Motschmann, 66, ist stellvertretende Landesvorsitzende der CDU Bremen und Mitglied im Bundesvorstand ihrer Partei. Nach zahlreichen politischen Ämtern in Bremen sitzt sie seit 2013 im Deutschen Bundestag und ist Sprecherin für Kultur und Medien der CDU/CSU-Bundestagsfraktion. Die Mutter dreier Kinder und Frau eines Pfarrers ist Mitglied der evangelischen Kirche und sehr religiös. Sie verfasste Aufsätze, in denen sie größere Wertschätzung für Mütter und Hausfrauen forderte, und zoffte sich mit Feministinnen wie Alice Schwarzer.

SPIEGEL: Frau Motschmann, Sie waren einst glühende Verfechterin der klassischen Hausfrauenehe. Heute bezeichnen Sie sich selbst als Feministin. Was ist geschehen?

Motschmann: Hätten Sie mich vor 20 oder 30 Jahren gefragt, ob ich Feministin bin, hätte ich es weit von mir gewiesen. Aber dann kam die Realität dazwischen. Ich halte es für ein Unding, dass Frauen in Leitungsfunktionen absolut unterrepräsentiert sind. Die Zahl der Frauen im Deutschen Bundestag ist sogar wieder geschrumpft, gerade auch in meiner Unionsfraktion. Wir waren schon mal bei einem Frauenanteil von 25 Prozent, jetzt sind wir auf 20 Prozent abgesackt. In den Ministerien sind deutlich mehr Männer als Frauen in Spitzenpositionen. Das Gleiche gilt für Rundfunkanstalten, Gewerkschaften, Banken, Versicherungen, Dax-Unternehmen. Das ist doch deprimierend.

SPIEGEL: Mit welchem Rollenverständnis sind Sie groß geworden?

Motschmann: Ich wurde sehr konservativ, sehr traditionell erzogen. Meine Mutter war immer zu Hause, so war der Zeitgeist. In jedem CDU-Wahlprogramm stand damals: Während der ersten drei Lebensjahre eines Kindes sollte die Mutter bei den Kindern bleiben, beruflich zurückstecken oder am besten ganz aufhören zu arbeiten. Das habe ich aus voller Überzeugung auch so gemacht. Ich habe drei fröhliche Kinder, deshalb bereue ich das nicht. Aber es hat den Nachteil, dass man entweder später in den Beruf startet – oder durch eine lange Pause zurückgeworfen wird.

SPIEGEL: Sie waren eine Verfechterin der klassischen Rollenverteilung.

Motschmann: Ja, dass die Frau sich in einer Ehe vor allem um Kinder und Haushalt kümmert, war für mich absolut positiv. Ich habe meinen Mann gern in seiner Arbeit unterstützt und hatte nie das Gefühl, dass ich benachteiligt oder zurückgesetzt bin. Ich habe 1986 sogar ein Buch herausgegeben mit dem Titel: "Nur Hausfrau? Zeit haben für die Zukunft unserer Kinder". Früher war ich überzeugt, dass es unmöglich ist, sich verantwortungsvoll um die Entwicklung eines Kindes zu kümmern und gleichzeitig Karriere zu machen. Heute sage ich: Es geht beides. Viele Frauen meiner Generation sind, als sie Mutter wurden, in Teilzeit gegangen oder haben ihren Job ganz aufgegeben. Das sind jetzt diejenigen, die mit den geringen Renten klarkommen müssen. Insbesondere, wenn sie geschieden sind.

SPIEGEL: Gab es ein Erlebnis, das Ihr Umdenken eingeleitet hat?

Motschmann: Das war ein Prozess. Es fuchst mich, dass es für Männer immer noch viel leichter ist, in hohe Ämter und Positionen zu gelangen. Ich habe das im Berufsleben auf Schritt und Tritt erlebt, das hat meine Sicht verändert. Frauen haben heute teilweise die besseren Abiturzeugnisse und Examina, sie haben die gleichen Praktikumserfahrungen, und deshalb ärgert es mich, wenn die Bildungsrendite von Männern deutlich besser ist als bei Frauen.

SPIEGEL: Wie konnte es passieren, dass der Anteil der Frauen in der Unionsbundestagsfraktion zuletzt sogar gesunken ist?

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Dieser Beitrag erschien zum ersten Mal in der SPIEGEL-Ausgabe 34/2019.
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