Er sagt, er habe nichts gewusst, als er ans Podium getreten sei. Es war der Mittwoch der vergangenen Woche in Wien.

In Berlin, in München und in Hamburg arbeiteten Redakteure des SPIEGEL und der "Süddeutschen Zeitung" bereits an den Texten, die zwei Tage später die "Ibiza-Affäre" des österreichischen Vizekanzlers Heinz-Christian Strache enthüllen und die österreichische Regierung zerbrechen lassen würden.

Daniel Kehlmann hatte eine Auszeichnung bekommen an jenem Abend, den Anton-Wildgans-Preis, dies war seine Dankesrede. Er sprach davon, wie lange er gebraucht habe, bis die Österreicher ihn akzeptiert hätten. Er sei halt nur halber Österreicher und eben auch halber Deutscher. Eigentlich sei es erst mit seinem Erfolg gekommen. Inzwischen nennen sie ihn ihren erfolgreichsten Schriftsteller. Als einen politischen Schriftsteller aber, von denen es in Österreich viele gab und gibt, habe er sich nie verstanden, sagte Kehlmann. Und doch sei er nun genau dies geworden.

Warum? Wegen der Leute, die zurzeit Österreich regierten: "Möchte die Österreichische Volkspartei wirklich weiterhin alles hinnehmen, was in ihrem Namen passiert?", fragte er. "Möchten nicht in Wahrheit viele ihrer Entscheidungsträger endlich jene Gestalten, deren dummdreiste Vulgarität Ämter herabwürdigt, die man ihnen nie hätte anvertrauen dürfen, nach Hause schicken und dafür sorgen, dass man die Luft in diesem Land wieder atmen kann? Es liegt wirklich bei Ihnen, beim jungen Kanzler, bei der alten ÖVP."

Eine knappe Woche nach dieser Rede klingelt Kehlmanns Handy. Er war bald nach der Rede nach New York geflogen. Am anderen Ende der Leitung melden sich zwei SPIEGEL-Redakteure über Skype für ein Gespräch über Österreich, über die Ibiza-Affäre und den Blick des Literaten auf all das. Kehlmann lacht häufig während des Gesprächs. Seine Rede, das Zerbrechen der Regierung – er kann es kaum glauben, wie das fast gleichzeitig passierte. Spätestens jetzt ist er es also wirklich geworden: ein politischer Schriftsteller Österreichs.

Politik und die Kultur sind sowieso miteinander verschwistert, ob Künstler das nun mögen oder nicht. Kunst ist immer auch der Ausdruck der Zeit, in der sie entsteht. Aber in Österreich sind Kunst und Politik auf besondere Weise verwandt. Das Land ist klein, es blickt aber auf eine große Geschichte, auf ein Kaiserreich mit kaum überschaubaren Dimensionen zurück. Der letzte Kaiser hatte, wie viele seiner Vorgänger, auch über die Künste geherrscht, Franz Joseph ließ sich gegenüber seiner

Hofburg in der Mitte Wiens sein Burgtheater mit eigener Loge bauen, auf der anderen Seite kam seine Oper hin.

Da die Gebäude bis heute stehen, besteht auch ihr Anspruch nach Größe fort, und es gelingt: Wien ist die Kulturhauptstadt des an Kulturstätten nicht armen deutschsprachigen Raums.

Politik und Kunst führen im zusammengeschnurrten Reich einen Nahkampf. Sogar die Räume wirken oft ähnlich: das Parlament, der Teil der Hofburg, aus dem noch heute regiert wird, das Rathaus, das Burgtheater, die Oper – alles wie aus einem Guss. Zu große Nähe schafft ein Bedürfnis nach Distanz. Die österreichische Literatur liebt die Ironie, das war schon zu Zeiten Ödön von Horváths so, sie liebt auch die Polemik, das Groteske, den galligen Humor, die Schmähung. Thomas Bernhard beschreibt Österreich als Land der Spießer, als Land mit dunklem Untergrund, überall in seinem Werk lauern die Rechten.

Österreichische Schriftsteller sahen im Politdrama dieser Tage dann auch sofort Literatur. Allein die Freizeitkleidung im Video. Die Blondine, Red Bull, die Waffenspiele: eine reale Groteske.

Am Sonntag gleich skizzierte Robert Menasse auf einer Tagung in Potsdam, welche Art von Novelle er aus diesem Stoff machen würde. "Das Ganze liest sich wie ein Thriller, so als hätte ich es erfunden", ließ der Schriftsteller mit dem Künstlernamen Franzobel verbreiten: "Mein letzter Krimi 'Rechtswalzer' hat ja bereits vieles davon vorweggenommen." David Schalko, Schriftsteller und Entwickler von TV-Serien, die die österreichische Gesellschaft gallig porträtieren, ist gerade zu Dreharbeiten in den Alpen unterwegs, "am Berg", so nennt er das, als der SPIEGEL ihn montags anruft. Er sagt: "Das Strache-Video ist typisch für die Obszönität, die dem politischen Milieu hier anhaftet. Das, was woanders als bizarr und skurril gilt, ist in Österreich leider oft Naturalismus." Der Zsolnay-Verlag verbreitet eine Pressemeldung, in der er sich der Hellsichtigkeit seiner Autoren Doron Rabinovici und Florian Klenk rühmt, weil sie die nahende Katastrophe durch Rechte erahnten.

Und so beginnt das Skype-Gespräch zwischen Berlin und New York über die Wiener Verhältnisse mit der Frage nach der Hellsichtigkeit des Literaten.

SPIEGEL: Herr Kehlmann, wie haben Sie das gemacht?

Kehlmann: Es ist natürlich reiner Zufall, aber ein schöner Zufall.

SPIEGEL: Sie haben tatsächlich vergangene Woche am Mittwochabend in einer Rede den österreichischen Bundeskanzler Sebastian Kurz aufgefordert, die Regierung aufzulösen. Das ist dann schnell passiert. Haben Sie, wie der deutsche Satiriker Jan Böhmermann, von dem Ibiza-Video gewusst?

Kehlmann: Nein. Es würde mir großen Spaß machen, ein derartiges Insiderwissen zu haben, aber ich hatte wirklich überhaupt keine Ahnung. Und ich hatte auch keinerlei Hoffnung, dass irgendwas Derartiges passieren könnte. Ich hatte das Gefühl, in einer fest betonierten Situation zu sprechen, wo man zwar mit wiederholten Appellen von vielen Seiten auf die Dauer einen kumulativen Effekt erzielen kann, aber wo es keine Chance gibt, dass sich so bald etwas ändert. Ein gewisser verzweifelter Tonfall erklärt sich auch damit.

SPIEGEL: Nun passierte exakt das, was Sie erbeten hatten. Wie hat das auf Sie gewirkt?

Kehlmann: Ich hab's nicht ganz in Realzeit erlebt. Als Ihre Kollegen die Sache enthüllten, saß ich im Flugzeug. Als ich dann in New York am Flughafen bei der Passkontrolle in der Schlange stand, wurde ich überflutet von E-Mails und SMS mit genau dieser Frage: Wie hast du das gemacht? Und, hast du das gewusst? Ich musste erst mal herausfinden, was überhaupt gemeint war. Normalerweise habe ich es immer wahnsinnig eilig, aus dieser Schlange rauszukommen. Diesmal nicht. Es war so packend und auch zu lustig, sich dieses Video anzusehen.

SPIEGEL: Was haben Sie als lustig empfunden?

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Dieser Beitrag erschien zum ersten Mal in der SPIEGEL-Ausgabe 22/2019.
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