Zum aktuellen Verhältnis der Geschlechter lässt sich in der U-Bahn nach Berlin-Pankow an einem Donnerstagmittag im Juni das Folgende beobachten: Um die Sitzplätze konkurrieren Männer und Frauen vollkommen gleichberechtigt. Die Frauen haben mehr zu tragen (Einkaufstüten) oder zu schieben (Kinderwagen) und werden darin in nichts behindert. Sofern sie sitzen, halten sie die Gliedmaßen eng am Körper, schlagen die Beine übereinander und klemmen die Handtasche auf den Schoß. Die meisten Männer vergrößern den Raum für ihren Körper, indem sie die Beine breit auseinanderstellen und die Arme auswinkeln oder auf der Rücklehne ablegen. Courtoisie, aber auch Feindseligkeit sind auf keiner Seite zu bemerken.

Die U-Bahn führt mich zu Caroline Rosales, einer 37-jährigen Autorin, deren jüngstes Buch unter dem Titel "Sexuell verfügbar" ziemlich erfolgreich ist. Es handelt sich um eine anschauliche, sehr persönliche Bilanz des Feminismus, von innen gefühlt und von außen betrachtet. Dazu gehören einige typisch bundesrepublikanische Fakten, die auch auf diese passagere kleine Gesellschaft in der U-Bahn zutreffen: Sofern sie nicht von Transferleistungen leben, verdienen die Männer durchschnittlich 21 Prozent mehr. Falls sie Kinder haben, verbringen sie in der Regel weniger Zeit mit ihnen; wenn sie geschieden sind, bleiben die Kinder in mehr als 90 Prozent der Fälle bei der Frau. Diese wiederum hat nicht nur während der Schwangerschaft, sondern auch danach ihre Arbeit unterbrochen und steigt bei ihrer Rückkehr ins Erwerbsleben häufig nur noch als Teilzeitbeschäftigte ein.

Caroline Rosales entspricht dem Durchschnitt in vielem; sie weicht vor allem darin davon ab, dass sie ihn temperamentvoll beschreibt. Sie wuchs behütet in einem Reihenhaus westdeutscher Stadtrandlage auf und jobbte während des Studiums – Archäologie und Asienkunde – unter anderem als Kellnerin. Sie volontierte bei der Hamburger Morgenpost, schrieb für diverse Regionalzeitungen und machte dann mit der Journalistin Lisa Harmann 2010 das Buch "Ich glaub, mich tritt ein Kind" – der Beginn einer Karriere als Autorin, in der das Schreiben über das Leben dasselbe gewissermaßen verdoppelt. Die nächsten Titel hießen "Mama muss die Welt retten" und "Single Mom – Was es wirklich heißt, alleinerziehend zu sein", dazu gab es Kolumnen über Dating im Tinder-Zeitalter.

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Man fühlt sich also, wenn man Rosales trifft, schon ziemlich gut informiert. Und dieses Gefühl wird durch die Begegnung keineswegs irritiert. Die ausnehmend schöne Person, die an diesem drückend heißen Nachmittag die Tür zu einer Wohnung öffnet, in der praktisch nur die Zahnbürsten an ihrem Platz sind, aber alles einen gut organisierten Eindruck macht, wirkt so frisch und gewissermaßen mit drei Beinen auf dem Boden stehend wie ihr Autoren-Ich.

Rosales ist am Tag zuvor von einer Altbauwohnung im urbanen Teil von Pankow – Schauplatz ihrer Kolumnen der letzten Jahre – ein paar Straßen weiter gezogen, in eine andere Berliner Welt: statt Cafés und Dönerbuden, Kinderläden und Stadtteilkino nun Eigenheime mit Garten. Es ist außerordentlich ruhig auf den gepflasterten, kleinen Straßen. Außerdem gibt es je ein Zimmer für die beiden Kinder.

Die Namen der Kinder in ihren Texten sind verfremdet, allerdings existieren Fotos von ihnen mit ihrer Mutter, und natürlich ist noch nicht zu sagen, wie sie als Erwachsene darauf reagieren, dass ihre Vorlieben (Ballett und Fußball, Klamotten und Pokémon-Karten, alles geschlechtererwartbar verteilt), ihre Widerreden und Sprüche, ihre Charakterzüge und Ängste der Öffentlichkeit zugeführt wurden – als Beispiele zur Erbauung, zur Mahnung und zur Reflexion. Mit dem Vater, sagt Rosales, sei dieser Umgang mit "Max" und "Lila" abgesprochen; "wir machen alles so, wie es der andere für richtig hält, da sind wir eigentlich sehr locker".

Popstar Aguilera 2002: Aufruf zur Selbstermächtigung
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Das klingt nach einer privilegierten Situation, wenn man bedenkt, wie bitter sich Paare nach der Scheidung zerstreiten über das Kindeswohl und was sie dafür halten. Auch Rosales' Eltern ließen sich scheiden, auch sie hat erfahren, wie sich das Leben danach verändert: Der Vater rückt oft in die Ferne, zeitlich wie räumlich, wird zur Wochenend- und Besuchsperson. Eine Autorität, die aber wenig weiß von jenen existenziellen Kleinigkeiten, die das Heranwachsen prägen. Den Geburtstagskuchen für die Kita backt wahrscheinlich die Mutter, die auch beim Laternenumzug dabei ist, möglichst ebenso beim Basteln zuvor.

Nichts präge unsere Gesellschaft, so zitiert Rosales in ihrem Buch den Germanisten und "Pro-Feministen" Christoph May, "so stark wie die unerfüllte Sehnsucht nach emotional integeren Vaterfiguren". Ferne Väter und der Leidensweg ihrer Söhne seien die Top Storys der westlichen Kulturgeschichte, von Jesus Christus bis zu Luke Skywalker. Die typischen Geschichten des Leidens und Erleidens prägen geschlechtergeformte Tugenden; Mädchen wollen helfen und gemocht werden, die Jungen schätzen Macht und Risiko. "Ich muss meinem Sohn erklären, dass er mit mir über seine Sorgen reden und weinen soll, wenn er sich beim Fußball verletzt, dass er sich öffnen darf. Ich muss meiner Tochter sagen, dass sie nicht bei jeder Kleinigkeit Weinen als Druckmittel einsetzen soll – leider neigt sie wie viele kleine Kinder extrem dazu. Und das führt natürlich zu Krisen."

Die Krise ist Rosales' Produktionsmittel. Sie wird ausgesprochen statt in Prosecco ertränkt. Sie trägt triviale Züge, wird nicht melodramatisch gesteigert, aber eben benannt. Wie ein Sonntagsausflug mit Kindern zum Desaster wird, wie alleinerziehende Mütter bemitleidet, alleinerziehende Väter aber bewundert werden, wie kindliche Frühförderung den Elternstresspegel erhöht (und ohne belastbares Ergebnis bleibt) und warum eine erwachsene Frau angesichts eines Schokoriegels in eine innere Gerichtsverhandlung gerät – all das ist eben einerseits Wohlstandslamento, andererseits realer Verschleiß.

In der scheinbar privaten Krise zeigt sich der Stand des Feminismus, der seinerseits in einer blühenden und produktiven Verfassung ist, jedenfalls, was den intellektuellen Überbau betrifft. Geschichten über das ungelungene weibliche Leben haben in den Medien, auch der Literatur Konjunktur. Die Schriftstellerin Anke Stelling hat für ihren Roman "Schäfchen im Trockenen" im Frühjahr den Leipziger Buchpreis bekommen, ein Buch, in dem sie mit Selbstironie und einer Art kämpferischer Erschöpfung jenes Milieu beschreibt, in dem auch Rosales zu Hause ist: gebildete Frauen, die Kinder kriegen und mit der kaum zu meisternden Aufgabe kämpfen, eine berufstätig erfolgreiche und trotzdem gelegentlich entspannte Person zu bleiben. Oder die sich dabei ertappen, wie sie auf dem Spielplatz die Jahre vertrödeln und das leider ganz gemütlich finden. Dabei sprechen wir nicht von Solidarität, zum Beispiel mit der Friseuse oder Kassiererin, die in manchem vergleichbare Sorgen hat, aber darüber nicht so eindrücklich erzählen kann. Der große gemeinsame Aufstand gegen die Verhältnisse findet nicht statt.

Frauen dürfen, aber sollen bitte auch alles - das ist die Nebenfolge der sexuellen Befreiung.

Man kann das als ein Rollback betrachten, aber zugleich kann man sich fragen, ob es denn je anders war. Jenseits der Demonstrationen und Proteste gegen den Paragrafen 218 war es in Deutschland immer schwierig, sich zu einigen, was denn das gemeinsame Interesse der Frauen sein soll. Wenn sich in den Neunzigerjahren West- und Ost-Feministinnen trafen, schlug die Neugier schnell in die Fassungslosigkeit um. Hier die faktisch unterprivilegierten Westfrauen, die mit ihren Gendertheorien eine Art Besserwisserei mit Kompensationsgewinn betrieben. Dort die selbstverständlich berufstätigen Mütter, für die feministische und queere Nischenkultur eine kuriose Harmlosigkeit war.

Lahm und Blind sind kein erfolgreiches Paar geworden, und bei der Spaltung ist es geblieben. Nur wird sie inzwischen als unentrinnbar betrachtet. Ein richtiges Leben im falschen bedeutet für die meisten Frauen eben, dass es den einen Feminismus nicht gibt. Nicht alle sind für die Quote oder für das Kopftuchverbot im öffentlichen Dienst, nur für manche ist Achselbehaarung der beste neue Move, und die Frage, ob weibliche "Sexarbeit" ein fahrlässiges Schönwort ist für verbrecherische Ausbeutung, hängt wohl wesentlich davon ab, ob man dabei an die vielen, faktisch versklavten Prostituierten ausländischer Herkunft denkt oder an den Hetärenklub einer Berlinerin mit dem sprechenden Pseudonym Salomé Balthus.

Rosales ist so weniger mit ihren Positionen (Attraktivität ist nicht Unterwerfung, Sex ohne Gefühl funktioniert für sie nicht, die Quote ist sinnvoll) so typisch wie erfolgreich als mit ihrer Art, damit umzugehen: offenherzig und unrigoros. Als im Jahr 2002 die vormals so brave Christina Aguilera sich in einem Video zu ihrem Album "Stripped" als "female chauvinist pig" – so lautete eine feministische Kritik – präsentierte, als eine sexuell fordernde, unzivilisierte Kunstfigur, empfand Rosales diese Inszenierung als eine Befreiung, einen Aufruf zur Selbstermächtigung. Rosales ist die Tochter eines eher fortschrittlichen Paares, aber natürlich wurde sie nicht nur von ihren Eltern, sondern auch von den Verhältnissen erzogen, mithin nicht zur "bitch", sondern zur freundlichen und bloß nicht egoistischen Frau – die ihr Glück primär als Gefühlswesen und im Passiv sucht. "Wann würde die Liebe wohl kommen, fragten viele meiner Mitschülerinnen bereits mit 11 Jahren. Und bin ich dafür schön genug? Gut aussehend genug, um sie zu verdienen, die Liebe?"

Insofern es darauf ankommt, kann sie sich glücklich schätzen. Oder auch nicht: Ihre Jobs, sagt Rosales, hat sie alle erst mal bekommen, weil sie so aussieht, wie sie eben aussieht. Und weil sie erfolgreich trainiert habe, alles zugleich zu sein, ambitioniert, aber lässig; feminin, aber auch selbstbewusst; witzig, aber auch hierarchiebewusst – eine ideale jüngere weibliche Arbeitskraft, vielversprechend, doch nicht bedrohlich. Was einerseits bedeutet, dass Selbstbewusstsein durch Leistung immer erst anschließend kommt.

Und was zweitens kein Schutz vor Missbrauch ist, sondern eher eine Einladung, sich im Glitzergrau von Koketterie und Machismo mit Erfolg zu verlieren. Eine berührende Schilderung in ihrem Buch "Sexuell verfügbar" behandelt ihre Affäre mit einem späteren Chef: Sie wollte den Job, er wollte sie; er war ihr nicht absolut unangenehm, sie war nicht anderweitig gebunden; er hatte die äußere Macht, sie eine innere – jedenfalls redete sie sich das phasenweise so ein. Die "Kosten-Nutzen-Rechnung", so nennt sie es selbst, gehört zu ihrer Selbstwahrnehmung als Frau in Permanenz. Auch als ihr erster Freund mit ihr Pornos guckte, "quasi zur Inspiration", tauschte sie Beziehung, Vertrauen und Sicherheit gegen gewisse Pflichtübungen. Und zugleich räumt sie ein, dass ihr Freund in seiner Rolle wohl so gefangen war wie sie in ihrer. "Ich glaube, er dachte sich nichts weiter dabei, außer dass er die Pein vermeiden wollte, bei seinen Kameraden als der Loser mit dem Blümchensex dazustehen."

Rosales beschreibt sich als Opfer wie Täterin, als schwankendes Individuum.

In Bemerkungen wie diesen wird offenbar, was sich eben doch geändert hat: Männer wie der Schriftsteller Ralf Bönt sprechen über die Nachteile des Patriarchats für dessen Betreiber, Publizisten wie Anselm Neft beleuchten die Verheerungen der üblichen Pornografie für die pubertäre Knabenseele, und eine Autorin wie Rosales kann sich als Opfer wie Täterin beschreiben, als ein schwankendes Individuum mit gemischten Gefühlen. Die #MeToo-Bewegung war für Rosales ein Anlass, in ihrer Erinnerung nach jenen Untiefen zu forschen, die ein Frauenleben in Deutschland nun einmal mit sich bringt, wie beispielsweise die sexuelle Verfügbarkeit, für sie eine unangenehme Nebenfolge der sexuellen Befreiung. "Frauen dürfen alles, aber sie sollen bitte auch alles – das schwingt immer mit."

Womit wir bei der Frage wären, wie es sich denn mit den Generationen verhält. Rosales ist als Autorin erfreut, als Feministin allerdings entsetzt über ihr Publikum – insofern es auch aus vielen sehr jungen Frauen besteht. Die über dieselben Zurichtungen klagen, mit ähnlicher Verwirrung kämpfen und die, wie Rosales selbst, von dem Gefühl beschwert wie erhoben sind, sie müssten von vorn anfangen. Mit der eigenen Biografie, in der eigenen Generation, mit der aktuellen Misere, die ja so neu nicht ist.

"Man kommt nicht als Frau zur Welt, man wird es." Mit diesem emblematischen Satz beginnt Simone de Beauvoir den zweiten Teil ihrer Untersuchung "Das andere Geschlecht", die 1949 in Frankreich erschien – in Deutschland zwei Jahre später – und die in vielem noch immer bestürzend zutreffend ist. Als aktueller Nachdruck nicht nur in der Zeitschrift "Emma" würden viele Passagen taugen – die über Hausarbeit, Menstruation und kurze Röcke, aber auch über die Erfahrung von Ohnmacht, die zu formulieren so schwerfällt, weil die Beschreibung selbst entmutigend ist.

Wo aber das Private politisch ist, muss es eben immer wieder neu erzählt werden.

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Dieser Beitrag erschien zum ersten Mal in der SPIEGEL-Ausgabe 29/2019.

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