Wenn Christian Lindner in den vergangenen Monaten parteiinterne Kritik über sich las, kam sie fast ausschließlich von einem Liberalen, der seine Karriere schon lange hinter sich hat. "Undeutlich, lebensfremd und kühl" sei die FDP geworden, so Gerhart Baum, 86 Jahre alt, Bundesinnenminister von 1978 bis 1982. Dass sich außer Baum kaum jemand mit Kritik an Lindners Kurs vorwagte, machte es für den Parteichef einfach, die Wortmeldungen als gestrig abzutun. "Das Urteil von Herrn Baum kennen wir schon länger", spottete Lindner im ARD-"Sommerinterview", "er vertritt diese Meinung seit fast 40 Jahren."

Doch jetzt melden sich die Jungen zu Wort. Zwei Monate nach der Europawahl hat der Bundesvorstand der Jungen Liberalen (Juli) zusammen mit den Landesvorsitzenden eine schonungslose Analyse vorgelegt. "Dem Anspruch einer empathischen Zukunftspartei sind die Freien Demokraten im Europawahlkampf 2019 nicht gerecht geworden", heißt es in dem Papier, das dem SPIEGEL vorliegt.

Eine umfassende parteiinterne Aufarbeitung des Wahlergebnisses hat es bislang nicht gegeben. "Mindestens verdreifachen" wollte FDP-Chef Lindner die Zahl der Sitze in Straßburg. Am Ende wurden aus drei Sitzen fünf. "Die Parteibasis und die Gremien wurden nicht ausreichend über Strategie und Kampagne informiert", kritisieren die Jungen Liberalen. In zukünftigen Europawahlkämpfen müsse es der FDP besser gelingen, eine konsistente Vision für Europa zu zeichnen und eigene Kernthemen im Wahlkampf zu setzen.

Zentraler Kritikpunkt ist der Umgang der Parteiführung mit der Klimabewegung. Lindner hatte die "Fridays for Future"-Demonstranten mit dem Satz brüskiert, Klimapolitik solle man "Profis" überlassen.

"Die gemeinsame politische Verantwortung steht über persönlichen Geltungsansprüchen und unabgestimmten Alleingängen", kritisieren die Julis. Damit mag nicht nur Lindner gemeint sein, sondern auch manche Äußerung seines Stellvertreters Wolfgang Kubicki. Aber das Lindner-Zitat hat der FDP nach Auffassung vieler Junger Liberaler sehr geschadet.

"Wir erwarten von Freien Demokraten auf allen Ebenen einen empathischen Umgang mit gesellschaftlichen Bewegungen", heißt es in dem Papier. Junge Menschen seien eine Kernzielgruppe der FDP und verdienten eine andere Ansprache. Gerade sie erwarteten "einen politischen Stil, der auf persönliche Angriffe und Negative Campaigning verzichtet", so die Autoren.

Zwar habe die FDP bei der Europawahl unter Jungwählern mit acht Prozent besser abgeschnitten als beim Rest der Bevölkerung, sagt Juli-Chefin Ria Schröder. "Aber wenn die FDP in der Klimapolitik souveräner und optimistischer aufgetreten wäre, hätten wir bei den jungen Wählern noch mehr gepunktet."

Lindner betrachtet sein verunglücktes "Profi"-Zitat mittlerweile selbst als größten Fehler der vergangenen Monate. "Ich hab mich leider sehr missverständlich und dumm geäußert zu den 'Fridays for Future'-Protesten", sagte er der ARD. "Ich hab es ganz leicht gemacht, unsere Position quasi ins Gegenteil zu verdrehen."

Doch aus Sicht der Julis ist es mit einer Entschuldigung nicht getan. Sie sehen bei der FDP nicht nur ein Kommunikationsproblem, sondern auch ein programmatisches. Zwar finden sie es richtig, dass die FDP-Führung die CO2-Steuer der Grünen ablehnt und stattdessen das bestehende System des Emissionszertifikatehandels auf andere Sektoren wie Verkehr ausweiten will. Die Beschlüsse des FDP-Parteitags vom April gehen den Julis aber nicht weit genug.

Sie fordern in ihrem Papier ein "Treibhauslimit", also eine Grenze für den Ausstoß aller klimaschädlichen Treibhausgase. Neben CO2 wären zum Beispiel Lachgas und Methan betroffen. Das würde automatisch die Landwirtschaft einschließen. Die Erlaubnis zum Ausstoß der Treibhausgase wollen die Jungliberalen über "handelbare Klimascheine" regeln. Zudem sollen, wenn es nach der FDP-Jugendorganisation geht, nicht nur alle Sektoren und Branchen einbezogen werden, sondern auch sämtliche Importe.

In der Parteispitze stößt das Papier auf ein geteiltes Echo. "Jeder konstruktive Beitrag ist erst einmal wertvoll", sagt FDP-Generalsekretärin Linda Teuteberg. "In der Sache teile ich jedoch nicht alle Bewertungen der Jungen Liberalen." Trotzdem gebe sich die Partei mit dem Ergebnis der EU-Wahl nicht zufrieden. "Wir haben Verbesserungspotenzial ausgemacht und werden weiter daran arbeiten", so Teuteberg. Der FDP gehe es darum zu zeigen, dass sich Klimaschutz und Wirtschaftswachstum nicht ausschlössen.

Der klimapolitische Sprecher der FDP-Bundestagsfraktion, Lukas Köhler, begrüßt das Papier. "Es ist gut, dass die Julis mit ihren Ideen vorangehen", sagt Köhler. "Wir brauchen diese Diskussion, um die FDP in der Öffentlichkeit als Klimaschutzpartei zu profilieren."

Die Forderung von CDU-Chefin Annegret Kramp-Karrenbauer nach einem Klimakonsens unterstützt die FDP-Jugendorganisation. "Natürlich sind wir davon überzeugt, dass wir die besten Ideen für den Klimaschutz haben", sagt Juli-Chefin Schröder. "Aber wenn in einem Klimakonsens mit den anderen Parteien am Ende ein Kompromiss herauskommt, der auf andere Weise die Erreichung der Klimaziele sicherstellt, wäre es nicht klug, ideologisch auf die Maximalforderung unserer Instrumente zu beharren."

Das Wichtigste sei, so Schröder, "dass überhaupt endlich etwas passiert".

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Dieser Beitrag erschien zum ersten Mal in der SPIEGEL-Ausgabe 31/2019.

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