Daniel Kofahl lehrt Ernährungssoziologie an der Universität Wien. Der 37-Jährige leitet das "Büro für Agrarpolitik und Ernährungskultur" und forscht an der TU Berlin zur Praxis und Ästhetik des Essens.  

"Es muss stärker darum gehen, wie der Genuss um des Genusses willen seinen Sinn finden kann."

SPIEGEL: Herr Kofahl, essen Sie immer das, worauf Sie Lust haben?

Kofahl: So oft wie möglich. Es ist natürlich manchmal nicht das verfügbar, worauf ich gerade Appetit habe. Aber das Lustprinzip ist mir schon das Wichtigste beim Essen.

SPIEGEL: Es hat sich in den vergangenen Jahrzehnten herumgesprochen, wie wir uns am besten gesund ernähren – eine erfreuliche Entwicklung, oder?

Kofahl: Nein! Die gegenwärtige Lebenskultur ist in weiten Teilen vom Gesundheitsdiskurs geradezu brainwashed. Die Gesundheitslobby dramatisiert den moralischen Diskurs darüber, was wir essen dürfen und was nicht, indem sie uns vorrechnet, welche Lebens- und Ernährungsweise die Gesellschaft ökonomisch belastet und deshalb nicht statthaft ist. So gehen die Enthaltsamkeitsfanatiker aggressiv gegen Lebensstile vor, die den Genuss und die kulinarischen Traditionen bevorzugen.

SPIEGEL: Die Verfechter einer gesunden Lebensweise sehen sich selbst als vernünftig, nicht als fanatisch an. Was spricht gegen ihre Empfehlungen?

Kofahl: Es nimmt eindeutig zu, dass uns Angst vorm Essen und Genießen gemacht wird. Ob das die abschreckenden Bilder auf den Zigarettenschachteln sind oder die abstoßenden Filme aus Schlachthöfen, die in ausgewählten Ausschnitten nur zeigen, wie furchtbar es da vermeintlich immer zugeht. Beim Thema Übergewicht werden nur extrem dicke Menschen vorgeführt, um Leute einzuschüchtern. Das sind massenhaft verbreitete Bilder, die man ganz schwer wieder aus den Köpfen kriegt.

SPIEGEL: Was spricht dagegen, wenn jemand von Bratwurst, Pommes frites, Cola umschwenkt zur Gemüsepfanne mit Ziegenkäse, Tee oder Mineralwasser?

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Dieser Beitrag erschien zum ersten Mal in der SPIEGEL Wissen-Ausgabe 3/2019.
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