Brüssel, Gare du Midi. An einem Montagmorgen im April bahnt sich Daniel Cohn-Bendit den Weg zum Ausgang, ein eher kleiner Mann mit Rucksack und Rollkoffer, der sich wenige Minuten später auf den Rücksitz einer schwarzen Limousine plumpsen lässt.

"Genau das wollte ich eigentlich nicht mehr haben", murmelt Cohn-Bendit, während der Fahrer sein Gepäck verstaut. Er meint das Pendeln, den Schnellzug nach Brüssel, den wartenden Chauffeur, der ihn durch die verstopfte Innenstadt in Richtung Europaviertel fährt. Cohn-Bendit kommt aus Paris, wo er am Tag zuvor morgens eine Radiosendung moderierte und am Abend in einer Talkshow saß. Zwischendrin tröstete er am Telefon seinen Sohn, weil Eintracht Frankfurt, sein Heimatverein, gegen Augsburg verloren hatte.

20 Jahre lang, von 1994 bis 2014, saß Cohn-Bendit als Abgeordneter im Europaparlament, das jetzt wieder gewählt wird. Mal für die deutschen Grünen, mal für die französischen. Dann entschied er, es sei genug, und trat nicht mehr an.

Daniel Cohn-Bendit war so etwas wie das Wappentier dieses Parlaments, eine Art personifiziertes Kerneuropa. Als Sohn jüdischer Flüchtlinge war er jahrelang staatenlos, dann wurde er Deutscher, später Franzose.

Jemanden wie ihn kann Europa gerade gut gebrauchen. Die Fliehkräfte zerren am Vertrauen, auch zwischen Nachbarn, die ganze Union wirkt fragil. Besonders jetzt, da zwischen Deutschland und Frankreich beim Brexit, bei der Handels- und der Klimapolitik ein Graben klafft und sich nicht einmal mehr die Spitzendiplomaten Mühe geben, diesen zu verdecken. Wie sollen 27 Staaten gemeinsame Sache machen, wenn sich die zwei größten und mächtigsten misstrauisch anstarren?

Schon vor Monaten hat Daniel Cohn-Bendit einen Plan gefasst, wie dem verzagten Europa auf die Sprünge zu helfen sei: Die politischen Kräfte, denen er nahesteht, sollen sich zusammentun. Er will, dass die deutschen Grünen, die Partei, deren zahlendes Mitglied er seit 1984 ist, und die liberale Partei Emmanuel Macrons, La République en marche, ihre Kräfte bündeln. Für ihn sind das natürliche Partner. Sie können Europa voranbringen, glaubt Cohn-Bendit. Deshalb spricht er in Berlin vor, diskutiert in der Böll-Stiftung mit Mitgliedern der Grünenspitze über Macron und erklärt, warum Paris so handelt, wie es handelt. In Frankreich sitzt er bei Wahlkampfveranstaltungen von En marche auf dem Podium, schwärmt von der deutschen Konsensdemokratie und dem Erfolg der deutschen Grünen. Er ist auf einer Art Mission. Manchmal wirkt er dabei wie ein Kind, das versucht, die Scheidung seiner Eltern aufzuhalten.

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Dieser Beitrag erschien zum ersten Mal in der SPIEGEL-Ausgabe 20/2019.
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