Dieses Interview dürfte es nicht geben. Denn es bricht mit den Gepflogenheiten zwischen Presse und Behörden. Will ein Journalist einen Beamten befragen, muss er das beantragen. Und je heikler das Thema, desto stärker wird sich die Behördenleitung oder ein Ministerium in das Gespräch einschalten, desto größer wird der Druck auf den Interviewten, genau das zu sagen, was seine Vorgesetzten gern lesen wollen. Der Wahrheitsfindung dient das nicht. Und deswegen haben wir uns entschieden, dieses Interview anonym zu führen. 

Der Beamte, den wir zu seinem Schutz Marc Lindner nennen, will den Wahnsinn zeigen, mit dem er tagtäglich zu tun hat, und der ihm immer stärker zusetzt. Er arbeitet in verantwortlicher Position in einer der bundesweit 600 kommunalen Ausländerbehörden, zuständig für das sogenannte Rückkehrmanagement, in das auch Abschiebungen abgelehnter Asylbewerber fallen. Lindner ist mutig, ratlos auch, er ist jemand, der es nicht mehr aushält, das ganze Verwaltungskleinklein, die politischen Vorgaben, das marode System, seine Überarbeitung und die seiner Kollegen. Deswegen will er reden.  

SPIEGEL: Sie schieben Menschen ab. Warum?

Lindner: Es ist das letzte Mittel am Ende eines komplizierten Verfahrens. Letztlich setze ich in der Ausländerbehörde die Asyl-Entscheidung des Bundesamtes für Migration und Flüchtlinge um. Nicht mehr und nicht weniger. 

SPIEGEL: Welche Menschen schieben Sie ab?

Lindner: Männer, Familien, sehr selten allein reisende Frauen. Viele kommen aus sicheren Herkunftsstaaten und wollten aus wirtschaftlicher Not in Deutschland bleiben. Ein Teil ist tatsächlich vor Krieg oder Verfolgung geflohen, doch oft haben diese Menschen vorher bereits in anderen Staaten der Europäischen Union um Asyl gebeten, das sind die sogenannten Dublin-Fälle. Sie sind aber – obwohl sie in Griechenland, Bulgarien oder Italien ebenfalls sicher wären – weiter nach Deutschland gezogen, vor allem weil unser Sozial- und Gesundheitssystem besser ist. Deutschland ist für sie das gelobte Land. Einige der Menschen, die wir abschieben müssen, haben großes Potenzial. Sie wären ein Gewinn für unsere Gesellschaft. Ein Asylantrag ist in solchen Fällen jedoch der falsche Weg. Meine Kollegen und ich beraten diese Menschen sehr intensiv, Deutschland freiwillig zu verlassen, um dann etwa ein Arbeitsvisum für ihre Rückkehr zu beantragen. Wir haben aber auch mit Menschen zu tun, die in Deutschland nur abkassieren wollen, mit Straftätern und Terrorverdächtigen. Doch das ist nicht die Mehrheit. 

SPIEGEL: Gehen Ihnen die Schicksale dieser Abgeschobenen nahe?

Lade...

Gutes lesen. Mehr verstehen.

Sie haben keinen Zugang? Jetzt gratis testen!

  • Jeden Tag mehr Durchblick: Besondere Reportagen, Analysen und Hintergründe auf SPIEGEL ONLINE zu Themen, die unsere Gesellschaft bewegen, von Reportern in aller Welt.
  • Dazu die digitale Ausgabe des wöchentlichen Magazins.
  • Einmal anmelden, überall nutzen – mobil, Web, Tablet, auf allen Ihren Geräten.
  • Flexible Laufzeit, jederzeit online kündbar
Hinweis

SPIEGEL+ kann in Ihrer App leider nicht dargestellt werden. Bitte installieren Sie die aktuelle App-Version oder wechseln Sie auf die mobile Website m.spiegel.de, um SPIEGEL+ lesen zu können. Vielen Dank!

SPIEGEL+ kann in Ihrem Browser leider nicht dargestellt werden. Bitte installieren Sie die aktuelle Version Ihres Browsers oder wechseln Sie zu einem anderen aktuellen Browser, um SPIEGEL+ lesen zu können. Vielen Dank!

SPIEGEL+ kann auf Ihrem Gerät leider nicht angezeigt werden. Bitte aktualisieren Sie, wenn möglich, Ihr Betriebssystem. Vielen Dank!