Marion Jodeit (59) ist Sozialpädagogin und Künstlerin. Sie arbeitet als eine der Leiterinnen des Bremer Kinder- und Familienzentrums Thedinghauser Straße und hat jahrelang Kindermalgruppen geleitet. Die Einrichtung ist eine der Partnerkitas der Kunsthalle.

Birgit Kausch (59) ist Diplom-Psychologin. Bei KiTa Bremen arbeitet sie als Fachberaterin mit dem Schwerpunkt Ästhetische Bildung. Unter anderem ist es dort ihre Aufgabe, in den 89 Einrichtungen Kunstprojekte und Programme zu initiieren, die den Kindern Zugänge zur Kunst ermöglichen.

Radek Krolczyk (41) ist Kunstkritiker und betreibt in Bremen die Galerie K'. 2018 erhielt er den Kunstkritikerpreis der Arbeitsgemeinschaft Deutscher Kunstvereine (ADKV) für seine "präzise, unaufgeregte Kritik, die große Gesten zugunsten einer beharrlichen Auseinandersetzung vermeidet".


Ein Hinterhof im "Viertel", dem verrumpeltsten und beschaulichsten Stadtteil Bremens. Silberregen wuchert an den Wänden, in den Häusern befinden sich Ateliers von Künstlern, Architekten, Instrumentenbauern. In einer Ecke befindet sich der Eingang zu K' (gesprochen K-Strich), der Galerie von Radek Krolczyk. Hier trifft der Galerist und Kunstkritiker die Psychologin Birgit Kausch und die Sozialpädagogin Marion Jodeit, um über die Unterschiede zwischen Kinderbild und Kunstwerk zu sprechen.

SPIEGEL ONLINE: Immer wieder werden in der Presse und Teilen der Kunstwelt Wunderkinder gefeiert, malende Minikünstler, manche sind bei ihrer ersten Ausstellung gerade mal zwei Jahre alt. Radek Krolczyk, Sie sind Galerist und Kunstkritiker, was halten Sie von diesen Werken?

Krolczyk: Ein Kinderbild ist zunächst erst mal ein Kinderbild.

SPIEGEL ONLINE: Klingt fies.

Krolczyk: Ist aber nicht so gemeint. Das Werk eines Künstlers steht immer in einem Entwicklungszusammenhang. Der Künstler hat Arbeiten davor und Arbeiten danach geschaffen, hat über eine lange Zeit seine Themen gefunden und eine Formensprache erarbeitet. Diese Entwicklung kann es bei einem Kind noch nicht geben. Ein weiterer Unterschied zwischen dem Malen des Künstlers und dem des Kindes ist die Zweckfreiheit. Der Künstler malt für die Galerie und den Verkauf, das Kind nicht. Bei ihm ist das Malen Selbstzweck.

Einfach drauflos: Beim frühkindlichen Malen haben Kinder noch kein Bewusstsein für Farben. Es ist ihnen noch nicht einmal bewusst, dass sie mit den Stiften Spuren hinterlassen. Erstmal ist da nur die Bewegung. Ihre frühen Bilder entstehen wie hier durch Hiebkritzeln.
Sarah Engel

Einfach drauflos: Beim frühkindlichen Malen haben Kinder noch kein Bewusstsein für Farben. Es ist ihnen noch nicht einmal bewusst, dass sie mit den Stiften Spuren hinterlassen. Erstmal ist da nur die Bewegung. Ihre frühen Bilder entstehen wie hier durch Hiebkritzeln.

Sturm auf dem Blatt: Etwas später entstehen Urknäuel wie in diesem Beispiel. Diese Art des Malens wird auch Kreiskritzeln genannt.
Birte Bredow

Sturm auf dem Blatt: Etwas später entstehen Urknäuel wie in diesem Beispiel. Diese Art des Malens wird auch Kreiskritzeln genannt.

Malzeit: Das schwungvolle Hin und Her, wie man es hier in orange sehen kann, heißt Schwingkritzeln. An diesem Bildbeispiel kann man sehen, dass die einzelnen Entwicklungsphasen nicht isoliert voneinander stattfinden, sondern einmal Erlerntes immer wieder auftaucht.
Sarah Engel

Malzeit: Das schwungvolle Hin und Her, wie man es hier in orange sehen kann, heißt Schwingkritzeln. An diesem Bildbeispiel kann man sehen, dass die einzelnen Entwicklungsphasen nicht isoliert voneinander stattfinden, sondern einmal Erlerntes immer wieder auftaucht.

Alles auf einmal: Auch bei diesem Bild sieht man noch Spuren früherer Entwicklungsschritte. Oben links finden sich Pulspunkte, die Kinder mit dem Stift auf das Papier klopfen. Oder das sogenannte Urkreuz, das Kinder malen, wenn sie beginnen, sich aufzurichten.
Felix Keßler

Alles auf einmal: Auch bei diesem Bild sieht man noch Spuren früherer Entwicklungsschritte. Oben links finden sich Pulspunkte, die Kinder mit dem Stift auf das Papier klopfen. Oder das sogenannte Urkreuz, das Kinder malen, wenn sie beginnen, sich aufzurichten.

Sinfonie in Braun: Wenn Kinder malen, interessieren Farben sie weniger als der lustvolle Umgang mit den Materialien, wie dieses Urknäuel zeigt. Während sich viele bunte Tuschfarben auf dem Papier in ein für Erwachsene recht unansehnliches Braun verwandeln, stören Kinder sich nicht an dem Mischmasch.
Alexander Preker

Sinfonie in Braun: Wenn Kinder malen, interessieren Farben sie weniger als der lustvolle Umgang mit den Materialien, wie dieses Urknäuel zeigt. Während sich viele bunte Tuschfarben auf dem Papier in ein für Erwachsene recht unansehnliches Braun verwandeln, stören Kinder sich nicht an dem Mischmasch.

Mama, Papa oder Sonne? Zu den nächsten Entwicklungsschritten gehören der offene und dann der geschlossene Kreis. Als nächstes folgen die Tastkörper. Die Kreise mit Tastkörpern werden von Erwachsenen oft als Sonnen missverstanden. Bei dieser Zeichnung handelt es sich scheinbar bereits um einen Kopffüßler. Diese Kreise mit Gesicht, an die sich Arme und Beine direkt anschließen, sind die ersten Figuren, die Kinder malen.
Theresa Lettner

Mama, Papa oder Sonne? Zu den nächsten Entwicklungsschritten gehören der offene und dann der geschlossene Kreis. Als nächstes folgen die Tastkörper. Die Kreise mit Tastkörpern werden von Erwachsenen oft als Sonnen missverstanden. Bei dieser Zeichnung handelt es sich scheinbar bereits um einen Kopffüßler. Diese Kreise mit Gesicht, an die sich Arme und Beine direkt anschließen, sind die ersten Figuren, die Kinder malen.

Die Vögel: Lange Zeit schweben die Zeichnungen des Kindes frei auf dem Blatt, später beginnen die Figuren Bodenkontakt zu haben. Wie dieser fröhlich dreinschauende Zeitgenosse mit den Vögeln, bei denen wir alle uns erinnern, dass wir sie als Kind genauso gemalt haben – und den Tastkörpern, die wir genauso gemalt haben, ohne uns daran zu erinnern.
Anton Rainer

Die Vögel: Lange Zeit schweben die Zeichnungen des Kindes frei auf dem Blatt, später beginnen die Figuren Bodenkontakt zu haben. Wie dieser fröhlich dreinschauende Zeitgenosse mit den Vögeln, bei denen wir alle uns erinnern, dass wir sie als Kind genauso gemalt haben – und den Tastkörpern, die wir genauso gemalt haben, ohne uns daran zu erinnern.

Hände hoch! Aus den freischwebenden Kreisen mit Tastkörpern werden Hände mit Fingern, die einen Blumenstrauß halten. Der Punkt unten rechts scheint ein Bauchnabel zu sein, wir haben es hier also nicht mehr mit einem Kopffüßler zu tun.
Theresa Lettner

Hände hoch! Aus den freischwebenden Kreisen mit Tastkörpern werden Hände mit Fingern, die einen Blumenstrauß halten. Der Punkt unten rechts scheint ein Bauchnabel zu sein, wir haben es hier also nicht mehr mit einem Kopffüßler zu tun.

Flower Power: Aus den geschlossenen Kreisen entstehen nicht nur Gesichter und Hände, sondern vieles mehr. Etwa diese Topfblumenwiese - mit einem Gesicht in der Mitte, das auf dieselbe Grundform zurückgeht.
Birte Bredow

Flower Power: Aus den geschlossenen Kreisen entstehen nicht nur Gesichter und Hände, sondern vieles mehr. Etwa diese Topfblumenwiese - mit einem Gesicht in der Mitte, das auf dieselbe Grundform zurückgeht.

Eckhaus: Später beginnen die Kinder die erlernten Grundformen zu komplexeren Strukturen zusammenzufügen. Etwa dieses Haus aus Recht- und Dreiecken.
Rosa Kaiser

Eckhaus: Später beginnen die Kinder die erlernten Grundformen zu komplexeren Strukturen zusammenzufügen. Etwa dieses Haus aus Recht- und Dreiecken.

Regenbogenfarben: Kindern ist es nicht wichtig, ihre Umwelt so zu malen, wie sie aussieht. Da darf ein Regenbogen problemlos schwarz-lila-türkis sein, wenn die Farben nichts anderes hergeben. Die Erkenntnis, dass sich die Umwelt nicht so leicht realistisch abmalen lässt - und die oft damit verbundene Enttäuschung - kommt erst später.
Nike Laurenz

Regenbogenfarben: Kindern ist es nicht wichtig, ihre Umwelt so zu malen, wie sie aussieht. Da darf ein Regenbogen problemlos schwarz-lila-türkis sein, wenn die Farben nichts anderes hergeben. Die Erkenntnis, dass sich die Umwelt nicht so leicht realistisch abmalen lässt - und die oft damit verbundene Enttäuschung - kommt erst später.

Darf ich denn überhaupt mit meinem Kind malen? Das könnten sich manche Eltern nach der Lektüre des Interviews fragen. Die Sozialpädagogin Marion Jodeit gibt Entwarnung. "Gerne sollen Eltern mit ihren Kindern malen. Vor allem ist es aber wichtig, den Kindern qualitativ gutes Material zur Verfügung zu stellen (weiche Stifte, leuchtende Farben) und gutes, unbeschriebenes Papier."
Felix Keßler

Darf ich denn überhaupt mit meinem Kind malen? Das könnten sich manche Eltern nach der Lektüre des Interviews fragen. Die Sozialpädagogin Marion Jodeit gibt Entwarnung. "Gerne sollen Eltern mit ihren Kindern malen. Vor allem ist es aber wichtig, den Kindern qualitativ gutes Material zur Verfügung zu stellen (weiche Stifte, leuchtende Farben) und gutes, unbeschriebenes Papier."

"Gemeinsames Malen von Eltern mit ihren Kindern kann eine lustvolle Sache sein", so Jodeit weiter, "aber auf Bewertung sollte möglichst verzichtet werden."
Antja Blinda

"Gemeinsames Malen von Eltern mit ihren Kindern kann eine lustvolle Sache sein", so Jodeit weiter, "aber auf Bewertung sollte möglichst verzichtet werden."

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