danach zu erarbeiten.

Das war, wie so vieles im Leben des Boris Johnson, ein pinocchiohafter Umgang mit der Wahrheit. Den Parlamentariern war sofort klar, dass Johnson ihnen jede Möglichkeit rauben will, seine Brexit-Planungen zu torpedieren.

Rees-Mogg-Fotomontage Verachtung fürs Parlament
Rees-Mogg-Fotomontage Verachtung fürs Parlament

Die Angst des Regierungschefs vor dem 650-köpfigen Unterhaus ist begründet. Von seiner Vorgängerin Theresa May hat der ehemalige Außenminister eine fragile Koalition mit den nordirischen Nationalisten von der DUP geerbt, die nur noch eine Stimme Mehrheit hatte. May selbst hatte ihren mit Brüssel verhandelten Scheidungsvertrag dreimal im Parlament zur Abstimmung gestellt – und war dreimal gescheitert.

Zwei unversöhnliche Gruppen, die unter Missachtung jeder Parteiloyalität zusammenarbeiteten, hatten sie stets in die Zange genommen: auf der einen Seite EU-Freunde, die letztlich das Brexit-Votum rückgängig machen wollten – auf der anderen Seite radikale Freihandelsbefürworter, die insgeheim auf einen vertraglosen Bruch mit dem Staatenverbund, den sogenannten No Deal, spekulierten.

Der größte Frevel in den Augen der Brexit-Hardliner war die von May abgesegnete Notfalllösung – der sogenannte Backstop – für die irisch-nordirische Grenze, die künftig eine EU-Außengrenze sein wird. Der Backstop sieht daher vor, dass Nordirland bis auf Weiteres in der EU-Zollunion und in Teilen des Binnenmarkts bleiben würde, sollten sich das Vereinigte Königreich und die 27 verbliebenen EU-Staaten nicht zeitnah auf einen Freihandelsvertrag einigen können. Damit die von einem jahrzehntelangen Bürgerkrieg vernarbte Region weitgehend friedlich bleibt, wollen London, Dublin und Brüssel keinesfalls wieder Grenz- und Zollkontrollen einführen.

Die Brexit-Hardliner sehen im Backstop vordergründig "fortgesetztes Vasallentum" und einen Angriff auf die Unteilbarkeit des Königreichs. Tatsächlich fürchten viele aber mindestens genauso sehr, dass ihr Traum vom unbegrenzten Handel mit der ganzen Welt unerfüllt bleiben könnte.

Johnson, der zweimal gegen und einmal für Mays Scheidungsabkommen gestimmt hatte, war also gewarnt. Er entschied sich, anders als May, aber gegen jede Form der Kompromisssuche und schlug sich auf die Seite der Hardliner. Die EU ließ er wissen, dass er gar nicht erst verhandeln werde, sollte sie am Backstop festhalten – und zog schließlich aus, das Parlament mundtot zu machen.

Damit löste er eine politische Lawine aus, unter der er schon bald selbst begraben werden könnte.

Der Mann, der sich zum Brexit-Alleinherrscher machen wollte, ist am Ende dieser Woche nur noch ein kleiner König Gernegroß.

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Bereits Stunden nach Johnsons Ankündigung, das Parlament für fünf Wochen zu suspendieren, hatte sich der Widerstand formiert. Eine ganz große Koalition, bestehend aus Labour, fast allen anderen Parteien im Unterhaus und etlichen Tory-Rebellen, verständigte sich darauf, die verbleibenden Tage bis zur Zwangspause zu nutzen, um Johnsons Regierung per Eilgesetz einzuhegen.

Das Kalkül der sogenannten Rebellenallianz: Wenn es Johnson gesetzlich untersagt sein sollte, das Land am 31. Oktober ohne jede Vereinbarung aus der Europäischen Union zu führen, müsste er allen vollmundigen Ankündigungen zum Trotz in Brüssel um eine weitere Verschiebung des Austrittstermins um drei Monate bitten. Eine Demütigung, von der sich der neue Regierungschef vermutlich nicht mehr erholen würde.

Der Verdacht, dass Johnson und seine fast ausschließlich aus Hardlinern bestehende Regierung insgeheim auf ein No-Deal-Szenario hinarbeiten, steht in London und etlichen EU-Hauptstädten im Raum.

Zwar beteuert der Premierminister seit Wochen, die Brexit-Verhandlungen seines neuen Teams verliefen erfreulich und ein akzeptables Abkommen mit Brüssel sei "zum Greifen nah". Nur: Diese Einschätzung haben er und seine Hintersassen praktisch exklusiv. In Brüssel weiß niemand von "Fortschritten".

Bei seinen Antrittsbesuchen in Berlin und Paris tönte Johnson Ende August, seine Leute hätten neue technische Lösungen für die irisch-nordirische Grenze ausbaldowert, die den Backstop überflüssig machen würden. Diese seien "jederzeit einsetzbar". Bundeskanzlerin Angela Merkel öffnete den Briten daraufhin einen Spaltbreit die Tür: Wenn dem so sei, möge Johnson die Vorschläge binnen 30 Tagen auf den Tisch legen, dann werde man darüber reden. Aber bis heute hat London dem Vernehmen nach den Backstop-Ersatz noch in keiner EU-Hauptstadt präsentiert.

Am nächsten kommt dem Wunsch nach neuen Vorschlägen ein umfangreiches Konvolut, mit dem Johnson seit geraumer Zeit wedelt. Es wurde vom Thinktank Prosperity UK mithilfe von Johnson-Gewährsleuten erarbeitet. Allein die Zusammenfassung inklusive der Anhänge ist 88 Seiten lang.

Oppositionschef Corbyn (u. M.), Labour-Abgeordnete: Niemand glaubt Johnson
JESSICA TAYLOR / AFP
Oppositionschef Corbyn (u. M.), Labour-Abgeordnete: Niemand glaubt Johnson

Die Autoren beschreiben darin ein Grenz- und-Kontrollsystem, das aus zahllosen Einzelmaßnahmen besteht und noch an keiner Grenze dieser Welt ausprobiert wurde.

Arbeitnehmer und Händler, die künftig die Grenze passieren, sollen demnach in den Genuss "einer maximalen Fülle von Wahlmöglichkeiten" kommen. "Vertrauenswürdige Händler" (trusted traders) sollen in einem gesonderten IT-System gespeichert werden und Zölle überweisen. Checks für Lebensmittel und Tiertransporte sollen durch "mobile Einheiten" entfernt von der eigentlichen Grenze durchgeführt werden. Für den Klempner, der mit seinem Kleintransporter unterwegs ist, sollen Ausnahmeregeln geschaffen werden. Andere Unternehmer werden in dem Papier auf "existierende administrative Techniken" verwiesen.

Kurzum: Es handelt sich um einen bürokratischen Albtraum, der für kleinere Betriebe kaum zu bewältigen oder zu bezahlen wäre, weiten Raum für Missbrauch ließe, praktisch unkontrollierbar wäre und allen gegenteiligen Beteuerungen zum Trotz physische Kontrollen in der Grenzregion zur Regel machen würde.

Sogar die Autoren der Studie räumen ein, dass ihr Lösungsvorschlag alles andere als sofort umsetzbar sei. Allein für das System der "vertrauenswürdigen Händler" rechnen sie mit einer Einführungszeit von 12 bis 15 Monaten, andere Mechanismen, so heißt es lapidar, "könnten länger dauern". Alles in allem sollte das vielschichtige Programm "innerhalb von zwei bis drei Jahren voll einsatzbereit sein". Dumm nur: Bis Halloween bleiben nicht mal mehr zwei Monate.

Was also will Johnson? Will er wirklich mit der EU verhandeln? Oder nur so tun, als ob? Und dabei zusehen, wie die digitale Brexit-Uhr, die er sich auf seinen Kaminsims in Downing Street hat setzen lassen, unwiderruflich abläuft?

Einen Hinweis auf Johnsons wahre Motive lieferte diese Woche eine aufsehenerregende Geschichte, die ausgerechnet von seiner Haus-und-Hof-Postille "Daily Telegraph" verbreitet wurde. Demnach soll Johnsons Chefberater Dominic Cummings – Mastermind der erfolgreichen Brexit-Kampagne 2016 – intern verraten haben, die Verhandlungen mit der EU seien ein "reines Täuschungsmanöver". Eine Aussage, die Cummings im Gespräch mit dem SPIEGEL als "hundertprozentig falsch" zurückwies.

Abgeordnete May: Eine Ein-Stimmen-Mehrheit hinterlassen
HENRY NICHOLLS / REUTERS
Abgeordnete May: Eine Ein-Stimmen-Mehrheit hinterlassen

Allerdings haben er und sein Chef die Öffentlichkeit im Zusammenhang mit dem Brexit schon derart oft zum Narren gehalten, dass wenige ihnen glauben würden, auch wenn sie in diesem Fall die Wahrheit sprächen.

Die Aussicht auf einen No-Deal-Brexit scheint den Zocker in 10 Downing Street nicht zu schrecken, im Gegenteil. Johnsons eigener Beamtenapparat, die Opposition, die Bank of England, der Verband der britischen Industrie und etliche weitere Organisationen sagen Lebensmittelengpässe, Grenzchaos, zivile Unruhen, Milliardenverluste und eine mögliche Rezession voraus. Aber der Regierungschef und seine Regierung sind für Warnungen praktisch nicht mehr erreichbar. "Spielend" werde man mit einem No Deal fertigwerden, orakelt Johnson, der die ersten Wochen nach einem vertraglosen Bruch am liebsten mit einer Fahrt über Schlaglöcher vergleicht – ein bisschen holprig vielleicht, aber nicht dazu angetan, ihn vom großen Ziel abzubringen.

Wie konsequent das neue Kabinett die Realitätsverweigerung zum Regierungsprogramm erhoben hat, machte diese Woche einmal mehr Jacob Rees-Mogg deutlich. In seine wöchentliche Talk-Radiosendung "Ring Rees-Mogg" wählte sich der Neurologe David Nicholl ein. Der hatte an den No-Deal-Notfallplänen der Regierung, Codename "Yellowhammer", mitgearbeitet.

Im Fall eines vertraglosen Bruchs mit der EU drohten massive Engpässe bei lebensnotwendigen Medikamenten, so Nicholl. Er fragte den Minister, wie viele Tote er da für akzeptabel halte. "Es überrascht mich, dass ein Doktor in Ihrer Position sich an derartiger Angstmache beteiligt", antwortete Rees-Mogg. Daraufhin Nicholl: "Darf ich Sie daran erinnern, dass ich die Notfallpläne geschrieben habe?" Worauf Rees-Mogg schnippisch befand: "Nun, es waren offenbar keine guten Pläne" – er sei froh, dass dies nun "von anderen Leuten" erledigt werde.

Diese Mischung aus Herablassung und gespielter Sorglosigkeit versetzte zuletzt immer mehr Parlamentarier, darunter viele Tories, in helle Panik. Um vor der geplanten Schließung des Parlaments das Schlimmste zu verhindern, entschloss sich eine informelle Koalition daher zu einem ungewöhnlichen Schritt: Am Dienstag entrissen sie dem frischgebackenen Regierungschef die Hoheit über Gesetzgebungsverfahren, um einen vertraglosen EU-Austritt am 31. Oktober praktisch zu verbieten. "Nicht der beste Start für dich, Boris, was?", rief im Überschwang einer der Abgeordneten.

Tatsächlich gerät Johnson durch die Offensive des Parlaments massiv in die Bredouille. Immer und immer wieder hatte er zuletzt betont, dass er die EU "unter keinen Umständen" um eine Verlängerung bitten werde und dass sein Land an Halloween unabhängig sein werde, "komme, was wolle". Den Rebellen in den eigenen Reihen drohte er mit sofortigem Fraktionsausschluss, sollten sie gemeinsame Sache mit der Opposition machen.

Tory-Rebell Grieve: "Nichts mehr zu verlieren"
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Tory-Rebell Grieve: "Nichts mehr zu verlieren"

21 Konservative ließen sich davon nicht beirren und bereiteten ihrem Chef gleich im ersten Anlauf eine schmerzliche Niederlage. Kurz darauf ließ Johnson die 21 vor die Tür setzen. Churchill-Enkel Soames sprach von einem "Kriegsschicksal".

Kampflos würde sich Johnson nicht fügen, das war allen klar. Schon tags darauf warf er im Unterhaus einen Köder aus, von dem er hoffte, dass Jeremy Corbyn, Chef der oppositionellen Labour-Partei, ihn sofort schlucken würde: Er biete hiermit, so Johnson, Neuwahlen für den 15. Oktober an und hoffe auf die nötige Zweidrittelmehrheit der Abgeordneten. Tatsächlich ruft Corbyn seit drei Jahren bei jeder sich bietenden Gelegenheit nach Neuwahlen. Diesmal jedoch widerstand er.

Denn nach einem Neuwahlbeschluss hätte sich das Parlament praktisch sofort aufgelöst. Und auch die Abgeordneten wissen sehr genau um Johnsons eher lockeres Verhältnis zur Wahrheit. Ihr Verdacht: Wäre das Parlament erst einmal aufgelöst, könnte der Regierungschef den Neuwahltermin unter vorgeschobenen Gründen doch noch auf einen Tag nach dem 31. Oktober legen und als glorreicher Mr. Brexit in den Wahlkampf ziehen. Nichts liege Johnson ferner, beteuerten seine Sprecher. Niemand glaubte ihnen.

Und so ließen die Abgeordneten den zusehends aggressiv und fahrig auftretenden Premierminister am Mittwoch erneut auflaufen. Im Hauruckverfahren peitschten sie das No-Deal-Verhinderungs-Gesetz durch. Erst wenn es von der Königin unterschrieben und damit wasserdicht ist, wollen die Oppositionsparteien Johnsons Wunsch nach Neuwahlen entsprechen.

Manche in den Oppositionsreihen warnten zum Ende der Woche allerdings davor, Wahlen anzuberaumen, bevor auch die EU einer weiteren Verlängerung der Brexit-Frist zugestimmt hat. Deren Votum muss einstimmig sein – und nicht wenige argwöhnen, Johnson könne EU-Skeptiker wie etwa den Ungarn Viktor Orbán umgarnen, damit dieser Nein sagt. Damit wäre das Vereinigte Königreich am 31. Oktober raus, und es gäbe nichts mehr, was das Parlament dagegen tun könnte.

Boris Johnson, der mit überschäumendem Selbstbewusstsein ausgestattete Zocker, hat sein Blatt damit bereits wenige Wochen nach seinem Amtsantritt ausgereizt, so scheint es. Er könnte nun wirklich noch ernsthaft versuchen, bis Mitte Oktober ein neues Abkommen mit der EU auszuhandeln. Aber wie das sein neuer Chefunterhändler David Frost schaffen soll, weiß niemand. Zudem führt Johnson nach dem Überlaufen von Philip Lee und dem Massenrauswurf von Parteifreunden seit dieser Woche nur noch eine Minderheitsregierung. Und Labour-Granden haben bereits angekündigt, ihn ab sofort "in seinem eigenen Saft schmoren zu lassen", so Parteichef Jeremy Corbyn.

Labour-Granden wollen Johnson ab sofort "in seinem eigenen Saft schmoren lassen".

Womöglich hat er das sogar eingepreist in sein Glücksspiel. Kommt es zu Neuwahlen noch im Oktober, wird er mit allen, auch schmutzigen, Mitteln versuchen, sie zu gewinnen, um das verhasste No-No-Deal-Gesetz mit neuer Mehrheit wieder abzuschaffen. Johnson hat das Ende des strikten zehnjährigen Sparkurses versprochen, 20 000 neue Polizisten und Milliardengeschenke für das ganze Land. Bereits am Donnerstagabend absolvierte er in West Yorkshire, vor einer lebenden Wand aus Polizeirekruten, seinen ersten Wahlkampfauftritt. Dabei wiederholte er sein Versprechen, niemals klein beizugeben: Er wolle "lieber tot im Straßengraben liegen", als in Brüssel um eine Verlängerung der Brexit-Frist nachzusuchen.

In den Umfragen liegt seine Partei zwar vorn. Nur: Um nicht etliche Wahlkreise an die Brexit-Partei des Politverführers Nigel Farage zu verlieren, müsste er seinem Volk klar und unwiderruflich einen No-Deal-Brexit versprechen. Das sei sein Preis für einen "Nichtangriffspakt", hat Farage bereits wissen lassen. Ein endgültiger harter Bruch mit der EU sei Johnsons Chance, als Held in die britische Geschichte einzugehen – "es wäre uns ein Vergnügen, ihn zum Helden zu machen".

Finden die Wahlen dagegen im November oder noch später statt, hätte Johnson das Versprechen, für das er sogar mit seinem Leben gebürgt hat, gebrochen. Farage und die große Masse der Wutbriten wären außer sich und würden die Tories als "Verräter" des Vaterlandes durch die Arena führen.

Johnson hat sich für diesen Fall bereits gewappnet. Ein ums andere Mal hat er die Opposition und die eigenen EU-freundlichen Tories mit kriegerischer Rhetorik als "Kollaborateure", ihr Vorgehen als "Kapitulation" gebrandmarkt. Die EU hat er wiederholt der Sturheit geziehen. Das sind die Feinde, gegen die er im Wahlkampf sein Volk in Stellung zu bringen gedenkt. Die Briten und ich gegen den Rest, das wird seine zentrale Wahlkampfstrategie sein.

Es gibt überraschend viele Menschen im Land, die seine Berserker-Politik überaus schätzen. Nach Umfragen wünscht sich ein großer Teil der Menschen einen "starken Anführer", der bereit ist, herkömmliche Regeln zu brechen.

Johnson wird, da kann man sicher sein, die Wut schüren wie kaum einer seiner Vorgänger. Und dabei Anleihen bei seinem neuen Freund in Washington nehmen, von dem er bereits als "Britain Trump" geadelt wurde.

Das neue Kabinett hat die Realitätsverweigerung zum Regierungsprogramm erhoben.

Die große Frage wird allerdings sein, mit wem Boris Johnson die kommende Schlacht eigentlich zu gewinnen gedenkt, um nicht als der am kürzesten amtierende Premierminister aller Zeiten in die britische Geschichte einzugehen. Schon vor der Nacht der langen Messer am Dienstag waren der großen alten "Conservative and Unionist Party" reihenweise prominente Leute abhandengekommen.

Eine Gruppe von Abgeordneten um die ehemalige Industrie-Staatssekretärin Anna Soubry (siehe Interview links) hat vor Monaten mit ehemaligen Labour-Leuten eine eigene Fraktion im Parlament gegründet. Sogar Johnsons eigener Bruder Jo ist am Donnerstag als Staatssekretär zurückgetreten, weil er den Konflikt zwischen "Familienloyalität und dem nationalen Interesse" nicht mehr aushielt. Und hoch im Norden hat mit Ruth Davidson gerade die schottische Tory-Chefin und eine der größten Hoffnungsträgerinnen der Moderaten den Dienst quittiert. Sie galt als Eine-Frau-Bollwerk gegen die wieder stärker werdende Scottish National Party. Deren Führung kann es nach Johnsons spalterischem Auftreten kaum noch abwarten, die Schotten ins nächste Unabhängigkeitsreferendum zu führen.

Das Rumoren in Johnsons Partei ist nicht mehr zu überhören. Mehr als 100 Tory-Abgeordnete haben den Rauswurf der alten Fahrensleute in einem Schreiben als "prinzipiell falsch" verurteilt und Johnson gefragt, ob er in seiner Partei noch "die volle Bandbreite konservativer Ansichten duldet". Moderate Kräfte fürchten das Schlimmste, die Risse gehen durchs gesamte Königreich.

In London dagegen sitzen inzwischen Menschen an den Schaltstellen der Tory-Partei, denen praktisch kein Preis für den Brexit zu hoch ist. In atemberaubendem Tempo rückt das, was von den Konservativen geblieben ist, an den rechten und populistischen Rand. Die Anti-EU-Brigade der Partei, vor wenigen Monaten noch Minderheit, ist jetzt Mainstream. Kenneth Clarke, der als bester Premierminister gilt, den Großbritannien nie hatte, hat es auf den Punkt gebracht: Die Tories seien eine "umetikettierte Brexit-Partei" geworden. Und an ihrer Spitze nun Johnson, ein Mann, der mit dem Versprechen angetreten war, sein Land und seine Partei zu "vereinen".

Ein paar Wochen ist das erst her.

Einer derer, auf die Johnson fürs Erste nicht mehr zählen kann, sitzt am Donnerstagmorgen dieser Woche einen Steinwurf entfernt vom Unterhaus beim Frühstück. "Mir hat bis heute niemand mitgeteilt, dass ich raus bin", sagt Dominic Grieve. Aber sein Onlinezugang zum konservativen Netzwerk ist seit Mittwoch gesperrt, er geht davon aus, dass er von Johnsons Leuten nicht mehr als Tory-Mitglied betrachtet wird.

"Die Briten und ich gegen den Rest, das wird Johnsons Wahlkampfstrategie sein."

Grieve, der mal Generalstaatsanwalt war und seit 22 Jahren im Unterhaus sitzt, ist der unwahrscheinlichste Rebell, den man sich denken kann. Gewappnet mit britischem Understatement, hat er in den vergangenen drei Jahren immer wieder höflich darauf hingewiesen, dass das beste Abkommen, das sein Land mit der EU habe, die derzeitige Mitgliedschaft sei. Dafür ist er nun, zusammen mit 20 Abgeordnetenkollegen, geschasst worden.

Seine Partei, sagt Grieve, sei "in einer sehr üblen Phase", dominiert von Ideologen und einem Chef, "der an nichts glaubt außer an sich selbst". Er habe darüber nachgedacht aufzugeben, andererseits widerstrebe es ihm, "mitten in der schwersten politischen Krise der britischen Geschichte einfach zu gehen".

Es sei daher gut möglich, dass er bei bevorstehenden Wahlen als "unabhängiger Konservativer" antreten werde. Tory gegen Tory, ein bis vor Kurzem noch undenkbares Szenario. Aber, sagt Grieve, "die anderen Rebellen und ich haben nichts mehr zu verlieren".

Wie dieser ganze Wahnsinn enden wird, kann auch er nicht vorhersagen. Sicher sei, dass die Neuwahlen die Verhältnisse in Westminister "ziemlich radikal durchschütteln werden". Aber ob die Brexit-Blockade danach irgendwie gelöst werden kann? Das weiß er auch nicht.

Grieve muss wieder los, um den Widerstand zu orchestrieren. Wie er sich fühle? Da hält er kurz inne. Dann sagt er: "Müde."

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Dieser Beitrag erschien zum ersten Mal in der SPIEGEL-Ausgabe 37/2019.

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