Wenn es ein Vorbild dafür gibt, wie sich Ursula von der Leyen ihre künftigen Kommissare vorstellt, dann müsste es Jutta Urpilainen sein. Die Finnin ist zwar gestandene Sozialdemokratin und kommt damit aus einer anderen Parteienfamilie als von der Leyen. Aber auf die Stimmen der Sozialdemokraten im Europäischen Parlament ist die neue deutsche Kommissionspräsidentin besonders angewiesen. Auch fiel Urpilainen als Finanzministerin ihres Landes vor allem dadurch auf, dass sie währen der Eurokrise manchmal noch gnadenloser auftrat als der damalige deutsche Finanzminister Wolfgang Schäuble. Dieser Umstand gefällt von der Leyens Parteifreunden aus der Europäischen Volkspartei (EVP). 

Vor allem aber ist Urpilainen eine Frau und hilft von der Leyen so, ihr großes Versprechen einzulösen: Die künftige Kommissionschefin hatte in ihrer Bewerbungsrede vor dem Europaparlament angekündigt, dass sie die Hälfte der 27 Kommissarposten, von der Leyen inklusive, mit Frauen besetzen will. Nun scheint das Ziel in greifbare Nähe zu rücken. Mindestens 12 oder 13 künftige Kommissionsmitglieder könnten Frauen sein. Offen ist allerdings noch, ob die Vertreterin aus Rumänien zum Zuge kommt und wen Italien nominiert. „Wir werden einige sehr starke Frauen in der nächsten Kommission haben, die auch wichtige wirtschaftsnahe Portfolios besetzen“, sagt von der Leyen dem SPIEGEL.

Für die Niedersächsin wäre das ein Erfolg, den ihr noch vor wenigen Wochen nur wenige zugetraut hätten. Da sah es so aus, als würden die Mitgliedsländer wie immer hauptsächlich Männer nominieren, nur wenige Staaten entsprachen von der Leyens Bitte, ihr zumindest jeweils einen Mann und eine Frau zur Auswahl vorzuschlagen. Dabei hatte von der Leyen in ihrer Bewerbungsrede im Parlament vorgerechnet, dass die EU-Kommission seit 1958 zwar 183 Mitglieder gehabt habe, jedoch nur 35 davon Frauen waren, also weniger als 20 Prozent. 

Doch wie es jetzt aussieht, könnte künftig sogar ein weibliches Spitzentrio die EU-Kommission prägen. Neben von der Leyen soll Margrethe Vestager auch in der neuen Kommission ein Star sein. Die dänische Wettbewerbskommissarin, die sich mit Internet-Giganten wie Apple und Google angelegt hat, steigt zur Vizepräsidentin auf. Nach allem was man hört, soll sie sich um Wirtschaftsthemen und Digitales kümmern, offiziell bestätigt ist das allerdings nicht.

Klar ist dagegen, dass von der Leyen und Vestager rasch einen Draht zueinander gefunden haben. Kurz nachdem die Staats- und Regierungschefs von der Leyen ziemlich überraschend als Kommissionschefin nominiert hatten, trafen sich beide zum Plausch unter vier Augen. Als von der Leyen kurz nach ihrer Wahl im Europaparlament Ende Juli Fernsehteams aus ganz Europa mit Mini-Interviews bediente, gesellte sich Vestager dazu und hörte einfach zu. Die Chemie zwischen den Frauen stimmt, auch weltanschaulich passen sie zusammen und sprechen ein liberales, großstädtisches Publikum an.

Komplettiert wird das weibliche Führungstrio seit Mittwoch durch Sylvie Goulard. Die stellvertretende französische Zentralbankchefin pflegt einen engen Draht zu dem Mann, dem von der Leyen ihr Amt verdankt – Frankreichs Präsidenten Emmanuel Macron. Von der Leyen kennt Goulard aus deren kurzer Zeit als französische Verteidigungsministerin, und Vestager hatte mit Goulard zu tun, als sie für die Liberalen im Europaparlament saß. Derzeit ist offen, welches Portfolio die Französin erhält. Aber ohne Einfluss, so viel steht fest, wird sie sicher nicht sein. 

Von der Leyen erhofft sich von der stärkeren Rolle der Frauen eine Veränderung der Diskussionskultur in der Kommission, wie sie sagt. „Meine Erfahrung ist, dass sich mit steigendem Frauenanteil etablierte Diskussionsmuster ändern, es eine andere Art zu kommunizieren gibt.“ Mit Argumenten wie diesem versuchte sie den Staats- und Regierungschefs in den vergangenen Wochen schmackhaft zu machen, vermehrt Frauen vorzuschlagen. Auch der ein oder andere zarte Hinweis, dass sich die Chance auf ein gutes Portfolio mit einer weiblichen Kommissionsanwärterin verbessern könnte, dürfte nicht unterblieben sein. Am Ende schickten neben den bereits genannten Ländern Bulgarien, Estland, Kroatien, Malta, Portugal, Schweden, Tschechien und Zypern Frauen.

Noch kann sich an dieser Besetzung freilich einiges ändern. Grund dafür ist vor allem die Regierungskrise in Italien, die dazu führt, dass das Land noch keinen EU-Kommissar benannt hat. Doch ohne zu wissen, wen das nach dem Brexit künftig drittgrößte EU-Mitglied nominiert, kann von der Leyen ihr Personaltableau nicht festzurren.

Zudem ist die Begeisterung nicht über alle weiblichen Kommissaranwärterinnen gleichermaßen groß. Elisa Ferreira etwa, die bisherige Vizepräsidentin der portugiesischen Nationalbank, ist für den Posten des Währungskommissars im Gespräch. Für von der Leyens Parteifreunde von der EVP wäre die Frau mit diesem Portfolio aber eine echte Zumutung – Fereirra, die lange Europaabgeordnete war, ist in Brüssel nicht als jemand in Erinnerung geblieben, dem die Schuldenregeln des Stabilitäts- und Wachstumspaktes besonders am Herzen liegen. 

Ungewiss ist auch, ob Marija Gabriel erneut ein wichtiges Amt bekommt. Bislang war die Bulgarin für Digitalisierung zuständig, positiv aufgefallen ist sie dabei jedoch kaum. Im Gegenteil: Als sie im Ringen um die Besetzung der EU-Spitzenposten kurzzeitig als EU-Chefdiplomatin im Gespräch war, gab es sogar in ihrer eigenen Partei Unruhe.

Gut möglich, dass die Europaparlamentarier, die von der Leyens Personalpaket Ende Oktober absegnen müssen, noch Änderungen durchsetzen. Sie wollen genau hinschauen, ob der Frauenrekord am Ende mehr ist als ein PR-Gag der neuen Kommissionschefin. „Es ist ja schön, wenn die Zahl am Ende stimmt“, sagt etwa Ska Keller, die Fraktionschefin der Grünen im Europaparlament. „Es wäre aber nicht ausreichend, wenn Frauen am Ende nur die Ressorts Kultur und Sport bekämen.“

Ewig Zeit zu puzzeln hat von der Leyen nicht. Ab Ende September müssen sich ihre Kommissare strengen Anhörungen im Europaparlament unterziehen. Auch Macrons Bewerberin Goulard wird sich dann kritischen Fragen stellen müssen über den angeblichen Missbrauch von EU-Geldern durch ihre Partei, während sie im Europaparlament saß. Es wäre nicht unüblich, wenn der eine oder andere Kandidat danach noch ausgetauscht werden müsste.

Hauptsache für von der Leyen, dass die Zahl der Kommissarinnen dann noch stimmt.

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Dieser Beitrag erschien zum ersten Mal in der SPIEGEL-Ausgabe 36/2019.

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