Im Herbst 1999 schrieb ich einen Text über das zehnjährige Mauerfalljubiläum. Es war mein letzter Artikel als Reporter der "Berliner Zeitung". Danach wechselte ich zum SPIEGEL. Der bot mir die Möglichkeit, in New York zu arbeiten, die ich ergriff wie einen Rettungsring. Ich hatte zehn Jahre lang über die Probleme der Ostdeutschen in der großen Welt berichtet und das Gefühl, mich im Kreis zu drehen. Ich wollte nicht nach Hamburg oder West-Berlin, ich wollte endlich nach New York, in die Stadt meiner Träume. Ich wollte in den Häuserschluchten verschwinden, mich in der Zeit auflösen. Der SPIEGEL konnte mir diesen Traum bezahlen. Wahrscheinlich war das nicht sein Ansatz. Sie schickten einen Hund ins Weltall. Im Einstellungsgespräch in einer verrauchten Hamburger Bratwurstkneipe fragte mich der Chefredakteur Stefan Aust nur eine Sache: "Können Sie denn überhaupt Englisch?"

Ich fühlte mich wie der Besuch vom Lande. Es ist gleich vorbei, dachte ich.

In dem Text für die "Berliner Zeitung" prophezeite ich, dass sich in zehn Jahren niemand mehr für den Mauerfall und den Osten interessieren würde. Da stehen die Sätze: "Kann sich irgendjemand ein 20-jähriges Mauerfalljubiläum vorstellen? Den 9. November 2009? Es wird niemanden geben, der das feiern will." Wenn ich das heute lese, tanzen die Gewissheiten vor meinen Augen, bis mir schwindlig wird. Ich fühle mich, als wäre ich in einer Zeitmaschine gefangen, mit der ich immer wieder zum selben Datum reise.

Dieser Artikel stammt aus dem SPIEGEL SPEZIAL 30 Jahre Mauerfall: Ziemlich beste Deutsche - Warum es uns so schwerfällt, ein Volk zu werden.Hier können Sie das Heft bestellen.

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Im Jahr 2019 bat mich eine amerikanische Journalistin um ein Interview zum 30-jährigen Mauerfalljubiläum. Sie lebe außerhalb von Washington, arbeite für die Voice of America, sagte sie. Sie sprach gut Deutsch mit leichtem russischem Akzent. Das war eine interessante Mischung, fand ich. Ich würde ihr nicht so viel erklären müssen.

Ich sagte zu. Sie hieß Mascha.

Sie lebte in den USA, ich in Israel, wir verabredeten uns in Berlin. Sie wollte, dass wir uns an einem Platz treffen, der für mich irgendwie mit dem Mauerfall zu tun hat. Ich schlug den Volkspark Friedrichshain vor. Ich habe dort als Kind in den Siebzigerjahren gespielt, im Sommer schossen wir mit Pfeilen, deren Spitzen aus den Stricknadeln unserer Mütter bestanden, auf Bäume, im Winter rodelten wir die Todesbahn hinunter. Ende der Achtziger bezogen meine Schwester und ihr Mann ganz in der Nähe eine kleine Wohnung, in der sie mir im Frühsommer 1989 erzählten, dass sie in den Westen fliehen würden. Ich verabschiedete sie, als würde ich sie nie wiedersehen. Meine Schwester und mein Schwager fuhren mit ihrem kleinen Sohn nach Ungarn. Weil dort bewaffnete Soldaten im Grenzwald patrouillierten, beschloss mein Schwager, allein zu fliehen. Er schaffte es nach Österreich, fuhr von dort nach Gießen ins Auffanglager und dann nach West-Berlin. Meine Schwester kehrte mit meinem Neffen zurück nach Ost-Berlin und stellte einen Ausreiseantrag. Manchmal verabredete sie sich mit ihrem Mann, der von einem West-Berliner Aussichtsturm zu ihnen in den Osten herüberwinkte. Als die Mauer fiel, folgte sie ihm mit ihrem Sohn nach West-Berlin. Ich zog in die kleine Wohnung, die jetzt leer stand. Die Miete betrug etwa 20 Ostmark, dafür durfte man den Balkon nur auf eigene Gefahr betreten.

Hier begann, kurz nach dem Mauerfall, mein neues Leben.

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Dieser Beitrag erschien zum ersten Mal in der SPIEGEL-Ausgabe 54/2019.
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