Franz Untersteller ist ein Mann mit Humor, doch wenn er über Klimaschutz spricht, hört der Spaß für ihn auf. Seine Stimme bekommt dann einen galligen Unterton, das Blut schießt ihm ins Gesicht, er fängt an zu gestikulieren. Der baden-württembergische Umweltminister gilt im Südwesten als Ikone der Grünen, ist seit 1983 Mitglied der Partei. Auf einem Sideboard in seinem Büro dreht sich ein solarbetriebenes Miniaturwindrad.

Schuld an seinem Ausbruch hat die CDU, mit der die Grünen seit 2016 in Stuttgart regieren. Monatelang hatte Untersteller mit den Konservativen über ein Klimaschutzgesetz verhandelt, es soll bis 2030 mindestens 42 Prozent an CO² einsparen. Mit dem Gesetz sollen die nationalen Ziele zügiger umgesetzt werden. Doch plötzlich stellte sich die CDU quer.

Die Südwest-Grünen reagierten empört. Die CDU müsse ihre "Blockadehaltung" aufgeben. Auch in sozialen Netzwerken entbrannte Streit. Die grüne Landeschefin twitterte, der einzig echte Beitrag der baden-württembergischen CDU zum Klimaschutz bleibe deren Abwahl 2011. Untersteller bewertet die Absage des Koalitionspartners als "politisches Spielchen".

Es war der vorläufige Höhepunkt eines grün-schwarzen Dauerzoffs in Stuttgart. Wohin man schaut, gibt es Stress: Dieselfahrverbote, innere Sicherheit oder Bildung. Ein internes Papier aus dem CDU-geführten Landesinnenministerium listet 16 "nicht geeinte Projekte" auf, von der "Änderung der Härtefallkommissionsverordnung" bis zum "Wildtierbericht 2018".

Auch in Hessen knirscht es im schwarz-grünen Bündnis. Und selbst die Jamaika-Koalition von Schleswig-Holstein, die als Vorbild für den Bund galt, zeigt Risse.

Nur in Berlin scheint sich das noch nicht herumgesprochen zu haben. CDU-Chefin Annegret Kramp-Karrenbauer und die Grünen-Fraktionsvorsitzende Katrin Göring-Eckardt flirten öffentlich miteinander, sind bereit für ein Zweierbündnis. Beide schielen auf Schwarz-Grün als Machtoption für die Zeit nach der Großen Koalition. Laut Umfragen hätten sie derzeit eine Mehrheit.

Um die Euphorie zu bremsen, genügt ein Blick in die Länder. Vor allem in Stuttgart zeigt sich, wie schwer das gemeinsame Regieren fällt. Die Grünen beschäftigen sich mit dem Machterhalt, die Schwarzen wollen die Macht zurück.

Am Anfang hatte Ministerpräsident Winfried Kretschmann (Grüne) eine nach Ressorts aufgeteilte "Komplementär-Koalition" ausgerufen, also eine Partnerschaft, in der beide unterschiedliche Themen besetzen. Hieß im Klartext: Wir kommen uns nicht in die Quere. Inzwischen gerät dieses Konzept immer häufiger an seine Grenzen, vor allem wenn es um Themen wie die Verkehrspolitik geht, bei denen sich die ideologischen Gräben zwischen den beiden Parteien auftun.

Monatelang gab es Streit wegen Fahrverboten für Dieselautos der Abgasnorm Euro 5, die ab 2020 in Stuttgart gelten könnten. Um diese zu verhindern, hatten die Koalitionäre schon im Juli 2018 einen teuren Plan zur Luftreinhaltung beschlossen. Darin enthalten: "innovative Maßnahmen" wie Lärmschutzwände, die Stickstoffdioxid binden. An deren Wirkung gab es im Verkehrsministerium aber Zweifel, Ressortchef Winfried Hermann (Grüne) spielte auf Zeit.

Die CDU lief Sturm. Laut internen Papieren versuchte Kretschmann, hinter den Kulissen mehrmals besänftigend auf den Koalitionspartner einzuwirken. Mal versprach er, die gemeinsamen Beschlüsse "mit Nachdruck" umsetzen zu wollen, mal bat er in einer Besprechung mit dem CDU-Fraktionsvorsitzenden, die "Dinge nicht in die Öffentlichkeit zu tragen". Es bringe nichts, "nur immer die eigene Fahne hochzuhalten".

Als der Konflikt im Februar eskalierte, düpierte der Ministerpräsident kurzerhand seinen Verkehrsminister, um das schwarz-grüne Bündnis zu sichern. Eine interministerielle Arbeitsgruppe, die Maßnahmen zur Luftreinhaltung umsetzen soll, untersteht nun Kretschmann direkt – und nicht mehr Hermann.

Auch in Fragen der inneren Sicherheit gibt es Differenzen. Das wurde deutlich, als CDU-Innenminister Thomas Strobl forderte, das Polizeigesetz zu verschärfen. Er wollte unter anderem die Onlinedurchsuchung von Computern ermöglichen. Die Grünen im Landtag lehnen das strikt ab. Die Reform liegt seitdem auf Eis.

Weiteren Konfliktstoff vermeidet die Koalition, indem sich die Ökopartei aus einem Kerngebiet der Landespolitik weitgehend heraushält: der Bildung. Kretschmann, ehemals Gymnasiallehrer für Biologie, Chemie und Ethik, lässt seiner CDU-Kultusministerin Susanne Eisenmann viele Freiheiten. Die einstige Stuttgarter Bildungsbürgermeisterin profiliert sich als Wahrerin von Standards und Leistungsorientierung, womit Kretschmann wenig Probleme hat – wohl aber seine Partei. So schaffte Eisenmann alternative Rechtschreibmethoden ab und setzt auf mehr Verbindlichkeit bei der Grundschulempfehlung.

Richtig voran geht im Südwesten kaum etwas. Die Partner belauern einander, die Koalition beschäftigt sich mit sich selbst. Worthülsen wie "Strategiedialog Automobilwirtschaft" oder "Allianz Industrie 4.0" können nicht verbergen, dass ein gemeinsames Projekt fehlt. Bei Besuchen in der CDU-Fraktion spricht Kretschmann inzwischen davon, "zügig noch einige Pakete schnüren" zu wollen, bevor die Parteien wieder in den Wahlkampfmodus geraten.

Auch in Hessen, dem einstigen Musterland für schwarz-grüne Koalitionen, ist die Euphorie längst verflogen. Bei der Landtagswahl im vergangenen Herbst zeigte sich, dass nur die Grünen von dem bürgerlich-ökologischen Bündnis profitieren, das seit 2014 regiert. Die Christdemokraten von Ministerpräsident Volker Bouffier rutschten dagegen mit einem zweistelligen Minus auf 27 Prozent ab. Nur weil die Grünen mit fast neun Prozentpunkten Zuwachs ganz knapp vor der SPD lagen, reichte es noch für eine Neuauflage der Koalition.

Entsprechend zäh verliefen die Verhandlungen. Bouffier sieht sich dem Druck vieler an der Parteibasis ausgesetzt, die ein schärferes innenpolitisches Profil fordern, um die AfD zurückzudrängen. Zugleich verlangen die erstarkten Grünen mehr Einfluss in der Umwelt- und Integrationspolitik.

Die Kompromisse, die dabei herauskamen, stellen beide Seiten vor Probleme. Bouffier muss seinen Parteifreunden erklären, warum Asylbewerber ausgerechnet in Hessen künftig unabhängig von ihrem Herkunftsland und ihrer Bleibeperspektive "möglichst schnell" aus den Erstaufnahmeeinrichtungen auf die Kommunen verteilt werden sollen. Das ist ungefähr das Gegenteil dessen, was die Große Koalition mit dem Konzept der "AnkerZentren" eingeführt hat.

Andererseits sollen Flüchtlinge, die durch ihr Verhalten "negativ auffallen", laut Koalitionsvertrag möglicherweise in einer "zentralen Landeseinrichtung" untergebracht werden. Schwer zu akzeptieren für Flüchtlingshelfer, die den Grünen nahestehen und schon heute davor warnen, dass die Zusammenballung perspektivloser junger Männer in Großunterkünften gewaltiges Konfliktpotenzial erzeuge.

"Der erotische Blitzeinschlag der Erstberührung, der ist vorbei", fasste Bouffier nach den Koalitionsverhandlungen die Stimmung zusammen. Tatsächlich rumpelt es im Regierungsalltag stärker als in der ersten Auflage der Koalition. Konflikte, die früher hinter verschlossenen Türen entschärft wurden, dringen nach draußen.

Sichtbar wurde das bei einem Streit ums Asylrecht im Februar. Bouffier wollte eine Bundesratsabstimmung über sichere Herkunftsländer in Nordafrika verschieben, um den Koalitionspartner noch auf seine Seite zu ziehen. Doch die Grünen reagierten harsch: "Dieses Vorgehen ist in der Koalition nicht abgesprochen." Es bleibe dabei, "Hessen wird sich der Stimme enthalten", hieß es apodiktisch in einer Grünenerklärung. Bouffier knickte ein.

Hinter den Kulissen murren die Grünen außerdem über den CDU-Innenminister Peter Beuth. Er habe bei der Aufklärung rechter Netzwerke in der hessischen Polizei keine gute Figur gemacht und ohne Not nach einem unglücklichen Polizeieinsatz im Fußballstadion einen Streit mit Fans und Führungsfiguren der Frankfurter Eintracht provoziert.

Noch halten Bouffier und sein grüner Vize Tarek Al-Wazir die Koalition zusammen, auch die knappe Ein-Stimmen-Mehrheit im Landtag diszipliniert die Partner. Allerdings ist unklar, ob der gesundheitlich angeschlagene Regierungschef die komplette Amtszeit absolviert. Bouffier gibt sich seit der Wahlschlappe von 2018 betont nüchtern, wenn er über das schwarz-grüne Bündnis spricht: Beide seien politische Partner – aber eben nur "auf Zeit".

Das gilt auch für die seit Juni 2017 in Schleswig-Holstein regierende Jamaikakoalition. Unter der Führung von Ministerpräsident Daniel Günther (CDU) gelang zunächst vieles geräuschlos: zuerst eine konservative Volte in der Schulpolitik, jetzt eine Kitareform mit liberaler Handschrift. Es gibt schlankere Vergaberegeln für den Mittelstand, das Polizeigesetz soll verschärft werden.

Nur die Grünen kommen zu kurz. Tapfer trägt die Partei zwar die verabredete neue Abschiebehaftanstalt mit, und ihr Umweltminister gibt sogar einen "Problemwolf" zum Abschuss frei. Bei ihrem eigenen Markenthema, der Energiewende, können die Grünen dagegen nicht punkten: Die CDU bremst den Ausbau der Windkraft – sie hatte den Wählern größere Abstände zu den Siedlungen versprochen.

In der Ökopartei macht sich Ernüchterung breit. "Jamaika hat keine große gemeinsame politische Linie", sagt Rasmus Andresen, grüner Vizelandtagspräsident. Langfristig sieht er nur die Flucht nach vorn: "Wir müssen uns als Partei immer stärker von CDU und FDP absetzen und auf andere Mehrheiten nach der nächsten Wahl hinarbeiten."

In Berlin aber sehen das manche seiner grünen Parteifreunde anders. Hier bereiten sich FDP und Grüne auf neue Jamaika-Verhandlungen auf Bundesebene vor. Mehrheitlich junge Politiker beider Parteien trafen sich in der vergangenen Woche zum ersten Mal. Eingeladen hatten die Abgeordneten Danyal Bayaz (Grüne) und Lukas Köhler (FDP), beide sitzen seit 2017 im Bundestag. Der Gesprächskreis soll als Basis dienen, um mögliche Sondierungen und Koalitionsverhandlungen zwischen den Parteien zu erleichtern.

"Wir haben gemerkt, dass man schlecht miteinander reden kann, wenn man kein Vertrauen aufgebaut hat", sagte Köhler. "FDP und Grüne haben sich in den vergangenen Jahren weit voneinander entfernt", sagte Bayaz. "Wir, als jüngere Generation, können eine neue Beziehung zueinander aufbauen."

Das könnte auch den Koalitionären in den Ländern guttun.

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Dieser Beitrag erschien zum ersten Mal in der SPIEGEL-Ausgabe 14/2019.

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