Die Jahre der deutschen Selbstzufriedenheit waren schön, aber sie sind vorbei. Sie dauerten fast so lange wie die Kanzlerschaft von Angela Merkel. Sie waren geprägt vom Gefühl schier endlosen wirtschaftlichen Erfolgs und vom Stolz auf die wichtige Rolle, die Deutschland in der Welt einnahm. Vor drei Jahren wurde es während des Davoser Weltwirtschaftsforums zum "besten Land der Welt" erklärt, in Europa war die Rede vom "Deutschen Modell", als Vorbild für andere. Als Donald Trump in den USA zum Präsidenten aufstieg, glaubten manche, dass Merkel nun die Rolle der Anführerin der freien Welt einnehmen werde. Die Wirtschaft wirkte unerschütterlich, die Rolle Merkels in der Welt ebenso.

Beides stimmt nicht mehr. Und wie jeder, der aus einer Täuschung erwacht, müssen sich nun auch die Deutschen der Tatsache stellen, dass es seit Langem Warnzeichen gab. Das Land ist seiner Selbstzufriedenheit zum Opfer gefallen. Und einer Politik, die eine historische Ausnahmesituation nur verwaltet hat, anstatt die Zukunft zu gestalten.

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Zwar weiß niemand, ob das Land in diesem Jahr wirklich - wie von vielen Ökonomen befürchtet - nach zehn Jahren des Aufschwungs in eine Rezession geraten wird. Aber das Wachstum schwächelt, Deutschland wirkt wirtschaftlich plötzlich verwundbar. Außenpolitisch sieht es auch nicht gut aus. Deutschland ist zum Lieblingsfeind des mächtigsten Mannes der Welt geworden: Donald Trump wird die EU wohl mit Autozöllen bestrafen und damit besonders den Deutschen schaden. Trump sieht in Deutschland ein Land der Egoisten, weil es einen hohen Exportüberschuss hat und zu wenig für die Verteidigung ausgibt.

Trump ist selbst ein Nationalist und Egoist und deshalb als Kritiker nicht besonders glaubwürdig. Seine Angriffe haben wegen seines Amtes dennoch Gewicht. Zudem wiederholt er - grotesk verzerrt - vieles von dem, was ernster zu nehmende Politiker und Experten seit Jahren kritisieren: dass Deutschland sich von internationalen Militäreinsätzen fernhält und gleichzeitig für globale Verzerrungen im Handel sorgt, weil es sich vor lauter Exportstolz und "schwarzer Null" wenig dafür interessiert, die Binnennachfrage anzukurbeln - und damit das Wachstum in Europa. Weil Berlin in der Eurozone eine Politik der Sparsamkeit forcierte, anstatt in Zeiten des Wachstums mehr in Infrastruktur und Innovation zu investieren. Diese Kritik, besonders deutlich vom US-Nobelpreisträger Paul Krugman vorgebracht, ließ die Bundesregierung jahrelang selbstgewiss an sich abtropfen. Der Laden lief ja. Man glaubte die Bewunderung und ignorierte die Gegenstimmen.

Es gab in der Merkel-Ära keine Projekte, die mit Entschiedenheit und Leidenschaft über lange Zeit verfolgt wurden. Das Land ist bräsig geworden.

Ein anderes Problem ist, dass sich Deutschland nach wie vor nicht als internationale Macht mit einer entsprechenden Verantwortung sieht. Auch das muss sich ändern. Die Bundesrepublik braucht einen Gestaltungswillen für die deutsche Rolle in der Welt, politisch und wirtschaftlich.

Dazu gehört erstens die Einsicht, dass Deutschland zu groß ist, um in der Weltpolitik eine Art Schweiz zu sein, und nicht nur mit Schweigen antworten kann, wenn Frankreichs Präsident vorschlägt, mit Deutschland zusammen die EU zu reformieren. Zu einer glaubwürdigen Außenpolitik gehört es, internationale Zusagen einzuhalten, in seine Verteidigung zu investieren und mehr als ein Trittbrettfahrer der USA zu sein. Nur so kann sich Berlin vom Vorwurf befreien, auf fremde Kosten zu leben.

Zweitens muss sich die Bundesregierung auf eine neue wirtschaftliche Realität ausrichten, in der Exportstolz nicht mehr ausreicht. In vielen Teilen Deutschlands funktioniert das mobile Internet nur lückenhaft, weder der Mittelstand noch die großen Konzerne sind hinreichend auf die digitale Transformation und künftige vernetzte Produktionsmethoden ausgerichtet. Deutschland muss deshalb investieren in Technologien, Netze, es braucht ein neues Projekt, aus dem in den nächsten Jahren eine neue deutsche Wirtschaftswundergeschichte entstehen könnte, zum Beispiel eine wirkliche Energiewende.

Dafür braucht es Ideen, aber auch Geld. Deshalb gehört dazu auch ein Abschied von der Leitlinie der schwarzen Null. Sie diente der Regierung bisher wirtschafts- und sicherheitspolitisch als bequeme Ausrede. Doch die Jahre, in denen eine Verwaltungsmentalität ausreichte, um dem Land das Gefühl immerwährenden Erfolgs zu verleihen, sind vorbei. Das Land braucht mehr Investitionen, und es braucht Leidenschaft.

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Dieser Beitrag erschien zum ersten Mal in der SPIEGEL-Ausgabe 35/2019.

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