Es ist noch nicht so lange her, da hätte jemand wie ich die große Bilanz auf den Sonntag oder das Lebensende verschoben. Christlich getaufte Menschen hatten über beinahe zwei Jahrtausende die Gewohnheit, ihr Gewissen mit einer Mittelsperson zu erleichtern, in der Beichte oder im Gespräch mit dem Pfarrer, und auf dem Sterbebett gab es noch eine letzte Gelegenheit, sich von moralischer Schuld zu befreien. Zwischen den wöchentlichen Ritualen und vor der letzten Beichte lag das Gebet. Eine Zwiesprache mit sich selbst im vorgestellten Angesicht der großen göttlichen Instanz, die beides forderte: den Dank für alles, was gut war – das Große und das Kleine, der Hintergrund und das Aktuelle –, wie die Selbstanzeige der Versäumnisse und der moralischen Fehler. Das Raster für diese Anzeigen war weder selbst entwickelt noch verhandelbar, es war gesetzt und allgemein; die Nächstenliebe gehörte – wie in allen Weltreligionen – selbstverständlich dazu.

Inzwischen haben bei mir, wie bei vielen Menschen Europas,

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Dieser Beitrag erschien zum ersten Mal in der SPIEGEL-Ausgabe 13/2019.
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