SPIEGEL: Herr Reul, schützt der Staat seine Kinder gut genug?

Reul: Nein. Es macht mich wahnsinnig, dass wir als Gesellschaft das Thema Missbrauch über Jahrzehnte nicht ernst genug genommen haben. Auch die Polizei muss etwas verändern. Deshalb ist es mir so wichtig, dass alles, was im Fall Lügde schiefgelaufen ist, aufgeklärt wird.

SPIEGEL: Auf einem Campingplatz sollen der Hauptbeschuldigte Andreas V. und ein Komplize mindestens 40 Kinder missbraucht und dabei gefilmt haben. Warum hat die Polizei nicht gehandelt, als es schon vor Jahren Hinweise gab?

Reul: Die Beamten hätten die Hinweise an die Staatsanwaltschaft weiterleiten müssen, ein klarer Fehler, der auch Konsequenzen hatte. Gegen die Polizisten wird ermittelt. Ich bin relativ sicher, dass sie nicht aus böser Absicht gehandelt haben, denn sonst hätten sie die Vorgänge nicht aufgenommen und abgeheftet.

SPIEGEL: Wie kann man so etwas einfach weglegen?

Reul: Es gab Behördenversagen. Ich frage mich auch, wie das Jugendamt in diese vermüllte Bude auf dem Campingplatz ein Pflegekind geben konnte.

SPIEGEL: Bei der Polizei Lippe, die zunächst ermittelte, sind 155 CDs und DVDs verschwunden, die bei Andreas V. gefunden worden waren. Wollten Beamte belastendes Material aus dem Weg räumen?

Reul: Es gibt bislang keine Indizien, dass Verbindungen zwischen der Polizei und dem Beschuldigten bestanden. Aber ich habe mir abgewöhnt zu sagen: Ich weiß alles zu 100 Prozent.

SPIEGEL: Als kürzlich die Behausung von Andreas V. abgerissen wurde, tauchten erneut CDs und VHS-Kassetten auf, die die Polizei übersehen hatte. Wie kann das sein?

Reul: Die Datenträger befanden sich an Stellen, wo sie von den Polizisten nicht gesehen und vom Spürhund nicht erschnuppert wurden. Die VHS-Kassetten tauchten plötzlich auf einem Abrisscontainer auf.

SPIEGEL: Sie haben versprochen: "Wir werden auf dem Campingplatz jeden Stein umdrehen." Das ist nicht passiert.

Reul: Die Polizei Bielefeld hat alles getan, was ihr möglich war. Staatsanwaltschaft und Polizei haben dann den Tatort freigegeben, damit konnte die Behausung abgerissen werden.

SPIEGEL: War das nicht zu früh?

Reul: Im Nachhinein ist man immer schlauer. Da hätte ich mit dem Abriss gewartet und die Arbeiten gern von der Polizei begleiten lassen.

SPIEGEL: Die Firma entdeckte auch einen Schuppen von Andreas V., den die Polizei vorher nie durchsucht hatte.

Reul: Das hat mich geärgert, der hätte den Beamten auffallen müssen. Der Campingplatz ist ein großes Gelände, wir werden es uns weiter genau ansehen und die Menschen dort befragen. Die Arbeit ist noch nicht beendet.

Politiker Reul "Vertrauen zurückgewinnen"
FEDERICO GAMBARINI / DPA
Politiker Reul "Vertrauen zurückgewinnen"

SPIEGEL: Wonach wollen Sie suchen?

Reul: Ich will, dass alles Menschenmögliche getan wird. Es ist nicht ausgeschlossen, dass es da noch einen Fall gibt, ein Opfer, das sich noch nicht gemeldet hat. Oder dass der Verdächtige andere Verstecke hatte.

SPIEGEL: Aufgrund der neuesten Funde haben Sie Kontrolleure aus dem Ministerium zu den Bielefelder Ermittlern geschickt. Trauen Sie Ihren Polizisten nicht mehr?

Reul: Das sind keine Kontrolleure. Es geht um Unterstützung für die Ermittler. Sie kommen bei der Dimension dieses Falls personell an ihre Grenzen.

SPIEGEL: Die Opposition im Landtag fordert Ihren Rücktritt. Haben Sie selbst schon darüber nachgedacht?

Reul: Keine Sekunde.

SPIEGEL: Haben Sie keine Fehler gemacht?

Reul: Ich kann das nicht ausschließen.

SPIEGEL: Hätten Sie der Polizei in Lippe etwa den Fall früher wegnehmen müssen?

Reul: Das war zum damaligen Zeitpunkt richtig. Aber ich habe darüber nachgedacht. Aus Lippe hieß es, man habe alles im Griff. Selbst die Staatsanwaltschaft sah das so. Mit dem Wissen von heute würde man den Fall schneller übergeben.

SPIEGEL: Warum sollen sich Missbrauchsopfer nach all den Versäumnissen noch vertrauensvoll an die Polizei wenden?

Reul: Weil die Polizei, auch wenn Fehler passieren, als Institution verlässlich bleibt. Klar ist aber auch, dass wir Vertrauen zurückgewinnen müssen. Dafür brauchen wir einen offenen Umgang mit dem, was schiefläuft. Es gibt bei der Polizei Nachholbedarf in Sachen Fehlerkultur. Und ich möchte, dass wir das Thema Kinderpornografie und Missbrauch in den Griff bekommen. Der Fall muss Folgen haben: für Personalausstattung, Technik, Fortbildung. Es ist die größte Aufgabe meiner Amtszeit.

SPIEGEL: Im Juni soll der Prozess beginnen, was erwarten Sie?

Reul: Juristisch kann ich das nicht sagen, das muss das Gericht entscheiden. Aber ich hoffe, dass die Täter angemessen bestraft werden, weil es eine hohe Symbolkraft hat. Es ist wichtig, dass das Signal gegeben wird: So etwas lassen wir nicht zu.

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Dieser Beitrag erschien zum ersten Mal in der SPIEGEL-Ausgabe 18/2019.

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