Dieser Text erschien erstmals in SPIEGEL 43/2009. 

Auf dem letzten Foto stehen wir vor der Schule. Es ist der Sommer 1990, und wir haben gerade ein DDR-Abitur gemacht. Es ist kein echtes Abschlussfoto. Wir stehen nicht in Reihen, wir tragen aus Gründen, die ich vergessen habe, weiße Hemden oder Blusen, kaum jemand schaut in die Kamera, es ist ein wackliges, chaotisches Foto, aber vielleicht passt es ganz gut zur Stimmung und den Zeiten, damals. Wir sind 18 Jahre alt. Es ist nicht mehr ganz klar, wohin wir jetzt gehen werden.

Fast alles, was auf diesem letzten Foto noch sichtbar ist, ist heute verschwunden. Zuerst verschwand das Land, die DDR. Dort wurden wir groß, im Ost-Berlin der siebziger und achtziger Jahre, Stadtbezirk Lichtenberg. Im September 1988 begannen wir mit dem Abitur an der Erweiterten Oberschule Immanuel Kant. Es gab einen Fahnenappell, wir trugen FDJ-Hemden und waren die Auserwählten, zugelassen für zwei weitere Schuljahre. Es war nicht leicht, in der DDR ein Abitur zu machen. Der Zugang war beschränkt. Wir hatten gute Noten und waren als politisch überzeugt oder unbedenklich eingestuft worden. Der Direktor hielt eine Rede, er sprach von Ehre und Verpflichtung. Wir sollten das Abitur machen, anschließend studieren und sozialistische Akademikerpersönlichkeiten werden, die nächste DDR-Elite, die den Sozialismus voranbringt. Wir waren die neuen Fahnenträger für die große Sache. Wir waren 20 Schüler in unserer Klasse. Einige wollten Offizier werden, andere Arzt, Lehrer, Ökonom.

Ein gutes Jahr später fiel die Mauer.

Ein weiteres Jahr später verhandelten Michail Gorbatschow und Helmut Kohl in Strickjacke und Strickpullover die deutsche Einheit. So wurden wir keine sozialistische Elite, sondern der letzte Abiturjahrgang der DDR. Die letzte DDR-Generation, die im Sozialismus die Schule beendete. Die erste, die im Kapitalismus erwachsen wurde. Eine Schulklasse an historischer Schnittstelle. Die Klasse von 1989/90.

Die schmale Straße, die zur Schule führte, beginnt gegenüber dem ehemaligen Gebäude der Staatssicherheit und trägt den Namen des Widerstandskämpfers Schulze-Boysen. Sie führt in ein Plattenbaugebiet, elfgeschossig, viel DDR-Beton, die Fassaden sind heute bunt, aus der alten HO-Kaufhalle wurde ein Kaiser's-Supermarkt, an der Seite der Asia-Imbiss, wo sich die Trinker treffen. Ansonsten könnte man hier noch immer einen Film drehen über Ost-Berlin. Man müsste die Autos austauschen, ansonsten nicht viel.

Auch die alte Schule ist verschwunden. Auf dem letzten Foto sieht man sie noch im Hintergrund, vor einigen Jahren wurde sie abgerissen und ein neues Gebäude errichtet, rund und apfelsinenfarben. Ein Kiez-Treff, der Yoga-Kurse anbietet, eine Senioren-Singgruppe und Osteoporose-Gymnastik. Die alte Schule war blassweiß und eckig. Ein DDR-Einheitsschulneubau. Die einzigen Überlebenden auf dem letzten Foto sind anscheinend wir selbst. 19 junge Ost-Berliner, gerade volljährig, vor einer verblassenden Kulisse.

Im Sommer 1990 machte unsere Lichtenberger Klasse noch eine Abschlussfahrt in die CSSR. Wir saßen dort in einer verrumpelten Kneipe, umhüllt von Zigarettenrauch, und sahen im Fernsehen, wie die D-Mark nach Ost-Berlin kam, wie unsere Landsleute die Sparkassen stürmten. Kurze Zeit später verabschiedeten wir uns voneinander und gingen los. Jeder in seine Richtung. Wir hatten den gleichen Startpunkt, wir kannten uns in einer anderen Gesellschaftsordnung.

Manche gingen anschließend nach Westen, weil dort die Zukunft zu liegen schien, manche suchten den Weg im Osten, der ihnen vertrauter war. Vielleicht sind wir ja trotzdem alle irgendwo angekommen in den vergangenen fast 20 Jahren.

Die Frage ist, wo das sein könnte.

Und wie wir dort leben.

Maria Pfennig blieb im Osten. Man kann sie sich auch nur schwer vorstellen im Westen. Auch nach all den Jahren nicht. Auf dem Wohnzimmertisch in Berlin-Pankow steht eine Kanne mit Kaffee, es ist früher Sonntagnachmittag, aber Maria ist noch nicht lange wach. Am Abend war sie auf einem Geburtstag, jetzt kämpft sie gegen die Müdigkeit und sucht ihr Leben zusammen. Wahrscheinlich hat sie von uns allen den weitesten Weg zurückgelegt. Nicht geografisch, eher ideologisch. Maria hing an der DDR. Die Wende war für sie erst mal eine Niederlage.

Maria war unsere FDJ-Sekretärin, eine aufrichtig Überzeugte. Ihre Großeltern waren Kommunisten aus der Aufbaugeneration der DDR, Schriftsteller, Dramaturgen, Meisterschüler von Bertolt Brecht. Ihr Vater war Sprengmeister bei den "bewaffneten Organen", der Staatssicherheit, beauftragt, die DDR-Führung vor Anschlägen zu schützen. "Es war schmerzhaft für mich, als das Land so zerbröselte", sagt Maria. "Ich war sauer auf die Erwachsenen. Ich fühlte mich alleingelassen. Ich war die Generation, die das Land jetzt prägen sollte, und dann gab es die DDR nicht mehr. Auch das, was ich studieren wollte, Lehrerin für Deutsch und Staatsbürgerkunde, gab es plötzlich nicht mehr." Maria trug rote, wilde Haare damals, und als die Mauer fiel, ging sie nicht rüber nach West-Berlin, so wie wir anderen. Sie blieb bockig im Osten. Erst im Dezember überquerte sie zum ersten Mal die Grenze, zusammen mit Markus, einem Mitschüler. Sie gingen auf eine Party in Kreuzberg. "Alle waren da irgendwie bekifft", sagt Maria. Es ist ihr erstes Bild vom Westen.

Gleich 1990 wurde Maria schwanger. Mit 18, ein Unfall. Sie taumelte durch die Wendezeit, suchte Halt bei trotzkistischen Ideen, in der Antifa-Szene, im Februar 1991 brachte sie ihre erste Tochter zur Welt, sie zog in eine kleine Altbauwohnung in Berlin-Friedrichshain, Ofenheizung, kein Bad. "Das Kind war wichtig. Ich nutzte die Mutterschaft, um so etwas wie Identität zu schaffen." Später studierte Maria an der Humboldt-Universität Sozialtherapie, für ein paar Jahre feierte sie aus Trotz und Spaß weiter den 7. Oktober, den Nationalfeiertag der DDR. Mitte der neunziger Jahre wurde sie ein zweites Mal Mutter. Das Leben beruhigte sich ein bisschen.

Maria arbeitet heute bei einem Kinderbetreuungsangebot als Projektentwicklerin. Sie ist Abgeordnete im Bezirksparlament für Bündnis 90/Die Grünen und macht Schulpolitik. Sie ist parteilos. Sie würde auch in keine Partei eintreten, sagt Maria. Das habe sie aus der Wende gelernt. "Ich habe mich einmal für eine Idee verheizen lassen. Das reicht. Ich bin vorsichtig geworden." Maria ist alleinerziehende Mutter, ihre älteste Tochter ist heute so alt, wie Maria war, als die Mauer fiel. 2005 starb Marias Vater, mit Mitte fünfzig. "Er hat die Wende nie richtig verkraftet. Er war kaputt am Ende. Ein enttäuschter Mann, der sich aufgegeben hatte."

Private Fotos, Abiturklasse von Jochen Gutsch.Klassenfahrt Zingst, Herbst 1988. V.l. Jörg Sydow, Markus Sachs, Marco Reinecke, Katharina Sasse, Jochen Gutsch.
Private Fotos, Abiturklasse von Jochen Gutsch.Klassenfahrt Zingst, Herbst 1988. V.l. Jörg Sydow, Markus Sachs, Marco Reinecke, Katharina Sasse, Jochen Gutsch.
privat

Private Fotos, Abiturklasse von Jochen Gutsch.
Klassenfahrt Zingst, Herbst 1988. V.l. Jörg Sydow, Markus Sachs, Marco Reinecke, Katharina Sasse, Jochen Gutsch.

Mit den Jahren änderte sich Marias Bild von der DDR. Es bekam Risse. Aber es fiel nie ganz zusammen. "Was wäre in der DDR noch gekommen? Ich hätte studiert, geheiratet, Ehekredit, fertig. Wahrscheinlich hätte ich mich irgendwann erschrocken über meine DDR. Wenn ich dort noch leben würde, wäre ich heute vielleicht eine sehr gebrochene Figur", sagt Maria.

Ist das jetzt ihr Land geworden? Die Bundesrepublik Deutschland?

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Dieser Beitrag erschien zum ersten Mal in der SPIEGEL-Ausgabe 43/2009.
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